Mittwoch, 19. Mai 2021

"Searching Lucy" von Christina Stein



Das Thema
Wochen ist es her, dass Ambers Zwillingsschwester Lucy verschwunden ist. Einfach so. In einer Vollmondnacht. An Halloween. Genau einen Monat nach Ambers Vater.
Keine Verdächtigen, keine Lösegeldforderung, nicht eine einzige Spur. Amber weiß, die Wahrscheinlichkeit, dass die beiden noch leben, sinkt mit jedem Tag. Jeder in ihrem Umfeld könnte der Täter sein. Und sie wird ihn finden - und wenn sie in jeden einzelnen Keller einsteigen muss, um nach ihnen zu suchen.

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: FISCHER Sauerländer


Ich habe beschlossen, dass mein Vater tot ist.
Warum, kann ich gar nicht so genau sagen. Es ist ein Instinkt. Ich fühle ihn nicht mehr. [...] Für jeden Menschen gibt es eine bestimmt Tonspur. Einen unsichtbaren Strang, auf dem sein Puls klopft. Mein Vater hat keinen mehr.
Bei Lu ist das anders. Vielleicht ist es Wunschdenken, mag sein. Aber ich glaube es nicht. Lucy ist meine Zwillingsschwester. Ich weiß, wann sie Kummer hat oder glücklich ist, auch ohne Worte oder Erklärungen. Genauso ist es mit ihrem Verschwinden. - S. 35


Das Leseerlebnis
Damals, 2016, da las ich Christina Steins Debütroman "Wonderland". Ein Jugendthriller, sehr rasant und spannend und böse - gefiel mir super. Das neue Buch der Autorin ist ebenfalls ein Jugendthriller, hat mit dem früheren Werk aber keine Überscheidungen, kommt also ganz anders daher. "Searching Lucy" ist erwachsener, tiefgründiger-sensibel und weniger actionreich. Eine (An-)Spannung ist hier eher unterschwellig zu spüren, hat mich darum auch sehr stark vereinnahmt. Am Ende kam ich dann kaum zum Luftholen und habe mich wirklich gefürchtet. Sehr stark!

Amber sucht nach ihrer Zwillingsschwester Lucy. Genau wie der Vater verschwand Lucy von heute auf morgen. Es gibt keine Spur, keinen Hinweis. Und weil Amber fest davon ausgeht, dass ihr Vater nicht wieder auftaucht, ihre Schwester aber irgendwo verzweifelt festgehalten wird, stellt sie Nachforschungen an und bricht in die Häuser der Nachbarschaft ein. Sie ist sich sicher, in einem der Keller fündig zu werden. Während Ambers verbliebene Familie immer mehr zerfällt, hat sie das Gefühl, nicht richtig weiterzukommen. Doch aufgeben wird sie nicht.

Krimis und Thriller, in denen Menschen verschwinden, bzw. gesucht werden, liest man häufig. Dennoch hat das Thema von "Searching Lucy" sofort etwas in mir angerührt; das Bedürfnis mit Amber das Rätsel um Lucys Verschwinden zu lösen. Nach ein paar Seiten war ich auch mittendrin in der Geschichte, ein Überblick stellt sich bald ein. (Anfangs) ist die Handlung nicht sehr rasant, dafür ziemlich schonungslos. Alleine durch die Sprache entwickelt sie einen Sog, dem sich Leser*innen nicht entziehen können.

Obwohl es hier um die Suche nach Lucy geht, ist der Roman einen Charakterstudie über Amber. Die junge Erwachsene ist genauso entschlossen wie sensibel, tritt dabei sehr forsch, fast schon derbe-frech auf, auch sprachlich. Das habe ich gefeiert, weil es perfekt zu ihr, ihrem Charakter, passt. Zum Großteil ist es jedoch auch Ambers Schutzpanzer, um das Verschwinden von Vater und Schwester zu ertragen und dabei zuschauen, wie ihr jetziges Leben immer einsamer und abgründiger wird. Die alkoholkranke Mutter zu sehen und für den jüngeren Bruder zu sorgen, vor dem Umfeld aber die Fassade zu waren, alles im Griff zu haben, bringt Amber an körperliche und seelische Grenzen. Mich hat das genauso entsetzt wie berührt.

Durch die Geschichte zieht sich ein roter Faden, und sie enthält eine Lovestory, die wiederum für reichlich Konfliktpotenzial sorgt. Manchmal hatte ich das Gefühl, im Fall Lucy nicht richtig voranzukommen oder festzustecken, weil plötzlich andere Dinge wichtiger waren. Einige Personen überraschen oder sind schlecht einzuschätzen, was für zusätzliche Spannung sorgt. Irgendwann gibt es, ganz plötzlich, eine neue Spur ... und ab da wird es dann richtig spannend (und auch grausig). Damit hätte ich nicht gerechnet und bin beim Lesen total erschrocken. Hier kann "Searching Lucy" mühelos mit Thrillern für erwachsene Leser*innen mithalten.
Mir gefällt es, wie Christina Stein ihren Roman auflöst und beendet, weil nicht alles bis ins Detail zerredet wird oder plötzlich gut ist. Der Epilog ist nochmals ein echter Spannungspluspunkt. Ich wusste am Ende nicht, ob ich sofort weiterlesen möchte (was bis dato nicht geht, weil es ein Einzelroman ist) oder erst mal die Gänsehaut loswerden muss.

Das Fazit
"Searching Lucy" muss man nach dem Lesen sacken lassen, bzw. verdauen. Denn, um es hier vorweg zu nehmen, die Ereignisse zum Schluss und das eigentliche Ende haben es so in sich, dass ich mich stark erschreckte, mich grauste und mehrere Gänsehautmomente hatte. So muss das bei einem Thriller sein! Eine stark-sensible und recht derbe Hauptprotagonistin und eine Handlung mit (meist) Sogwirkung sorgen für vereinnahmende und auch erschütternde Lesestunden. Ich würde jedes Buch von Christina Stein lesen. 4 von 5 Sterne gibt es von mir für "Searching Lucy".


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


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- ab 13 Jahren