Sonntag, 19. April 2020

"Sicherheit ist eine verdammt fiese Illusion" von Kyra Groh



Das Thema
Manchmal stellt Mia sich vor, ihre Krankheit wäre eine beneidenswerte Superkraft. Tatsächlich ist es im Alltag aber ganz schön problematisch, wenn man keine Schmerzen empfinden kann und blindlings in alle Gefahren läuft. Das weiß Mia spätestens seit jenem Abend, an dem sie ihre Mutter verlor. Die quälende Erinnerung daran ist gleichzeitig ihr größtes Geheimnis. Zumindest bis sie Jake kennenlernt, der seinen eigenen Kummer im Fitnessstudio von Mias Vater bekämpft. Ihm kann sie sich anvertrauen, und auch er erzählt ihr von den dunklen Seiten in seinem Leben. Obwohl die beiden so verdammt unterschiedlich sind, haben sie zum ersten Mal das Gefühl, dass Sicherheit vielleicht mehr sein könnte als eine fiese Illusion.

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Arctis Verlag


Mir ist schon klar, dass ich nicht gerade der zugänglichste Mensch bin. Ich komme nicht gerne aus mir heraus. Überschwängliche Gefühle kreieren doch nur einen seltsame Form der Nähe. Nähe wiederum macht einen total anfällig für ... nun ja ... für Verletzungen. Und ich muss Verletzungen nun mal meiden - aus reinem Überlebenswillen. Denn ob kleine Schramme oder tödliche Wunde, mein Körper wird den Unterschied nicht erkennen. Was, wenn auch mein Herz diesen Unterschied nicht erkennt? Ich kann doch nicht das Fahrradfahren meiden, weil ich Angst vor einem schlimmen Sturz habe, dann aber wild drauflosfühlen und alles und jeden in mein Herz lassen? Das wäre grob fahrlässig. - Mia, S. 75/76


Das Leseerlebnis
Realistische Jugendbücher sind mein großes Steckenpferd. Ich lese sie unheimlich gerne. Es geht mir auch nicht um neuartige Geschichten oder noch nie dagewesene Situationen, denn das ist keine Voraussetzung für ein gelungenes Leseerlebnis. Es kommt darauf an, was Autor*innen aus der Geschichte machen und wie sie die Charaktere gestalten. Darum war ich auch besonders dankbar für eine persönliche Empfehlung von "Sicherheit ist eine verdammt fiese Illusion"von Kyra Groh. Nach dem Lesen stand für mich fest, dass die Autorin ein ganz großer Stern am Jugendbuchhimmel ist. Ihr Debüt in diesem Bereich strahlt nicht nur hell, es ist ein leuchtendes Beispiel für beste Unterhaltung mit Tiefsinn, Humor, herausragenden Protagonist*innen und Diversität. Das Buch ist sowas von gelungen, komplett gut!

Zum Inhalt sei an dieser Stelle hoffentlich nicht allzu viel verraten, doch die Protagonisten sind wichtig. Es geht um Mia, die ein großes Päckchen Sorgen mit sich herumschleppt. Mia hat eine Krankheit, die Analgesie heißt. Das bedeutet, dass ihr Körper keine Schmerzen empfinden kann. Ob sie sich in den Finger schneidet oder den Fuss bricht, es tut nicht weh. Darum sie auch keine natürlichen Abwehrreaktionen entwickelt. Mia musste Verhaltensweisen, die für andere Menschen ganz normal sind, erst nach und nach lernen. Zum Beispiel, dass man nicht auf eine heiße Herdplatte fasst. Mia ist ständig auf der Hut, um Verletzungen zu vermeiden. Ihre Krankheit ist der Grund, und noch ein Ereignis ihrer Kindheit, das sie bis heute nicht verarbeiten konnte, weshalb Mia kein sehr zugänglicher Mensch ist. Sie ist zwar sehr schlagfertig, aber auch zynisch und zurückgezogen. Das geht so tief, dass Mias körperliche Krankheit auch ihre Psyche belastet. Sie möchte niemanden an sich ranlassen.

Und dann benötigt das Buch natürlich noch eine zweite Hauptperson, einen Gegenpart zu Mia, denn es ist nicht nur eine Krankheits-, sondern auch eine (ganz besondere) Liebesgeschichte. Dieser Gegenpart ist Jake. Jake geht in Deutschland auf eine internationale Schule. Er kommt aus reichem Elternhaus, denn Jakes Dad ist ein Rapper, hatte in seiner Jugend einen sehr erfolgreichen Hit. Aber Jakes Familie ist nicht glücklich, sie droht aufgrund von Problemen zu zerbrechen. Jake und sein Bruder leiden darunter. Jake gibt sich zwar sehr cool und selbstbewusst, sieht aber keinen anderen Ausweg mit der Belastung umzugehen, als sich in der Kraftschmiede, einem Fitnessstudio, auszupowern. Die Kraftschmiede gehört Mias Vater ... und so laufen sich die beiden auch über den Weg.

Wer nun meint, bereits ein Buch mit einer ähnlichen Geschichte zu kennen, das mag vielleicht sogar sein. Ich kann jedoch versprechen, dass "Sicherheit ist eine verdammt fiese Illusion" trotzdem ein Buch ist, wie man es bis dato noch nicht in den Händen hatte. Es bedient sich Klischees, die aber nicht wie Klischees wirken (das klingt irgendwie furchtbar, ist aber genial, wirklich). Es hat einen Lovestory, die zum einen erwartungsgemäß verläuft, sich zum anderen jedoch völlig unerwartet verhält. Das Buch ist witzig, schlagfertig und cool, aber ebenso dramatisch, traurig und problematisch. Die Entwicklung ist jederzeit nachvollziehbar, wirkt niemals konstruiert. Ich bin an jeder einzelnen Seite geklebt, wollte mir nicht vorstellen, dass diese wunderbare Geschichte endet. Das tut sie aber natürlich irgendwann. Auf eine herzlich-schöne Art und und Weise, mit der das Buch in allerbester Erinnerung verbleibt.

Das Fazit
Man sollte sich aufgrund der Buchbeschreibung nicht der Illusion hingeben, dass "Sicherheit ist eine verdammt fiese Illusion" eventuell nicht den persönlichen Lesegeschmack treffen wird. Das wird es, versprochen! Die Geschichte trifft mitten ins Herz. Sie lässt einen schmunzeln und laut auflachen, um wenig später bestürzt festzustellen, dass die Seele schmerzt und sich ein dicker Klos im Hals bildet. Mia und Jake gehören für mich zu den eindrücklichsten Charakteren im Jugendbuch. Ich hätte noch hunderte Seiten mehr über sie lesen können. Und das ist der Grund, weshalb jedes weitere Buch von Kyra Groh dick auf die Leseliste geschrieben wird. 5 von 5 Sterne vergebe ich.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


Arctis Verlag (März 2020) - Hardcover, 464 Seiten - 18,00 € [D]
- ab 14 Jahren