Samstag, 15. Februar 2020

"You are (not) safe here" von Kyrie McCauley



Das Thema
Tausende Krähen belagern die Kleinstadt Auburn, Pennsylvania, und es werden immer mehr. Alle Einwohner empfinden dies als Bedrohung - alle außer der 17-jährigen Leighton und ihren beiden jüngeren Schwestern. Denn die größte Gefahr lebt in ihrem Zuhause: ihr Vater, der immer wieder gewalttätig wird - und ihre Mutter, die schweigt und ihn nicht verlässt. Und die Nachbarn, die konsequent wegschauen. Leighton würde nichts lieber tun, als der Stadt den Rücken zu kehren, aber sie kann und will ihre Schwestern nicht zurücklassen. Denn eins ist klar: Irgendwann wird die Situation eskalieren ...

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: dtv Verlagsgesellschaft


Ich höre es erneut: ein tiefes Grummeln. Aber das täuscht, das ist kein Donner. Seine Stimme ist so laut wie die Stimme Gottes und so böse wie die des Teufels. Ich versuche, sie auszublenden, doch dann höre ich das leise Tappen kleiner Füße auf dem Teppich im Flur. Im nächsten Moment geht die Tür auf und die Mädchen kommen herein. Wir drei setzen uns unter das Fenster - die eine Schwester links, die andere recht unter meinen Armen zusammengekauert. - S. 9


Das Leseerlebnis
Aufgrund des Buchtitels und den schwarzen Krähenfedern auf dem Cover, dachte ich bei "You are (not) safe here" zuerst an einen Jugendthriller. Und obwohl das Buch einiges an Spannung (und mehr) zu bieten hat, ist es vielmehr ein Drama als ein Thriller. Es geht um häusliche Gewalt und die Auswirkung derer auf eine ganze Familie. Und es geht um eine komplette Kleinstadt, die wegschaut. Stattdessen bevölkern immer mehr Krähen - Tausende - die Stadt. Was das mit der Geschichte zu tun hat? Ja, das fragte ich mich auch. Kyrie McCauley gelang es mit ihren Debütroman, mich ab der ersten Seite zu fesseln und mitzureißen. Ich war schockiert von den Umständen und fasziniert von der Ausführung. Das liegt sicher auch an der hervorragenden Übersetzung. Einmal begonnen fällt es schwer, das Buch wieder aus der Hand zu legen.

Eigentlich hat Leighton nur noch ein Jahr Schule vor sich, bevor sie auf die Uni gehen kann. Doch sie hat keine Ahnung, wie sie dieses Vorhaben in die Tat umsetzten soll. Vielmehr fühlt sich Leighton verantwortlich für ihre jüngeren Schwestern, verantwortlich dafür, dass ihnen nichts passiert und dafür, ihnen ein kleines bisschen Sicherheit zu vermitteln. Denn zu Hause wartet der Vater, der die Familie einschüchtert und immer wieder gewalttätig wird. Ihre Mutter hat keine Kraft, ihn zu verlassen, und alle Nachbarn und Bekannten, die wissen, was vor sich geht, schauen weg. Leightons Ängste und Sorgen werden immer größer, und mit ihnen steigt auch die Zahl der Krähen, die sich in der Stadt niederlassen. Tausende sind es schon, und es werden immer mehr. Die Menschen empfinden die Vögel zunehmend als Bedrohung, anders Leighton, die sich mit den Krähen verbunden fühlt.

Auch wenn man nicht betroffen ist, spürt man sie sofort; diese tiefe Verbundenheit und Empathie für Leighton, ihre Mutter und ihre Schwestern, die man als Leser*in nur erlebt, wenn die Geschichte gefühlvoll und nachvollziehbar geschrieben ist. Und das ist sie! "You are (not) safe here" ist ein sehr düsteres und unheimliches Lesen. Begleitet von der Anspannung, was wohl als nächstes passieren wird, wann der nächste (gewalttätige) Ausbruch des Vaters erfolgen wird. Was dieser macht, ist niederträchtig und schlecht, jedoch verzichtet die Autorin auf eine monströse Darstellung seiner Person. Er ist vielschichtiger. Man spürt seine Zerrissenheit, sein schlechtes Gewissen und gleichzeitig seine Unfähigkeit, etwas zu ändern. Die Auswirkungen auf die Familie sind schlimm und so bedrückend, dass Leser*innen ein dicker Knoten im Magen sitzt. Man weiß, dass hier nichts mehr gut werden wird.

Ein Lichtblick ist Leightons Beziehung zu Liam, eine schöne und plausible Lovestory, die hervorragend zur Geschichte passt. Diversität und Feminismus bekommen ebenfalls einen Platz hier. Die Krähen wiederum sind wie eine Metapher für Leightons Situation, gleichzeitig auch deren Trost und Hilfe. Mit der Krähenanzahl wird auch die Spannung im Buch gesteigert, ein Stilmittel, das mich völlig in seinen Bann schlug und sehr aufwühlend endet.
Die zeitgenössische Geschichte hat eine magische Fantasy-Ebene. Diese wird in Form der Krähen deutlich und auch als Leightons Zuhause, dem Haus, das alle Gewalt und böse Tat zudeckt und verbirgt. Die Autorin erklärt am Ende des Buches ihre Absicht dahinter. Ganz große Klasse!

Das Fazit
Sehr dunkel-mitreißend und bedrückend zu lesen ist "You are (not) safe here", ein Buch, das häusliche Gewalt thematisiert, und das sehr gefühlvoll und nachhaltig. Außerdem besitzt es als metaphorische Stilmittel die Anwesenheit Tausender Krähen, sowie eine Fantasy-Ebene, die der Geschichte einen zusätzlichen düsteren Anstrich verleiht. Am Ende ist man gleichermaßen aufgewühlt wie begeistert. Toll gemacht! Vor (An-)Spannung ist das Buch kaum aus der Hand zu legen. 4,5 von 5 Sterne gibt es von mir.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


dtv Verlagsgesellschaft (Januar 2020) - Klappenbroschur, 400 Seiten - 14,95 € [D]
Originaltitel: If These Wings Could Fly - Übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn - ab 14 Jahren