Dienstag, 14. April 2020

"Anouks Spiel" von Akram El-Bahay



Das Thema
Was hat Anouk nur getan? Ein unbedachter Wunsch an ihrem 13. Geburtstag - und ihre kleine Schwester ist wie vom Erdboden verschluckt. Es gibt nur einen Weg, den Wunsch rückgängig zu machen: das magische Spiel. Schafft sie es, den dunklen Prinzen in vier Runden zu schlagen, erhält Anouk ihre Schwester zurück. Gewinnt der dunkle Prinz, verliert Anouk sie für immer. Mit jedem Zug muss sie Mitgefühl, Mut und Weisheit beweisen. Doch der dunkle Prinz ist ihr stets einen Schritt voraus - und stellt Anouk schließlich vor eine unmögliche Wahl ...

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Ueberreuter Verlag


Nein, dachte sie bei sich. Dieser Herzenswunsch gefiel ihr nicht. Selbst wenn er wahr sein mochte, rein und wahrhaftig, klang er schrecklich. Herzlos. Sie radierte die Worte rasch weg und legte sich wieder in ihr Bett. Sie würde sich besser einen anderen Herzenswunsch überlegen. Später. [...]
Die Welt war ganz still, als wartete sie gespannt.
Dann begann Anouk zu schlafen.
Und in dem Haus mit dem Garten und der Wendeltreppe entfaltete ein herzloser Herzenswunsch eine ungeheure Macht.
Eine Macht, die alles veränderte.
- S. 15


Das Leseerlebnis
Dass Akram El-Bahay geheimnisvoll-märchenhafte und vor allem phantastische Geschichten schreiben kann, durften schon viele Leser*innen erfahren. Sein aktuelles Buch, "Anouks Spiel", ging zuerst an mir vorbei. Als ich mich dann mit dem Inhalt beschäftige, klang dieser komplett gut, und es war klar, dass ich das Buch lesen will. Man könnte das Thema als abenteuerliche Rettungsmission beschreiben. Ausgeführt wird diese über ein magisches Brettspiel, das zur Realität der jungen Heldin wird. Ein bisschen erinnerte mich das an Filme wie Jumanji und Die Reise zum Mittelpunkt der Erde, ist aber weitaus mysteriöser und literarischer dargestellt. Und ja, als es losging hatte ich Gänsehaut. Jedoch konnte mich "Anouks Spiel" während seines Verlaufs dann leider immer weniger erreichen.

Anouk ist genervt von ihrer kleinen Schwester Maya. Sie fordert die ständige Aufmerksamkeit der Eltern. Selbst unmittelbar vor Anouks 13. Geburtstag ändert sich nicht viel. Und weil Anouk schon immer, neben einem materiellen Geburtstagswunsch, einen geheimen Herzenswunsch aufschreibt, wünscht sie sich diesmal, dass ihre Eltern nur noch ihr allein gehören. Obwohl Anouk sofort das schlechte Gewissen plagt, geht der Wunsch in Erfüllung. Am nächsten Morgen ist es so, als hätte Maya nie im Leben der Familie existiert. Anouk ist verzweifelt. Da erhält sie per Post ein merkwürdiges Bettspiel, dass zur Wirklichkeit werden kann und durch das sie die Möglichkeit bekommt, ihren Wunsch zurückzunehmen. Besiegt Anouk den dunklen Prinzen in allen Leveln des Spiels, erhält sie Maya zurück. Zusammen mit ihrem Spielbegleiter Pan, einem sprechenden Schimpansen, macht sie Anouk auf in das größte Abenteuer ihres Lebens.

Die Idee ist großartig! Und wie gemacht für junge Leser*innen, die sich ein spannendes und mysteriöses Abenteuer wünschen, das auch zu Herzen geht. Außerdem ist das Buch herrlich geschrieben. Sehr hochwertig und mit diesem märchenhaften Ausdruck, der beim Lesen diese kribbelige Vorfreude auslöst. So erging es mir bis zu dem Zeitpunk, an dem das Spiel startet. Danach konnte mich die Handlung immer weniger begeistern.

Anouk gelangt im Spiel von einer Gefahr oder Kuriosität zur nächsten. An Action und Seltsamkeiten mangelt es somit nicht, trotzdem war mir das alles irgendwie zu viel, und ich konnte mit den auftauchenden Menschen, Fabelwesen oder sprechenden Tieren wenig anfangen. Selbst Wortwitze und Schlagabtausche verpufften. Bis auf eine sympathische und herzliche Heldin Anouk, die während des Spiels über sich hinauswachsen und ihre gemeine Seite hinter sich lassen muss, waren mir alle anderen Mitspieler mehr oder weniger egal. Obwohl man sich im Buch und der Spielwelt gut zurechtfindet, fehlten mir teilweise umfassendere Erklärungen über Umstände und Hintergründe. Ich bin mir sicher, jüngere Leser*innen empfinden das anders, ich selbst habe mich im Buch-, bzw. Spielverlauf eher gelangweilt.

Das Finale ist spannend und auf einen tieferen Sinn ausgelegt, als nur auf ein reines Happy End. Es geht um die Charaktereigenschaften eines Menschen, Empathie und die Möglichkeit, aus Fehlern zu lernen. Die Message der Geschichte gefiel mir gut, dennoch erreicht sie insgesamt, und trotz vereinnahmender Idee und wunderschönem Schreibstil, nur ein gefühltes Mittelmaß.

Das Fazit
"Anouks Spiel" liegt eine geniale Idee zugrunde, bei der märchenhaft-mysteriöse und spannende Lesestunden garantiert sind: Eine Rettungsmission innerhalb eines Brettspiels, das zur Wirklichkeit wird. Das ist auch toll geschrieben und abwechslungsreich ausgeführt, war mir persönlich aber zu viel, sodass ich, bis auf die Hauptprotagonistin, mit keinem Mitspieler oder Charakter so richtig warm wurde. Obwohl mich die Geschichte in ihrer Gesamtheit, vor allem die Message dahinter, stark anspricht, war das Leseerlebnis leider nur mittelmäßig. Darum vergebe ich 3 von 5 Sterne.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


Ueberreuter Verlag (Februar 2020) - Hardcover, 352 Seiten - 14,95 € [D]
- ab 11 Jahren