Sonntag, 27. September 2020

"Insel der Waisen" von Laurel Snyder



Das Thema
Neun Kinder leben allein auf einer paradiesischen Insel. Woher sie kommen und wohin sie gehen, wenn die Glocke ertönt, weiß niemand. Die Insel versorgt die Kinder mit allem, was sie brauchen. Jeder weiß, wofür er verantwortlich ist und es gibt klare Regeln. Doch als Jinny, die Ältestes, die wichtigste Regel bricht und als zehntes Kind auf der Insel bleibt, wendet sich diese gegen sie ...

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Mixtvision Verlag


In den nächsten wenigen stillen Minuten glitt das Boot in die Bucht und schmiegte seinen grünen Bug in den Sand zu ihren nackten Füßen. Dann kam der leere Vorher-Moment. Dieser seltsame Moment, nur einen Herzschlag lang, wenn neun Kinder am Ufer standen und in das Boot hineinspähten. Bevor irgendjemand ein Wort sagte. Sie alle nur starrten. Auf das zitternde Kind, das zurückstarrte. - S. 7


Das Leseerlebnis
Es gibt eine Sparte von Büchern, die mich so neugierig machen, dass ich mehr darüber erfahren will und sie unbedingt lesen möchte. Bei "Insel der Waisen" traf das vollständig zu. Das Thema ist zwar eindeutig beschrieben, trotzdem hatte ich vor dem Lesen ein großes Fragezeichen im Gesicht. Es klingt so normal und gleichzeitig sonderbar, paradiesisch und auch ein bisschen gefährlich und gruselig. Richtig einordnen konnte ich das Buch also nicht. Und genau diese Bücher sind mir dann oft die liebsten. Nach dem Lesen kann ich jetzt feststellen, dass meine Erwartung erfüllt wurden. "Insel der Waisen" ist ein eindrückliches Erlebnis, das mich nachdenklich gestimmt hat, dabei aber viele Dinge meiner eigenen Fantasie überlassen hat. 

Jinny muss miterleben, wie ihr bester Freund ihre paradiesische Insel in einem Boot verlässt. Mit dem Boot kam gleichzeitig ein neues Kind an, und weil Jinny nun die Älteste ist, muss sie sich um das kleine Mädchen kümmern, es als ihr Mündel aufziehen. So war es schon immer. Auf der Insel leben neun Kinder, sobald ein zehntes Kind dazukommt, muss das älteste Kind die Insel verlassen. Es fehlt den Kindern an nichts, die Insel sorgt für sie und beschützt sie. Doch es gibt strenge Regeln, an die sich alle halten müssen. Jinny beginnt, diese in Frage zu stellen. Als es für sie an der Zeit ist, die Insel zu verlassen, bleibt sie ... und verändert damit alles.

Alles klar, denkst du jetzt vielleicht. Was soll das für eine Geschichte sein?! Aber ist es nicht aufregend zu erleben, was es damit auf sich hat und wie sich alles auflösen wird? Bereits auf den ersten Buchseiten war ich ziemlich fasziniert von Story und Gegebenheit. Das hielt bis zum Schluss an. Jinny, die Hauptprotagonistin, war mir nicht immer sympathisch, doch sie ist diejenige, die Regeln nicht mehr als gegeben hinnehmen will, die Dinge hinterfragt. Sie handelt impulsiv und muss zusehen, welche Konsequenzen das auslöst. Am Ende hatte ich einiges zu überdenken. Dazu später mehr.
"Insel der Waisen" ist kein Fantasybuch. Und dennoch passiert hier Sonderbares. Zum Beispiel schützen Winde die Kinder davor, von den Klippen zu fallen, tragen sie nach einem Sprung sogar wieder zurück auf sicheren Boden. Es ist immer genug Nahrung vorhanden und alle wilden Tiere sind freundlich und harmlos. Das ist nicht nur eigenartig, sondern auch ziemlich mitreißend. Darüber hinaus hätte die Handlung noch ein Quäntchen mehr Spannung vertragen.

Woher die Kinder auf der Insel kommen, weiß man nicht so genau. Durch Erkenntnisse während der Handlung, kann man vielleicht mutmaßen. Die kompletten Hintergründe bleiben jedoch im Dunklen, man muss das Buch also so nehmen wie es ist. Es hat auf jeden Fall eine Nicht-von-dieser-Welt-Anmutung. Und diese bleibt auch bestehen. Für einen Einzelband endet "Insel der Waisen" recht offen. Es ist unklar, wohin die Geschichte am Ende führt. Hier werden sich Leser*innen eigene Gedanken machen oder die Umstände als gegeben hinnehmen müssen. Dieses Leseerlebnis wirkt noch eine ganze Weile nach.

Das Fazit
"Insel der Waisen" ist ein sonderbares Buch, hier im positiven Sinne. Die ganze Geschichte wirft einige Fragen auf, die nicht komplett beantwortet werden, bzw. den Gedanken der Leser*innen überlassen bleiben. Die Handlung hat etwas Ätherisches, wahrscheinlich einen recht tragischen Hintergrund, und ist dabei so faszinierend, dass man unweigerlich mitgerissen wird. Damit ist das Lesen ein eindrückliches Erlebnis, das man nicht so schnell vergisst, über das man nachdenkt und dessen Wirkung lange anhält. 4 von 5 Sterne gibt es dafür von mir.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


Mixtvision Verlag (August 2020) - Hardcover, 300 Seiten - 17,00 € [D]
Originaltitel: Orphan Island - Übersetzt von Elisa Martins - ab 12 Jahren