Sonntag, 12. September 2021

"Sanctuary: Flucht in die Freiheit" von Paola Mendoza & Abby Sher



Das Thema
USA, 2032: Alle Bürger*innen werden durch einen ID-Chip überwacht. Es ist beinahe unmöglich, undokumentiert zu leben, doch genau das tut die 16-jährige Vali. Nachdem sie aus Kolumbien geflohen ist, hat sich ihre Familie ein Leben in Vermont aufgebaut. Als jedoch der ID-Chip ihrer Mutter nicht mehr funktioniert und ihre Stadt nach Undokumentierten durchsucht wird, müssen sie fliehen. Das Ziel: Kalifornien, der einzige Bundesstaat, der sich der Kontrolle entzogen hat. Doch als Valis Mutter festgenommen wird, muss Vali allein mit ihrem Bruder weiter, quer durchs gesamte Land, bevor es zu spät ist.

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Carlsen Verlag


Ich wollte meinem kleinen Bruder sagen, dass auch ich ohne Mami verloren war und mich vor Sehnsucht nach ihr ganz elend fühlte. Dass auch ich mutterlos, vaterlos, heimatlos und schutzlos war und gejagt wurde Und zusätzlich war ich auch noch für seine Sicherheit zuständig, was mir wie eine unmögliche Aufgabe vorkam. 
Aber ich sagte es nicht. Das konnte ich nicht. Es hätte keinem von uns geholfen. - S. 138


Das Leseerlebnis
Jugendbücher, bzw. Romane zu aktuellen (Brisanz-)Themen zu lesen, stimmt mich oft kritisch. Denn man hat doch meist schon eine selbstgebildete Meinung dazu. Was, wenn die Geschichte diese nicht wiedergibt? Was, wenn das Buch zu klischeehaft, unempathisch, dokumentarisch oder unkritisch ist? Die Liste der Gegenargumente ist lang, das Eis, auf das sich Autor*innen wagen, sehr dünn. Und doch empfinde ich diese Sparte der Jugendbücher wichtig und zeitgerecht. Das ist auch der Grund, warum ich das Lesen hier nicht scheue. "Sanctuary: Flucht in die Freiheit" ist zwar eine fiktive Geschichte, unvorstellbar ist sie für die heutigen USA aber nicht. Das Buch ist feinfühlig, sehr hart und augenöffnend.

Bereits als Kind floh Vali mit ihrer Familie aus Kolumbien in die USA, nachdem das Leben dort zu gefährlich wurde. Seitdem lebte die Familie als unregistrierte Einwanderer ständig in Angst und mit Vorsicht. Der Vater wurde abgeschoben und in Kolumbien ermordet. Und mittlerweile ist das Leben in den USA immer unsicherer und gefährlicher geworden, weil die Gesetzte weiter verschärft wurden. Vali, ihrem Bruder und ihrer Mutter bleibt nichts anderes übrig, als zu versuchen nach Kalifornien zu fliehen, dem einzigen Bundesstaat, der sich den strengen Einwanderungsgesetzen und Abschiebungen entzieht. Als Valis Mutter verhaftet wird, muss sie mit ihrem Bruder quer durchs Land fliehen. Ein fast unmögliches Unterfangen.

"Sanctuary: Flucht in die Freiheit" ist eine fiktive, eine dystopisch ausgelegte Geschichte, die in einer möglichen Zukunft spielt. Rein fiktiv liest sie sich aber keineswegs, was sie für mich umso erschreckender macht. Die Autorinnen haben ihre Inspiration zu großen Teilen aus der vergangenen Ära der Trump-Regierung bekommen ... abwegig ist das dargestellte Szenario also nicht, eher ziemlich realistisch und so hart, dass Leser*innen ein beklemmendes und schwer zu verkraftendes Buch bekommen. Die Mischung aus Roman und Gesellschaftskritik ist sehr gut gelungen, denn die Geschichte lohnt sich.

Bücher wie dieses sind wichtig, um über den Tellerrand der eigenen, zumeist privilegierten Lebensweise zu schauen. Was Valis Familie, später nur ihr und ihrem Bruder, und so manchen Weggefährten, widerfährt, ist kaum auszuhalten, niemals angenehm, und so dramatisch, dass man das Buch kaum zur Seite legen kann. Und obwohl man es in einem Rutsch inhalieren kann, und ein nagender Unterhaltungswert groß geschrieben wird, steht es für Empathie, Aufklärung und Weitsicht. Das Ende ist recht offen, aber folgerichtig abgeschlossen.

Das Fazit
Ein Roman der zu Herzen geht ist "Sanctuary: Flucht in die Freiheit". Das Leseerlebnis ist, bei aller Fiktion und zuweilen dystopischen Anmutung, erschreckend realistisch und orientiert sich an der aktuellen Situation verzweifelter Immigranten (in den USA). Die Handlung ist hart und erschütternd, die Charaktere agieren menschlich und empfindsam. Auch wenn das Lesen nicht immer angenehm ist, rast man durch die Seiten. Bücher wie dieses sind wichtig und richtig. Meine Empfehlung bekommt "Sanctuary" auf jeden Fall. 4 von 5 Sterne vergebe ich dafür.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


Carlsen Verlag (Juli 2021) - Klappenbroschur, 352 Seiten - 15,00 € [D]
Originaltitel: Sanctuary - Übersetzt von Stefanie Frida Lemke - ab 14 Jahren