Samstag, 11. Januar 2020

"Die Wiege aller Welten" von Jeremy Lachlan



Das Thema
Wir betreten das Schloss freiwillig.
Wir betreten das Schloss unbewaffnet.
Wir betreten das Schloss allein.

Diese drei Gesetze hängen in jedem Haus in Bluehaven und jeder Bewohner kennt sie. Denn das Schloss ist der Eingang zu den Anderwelten. Und wer mutig genug ist, geht hinein, um dort Abenteuer zu erleben. Viele Jahrhunderte lang war das so. Doch vor vierzehn Jahren, in der Nacht des großen Bebens, hat das Schloss plötzlich John White und seine kleine Tochter Jane ausgespuckt. Seitdem ist das Tor verschlossen. Erst an dem Tag als die wütenden Inselbewohner Jane vor Gericht stellen wollen, erbebt die Erde erneut ...

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Loewe Verlag


"Jane, ich werde den verdammten Tunnel sprengen, wenn ich dich nach unten geschubst habe."
Mehr hätte Winifred nicht sagen brauchen. Ist ja nicht gerade ein Zungenbrecher. Aber nein, das wäre ja zu leicht gewesen! Alle, was ich bekommen habe, war eine mickrige Warnung aus vier Buchstaben, die sie in den Dreck gekratzt hatte.
Bumm.
Kein Ausrufezeichen, keine Unterstreichung, keine Entschuldigung.
- S. 125


Das Leseerlebnis
"Die Wiege aller Welten" ist ein Buch, dass mich auf den ersten Blick optisch ansprach, auf den zweiten dann auch inhaltlich. Äußerlich ist es sehr hübsch und wirkt gleichzeitig geheimnisvoll. Und doch war es auch so, dass ich aufgrund der Inhaltsbeschreibung keine genaue Erwartung an die Geschichte hatte. Sie klang gut - Schloss, Fallen, Abenteuer, Anderwelten -, und etwas abgefahren. Ich hätte nie gedacht, was wirklich in den Buch steckt. Obwohl es für jüngere Leser gedacht ist, braucht es sich hinter kreativen und vereinnahmenden Fantasygeschichte nicht zu verstecken. Die Geschichten hat es wirklich in sich. "Die Wiege aller Welten" ist modern und klassisch zugleich, voller Action und Spannung. Das Allerbeste für mich war jedoch die junge Heldin Jane ... und ihr Humor. Total gut!

Im Ort Bluehaven steht ein altes Schloss, das für Abenteurer und Mutige der Eingang zu verschiedenen Anderwelten ist und über eine lange Treppe, die in der Dorfmitte beginnt, erreicht wird. Allerdings hat das Schloss schon seit Jahren keinem mehr Zugang gewährt, es ist verschlossen. Und so bleiben den Menschen derzeit nur die Erinnerungen der erfolgreichen Rückkehrer aus vergangenen Zeiten.
Ebenfalls in Bluehaven leben Jane und ihr Vater ... in einem Keller. Sie gelten als unerwünscht und verflucht, werden dafür verantwortlich gemacht, dass das Schloss verschlossen ist. Dabei waren es Jane und ihr Vater, die vor Jahren vom Schloss regelrecht ausgespuckt wurden. Warum sind sie hier? Und viel wichtiger; woher kommen sie? Als sich die Lage in Bluehaven zuspitzt und die Bewohner Jane vor Gericht anklagen wollen, bebt die Erde. Ausgerechnet Janes Vater verschwindet im Schloss. Und Jane hat keine andere Möglichkeit, als ihm zu folgen.

Die Geschichte beginnt mit einer Zwischensequenz, nach der mir ein großes Fragezeichen ins Gesicht geschrieben stand. Egal, die Ereignisse lassen sich später auf jeden Fall noch zuordnen und die eigentliche Handlung beginnt mit Jane White, meiner persönlichen Heldin. Was Jane, deren Herkunft ein großes Rätsel ist, und ihr Vater im Ort Bluehaven aushalten und erleben müssen, ist grausam und unmenschlich. Jane kann das nur ertragen, indem sie sich einen ziemlich schwarzen und sarkastischen Humor angeeignet hat. Viel viel Biss und Unerschrockenheit tritt sie in der Geschichte auf, hat aber auch eine ganz weiche und liebevolle Seite. Dieser Kontrast zieht sich durch das ganze Buch. Ich habe gefühlt auf jeder Seite geschmunzelt oder gelacht und war kurz darauf wieder so erschrocken und auch entsetzt, dass ich mich neu sortieren musste.

Ab dem Zeitpunkt, als Jane das Schloss betritt, um nach ihrem Vater zu suchen, wird die Handlung zu einer emotionalen und actionlastigen Achterbahnfahrt, im wahrsten Sinne des Wortes, bei der Leser*innen kaum Zeit zum Luftholen bleibt. Das liest sich, als versuchten sich Indiana Jones, Frankenstein und Gollum gegenseitig den Rang abzulaufen. Und mittendrin dieses 14-jähriges Mädchen, das sich durchkämpft und dafür meine größte Bewunderung hatte. Manchmal waren die Geschehnisse so bizarr und krass, dass ich nicht recht wusste, ob mir deren Entwicklung gefällt. Schließlich hat man es hier mit einem Kinder-, bzw. jungen Jugendbuch zu tun. Andererseits war "Die Wiege aller Welten" so komplett anders als erwartet, völlig überraschend und soghaft, dass ich gar nicht anders kann, als begeistert zu sein. Am Ende wartet eine Wendung, nach der man sofort weiterlesen muss und sich in den Allerwertesten beißt, wenn der Folgeband noch nicht in greifbarer Nähe ist.

Das Fazit
"Die Wiege aller Welten" hat mich kalt erwischt. Ich weiß nicht, was ich erwartete ... jedenfalls nicht das, was ich hier gelesen habe. Von Beginn an sehr kreativ und auch ein bisschen erschreckend, durchlief die Handlung für mich Stadien der Begeisterung und Bestürzung, dazu kam eine actionreiche Szene nach der anderen. Huch, für ein junges Jugendbuch war das wirklich mal was Anderes und dazu ziemlich abgefahren. Der Humor, der (zum Glück!) ständig präsent ist, hebt Jane White auf eine ganz eigene Ebene junger Bücherheldinnen. Ich will mehr von ihr lesen, schnell! 4,5 von 5 Sterne gibt es von mir.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


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Originaltitel: Jane Doe and the Cradle of All Worlds - Übersetzt von Nadine Mannchen - ab 12 Jahren