Mittwoch, 21. Oktober 2020

"Ein Flüstern im Wind" von Greg Howard



Das Thema
Als Riley klein war, erzählte ihm seine Mutter die Geschichte von den Flüsterern: kleinen Wesen, die im Wald leben und gegen einen Tribut Wünsche erfüllen. Inzwischen ist Riley fast elf und hat einen so dringenden und sehnlichen Wunsch, dass er jede erdenkliche Hilfe annehmen würde. Er will seine Mutter zurückhaben, die seit vier Monaten verschwunden ist. Wo sie ist und was mit ihr geschah, das weiß keiner. Auch die Polizei nicht. Also macht Riley sich selbst auf den Weg. Nichts ist ihm wichtiger, und er ist bereit, jedes Opfer zu bringen, wenn er sie nur finden könnte. Vielleicht wissen die Flüsterer, was geschehen ist? Eine abenteuerliche Suche beginnt, an dessen Ende Rileys Welt eine andere ist.

© Klappentext, Cover- und Zitatrechte: dtv Verlagsgesellschaft


Ich schließe die Augen und forme mit den Lippen den Wunsch, der für mich wie ein Gebet geworden ist und den ich jeden Abend aufsage. Dass die Flüsterer mit mir reden. Dass sie mir helfen, Mama zu finden. Wenn sie sämtliche Geheimnisse des Universums kennen, müssen sie auch wissen, wo Mama ist. - S. 46


Das Leseerlebnis
Es gibt Menschen um mich herum, die sehr genau zu wissen scheinen, welche Jugendbücher ich gerne lese. Sie sollen zu Herzen gehen, dürfen gerne eine literarische Note haben, und gegen eine liebevolle, vereinnahmende Geschichte habe ich selten etwas einzuwenden. Und so war "Ein Flüstern im Wind" eine persönliche Buchempfehlung und zwar eine goldrichtige. Greg Howards Debüt hat mich ebenso durchgeschüttelt wie ganz still werden lassen. Ich habe jedes Wort in mich aufgesaugt und gleichzeitig mitgefiebert, mitgerätselt und mitgefühlt. Und jetzt gebe ich die Empfehlung dieses wunderbaren Buches gerne weiter.

In Rileys Familie stimmen einige Dinge nicht. Sein Dad beachtet ihn kaum noch. Riley hat sogar das Gefühl, dass er ihn nicht mehr lieb hat. Außerdem ist sein Bruder nicht gerade freundlich. Riley nimmt an, dass er ihm zu peinlich ist. Und die Großeltern von nebenan? Die leben in ihrer eigenen (Tabletten-)Welt oder flüchten sich in diese. Vielleicht liegt das ganze Verhalten ja an Rileys zwei Problemen, die ihm ständige und große Sorgen bereiten. Und dann ist da noch der Umstand, dass Rileys Mutter verschwunden ist und Riley das Gefühl nicht loswird, dass er dafür verantwortlich gemacht wird. Dabei weiß er selbst nicht mehr richtig, was damals passiert ist. Er weiß nur, dass er seine Mutter finden will. Alle Hoffnung setzt er nun in die Flüsterer, magische Wesen, von denen seine Mutter immer erzählt hat. Ob sie ihm seinen großen Wunsch erfüllen können?

Das Weltbild des 11-jährigen Riley, der die Geschichte in der Ich-Form erzählt, ist eher negativer Natur. Die Umstände, die in seinem Leben vorherrschen, belasten ihn stark. Er hat eine Art selbstironischen Humor entwickelt, der sich zwar lustig liest, dennoch die pure Verzweiflung aus ihm sprechen lässt. Die Polizei kommt bei der Suche nach seiner Mutter nicht weiter, und Riley kann auch nicht weiterhelfen. Stattdessen macht er jede Nacht ins Bett ... und er mag Jungs. Das sind für den streng gläubig erzogenen Jungen genug Gründe, warum er in den Augen anderer als komisch gilt und seiner eigenen Familie peinlich ist. Außerdem ist er sich sicher, oder zumindest hofft er, dass er Hilfe von den Flüsterern bekommt, dass sie ihn zu seiner Mutter führen, wenn er sie zufriedenstellen und von sich überzeugen kann.

Weil Riley im Buch aktive Begegnungen und Erfahrungen mit den magischen Flüsterern (und anderen mysteriösen Wesen) hat, liest sich die Geschichte oftmals stimmungsvoll-märchenhaft oder ein bisschen wie ein Fantasyroman. Ganz genau weiß man das als Leser*in aber nicht. Es bleibt undurchsichtig und sehr spannend. Die Auflösung des Ganzen, und Rileys Entwicklung, mag vielleicht nicht überraschen, ging mir aber sehr nahe, ist warmherzig und feinfühlig ausgeführt. Am Ende war ich glücklich mit dem Ausgang, dafür durften aber auch ein paar Tränen fließen. Ganz wunderbar!

Das Fazit
"Ein Flüstern im Wind" ist ein Jugendroman fürs Herz und eine Empfehlung für Leser*innen von humorvoll-warmherzigen Geschichten. Das Debüt des Autors Greg Howard schüttelt ganz schön durch, lässt aber genauso oft innehalten oder stark mitfühlen. Die Geschichte ist ebenso feinfühlig wie mysteriös, fast schon phantastisch, und erschließt sich erst mit der Auflösung komplett. Es kann gut sein, dass danach ein dicker Klos im Hals sitzt oder ein paar Tränen fließen. Ich bin sehr glücklich damit. 4,5 von 5 Sterne gibt es von mir.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


dtv Verlagsgesellschaft (August 2020) - Hardcover mit Schutzumschlag, 304 Seiten - 14,95 € [D]
Originaltitel: The Whispers - Übersetzt von Beate Schäfer - ab 11 Jahren