Dienstag, 7. April 2020

"Eine Insel zwischen Himmel und Meer" von Lauren Wolk



Das Thema
Crow hat ihr ganzes Leben auf einer winzigen Insel verbracht. Sie wurde, kaum ein paar Stunden alt, in einem lecken Boot an den Strand gespült. Osh hat sie gerettet. Bei ihm ist sie aufgewachsen. Immer schon wollte Crow wissen, woher sie stammt. Ist es möglich, dass sie gar nicht von so weit her kommt? Als eines Nachts ein unheimliches Feuer auf einer unbewohnten Insel aufscheint, steigen in Crow all die unausgesprochenen Fragen nach ihrer Herkunft auf. Und Stück für Stück begreift sie, was Familie wirklich bedeutet.

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: dtv Verlagsgesellschaft


[...] musste ich immer darüber nachdenken, wer wohl mich gemacht hatte. Wer hatte mich damals angeschaut, als ich wie eine zarte, gerade aufgehende Blüte war, und beschlossen, mich den Wellen anzuvertrauen? Und warum?
All diese Fragen trug ich mit mir herum wie einen Sack, der mit jedem Jahr schwerer wurde, auch wenn ich mich im Laufe der Zeit daran gewöhnt hatte. Auch wenn ich nicht unglücklich war mit dem Leben, das ich hatte.
Ich wollte es einfach nur wissen. Verstehen. Den Sack endlich ablegen können.
S. 16/17


Das Leseerlebnis
Mit ihrem Buch "Das Jahr, in dem ich lügen lernte" hat Lauren Wolk mich vor einiger Zeit vereinnahmt und eine ganze Weile nicht mehr losgelassen. Als ich dann "Eine Insel zwischen Himmel und Meer" entdeckte, war klar, dass ich auch diesen Roman lesen möchte. Er gefiel mir sogar noch ein bisschen besser, auch wenn dieser Eindruck wohl subjektiv bleiben wird. Jedenfalls traf mich das Buch mitten ins Herz. Die Autorin erzählt ihre Geschichten besonders feinfühlig und sensibel, sogar mit einer gewissen Poesie, verbindet sie jedoch mit einer Handlung, die äußerst spannend und mitreißend ist. "Eine Insel zwischen Himmel und Meer" wird noch lange nachklingen.

Die Geschichte wirkt schon etwas, als wäre sie aus der Zeit gefallen. Sie spielt auf den Elizabeth-Inseln, an der Ostküste der USA, in den 1920er-Jahren. Der Zeitpunkt ist für das Lesegefühl nicht so wichtig, er verdeutlicht aber die damaligen Lebensumstände und manche Charaktereigenschaft und trägt viel zur Atmosphäre des ohnehin sehr stimmungsvollen Settings bei.
Auf einer vorgelagerten Mini-Insel vor Cuttyhunk leben Crow und Osh, ganz alleine in einer kleinen Hütte. Crow wurde in einem lecken Boot auf der Insel angespült, erst wenige Stunden alt. Gefunden wurde sie damals von dem Aussteiger Osh, der das kleine Mädchen zu sich nahm und es groß zog. Nun ist Crow 12 Jahr alt. Ihr gefällt das Leben mit Osh und der Kontakt zu Miss Maggie, einer netten Nachbarin, zu der die beiden viel Kontakt haben. Und doch wächst in Crow mit jedem Jahr der Wunsch, genau zu wissen, woher sie kommt und warum sie als Baby in einem Boot weggeschickt wurde. Als Crow einen Hinweis bekommt, wird sie von Osh und Miss Maggie bei der Suche nach Antworten unterstützt. Keiner der drei ahnt jedoch, welch gefährliches und nervenaufreibendes Abenteuer daraus wird.

"Eine Insel zwischen Himmel und Meer" ist ein Roman über Herkunft, Zugehörigkeit und Familie - egal wie diese aussehen mag. Die poetische Sprache und die große Feinfühligkeit, mit der die Geschichte von Crow erzählt wird, bringt sofort etwas im Leser zum Klingen, das sich bis zum Schluss fortsetzt. Das ist überhaupt nicht trocken oder schwierig, sondern unglaublich berührend und faszinierend, sodass man die Geschichte für immer bewahren will. Ich gewann das Buch ab der ersten Seite lieb.
Verbunden mit dem klugen Thema, Crows Suche nach ihrer Identität, ist eine spannende Handlung, die nicht selten dramatisch und gefährlich wird. Sie beruht auf historischen Tatsachen, wirkt dadurch ziemlich überwältigend und anders, ist aber eine Mischung aus Fakten und Fiktion. Die Charaktere, ich spreche hier vor allem von Crow, Osh und Miss Maggie, agieren sehr natürlich und nehmen vollständig für sich ein. Man wünscht sich die ganze Zeit, dass die Sache für Crow gut ausgeht. Das tut sie auch, aber auf ihre eigene Art und Weise. Und die ist einfach schön und genau richtig für die Geschichte.

Das Fazit
Eine dieser Geschichten, die man sofort lieb gewinnt, die man bewahren möchte und die lange in Erinnerung bleiben, ist "Eine Insel zwischen Himmel und Meer". Das Buch ist äußerst feinfühlig und poetisch erzählt, enthält aber auch eine spannende Handlung, die bis zum Schluss nicht loslässt. Dazu trägt die eindrückliche Atmosphäre der Geschichte bei und auch die Charaktere könnten nicht besser gewählt und dargestellt sein. "Eine Insel zwischen Himmel und Meer" ist klug und berührend. Ein Buch, das für immer in meinem Regal bleiben wird. 5 von 5 Sterne vergebe ich dafür.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


dtv Verlagsgesellschaft (Januar 2020) - Taschenbuch, 288 Seiten - 9,95 € [D]
Originaltitel: Beyond the Bright Sea - Übersetzt von Birgitt Kollmann - ab 12 Jahren