Donnerstag, 12. Dezember 2019

"Die Rebellion von Laterre" von Jessica Brody und Joanne Rendell



Das Thema
Sie sind die Kinder einer sterbenden Welt: die Diebin Chatine die jeden Tag in den schmutzigen Straßen ihres Heimat-Planeten Laterre ums Überleben kämpft; Marcellus, Offizier der Regierung und Sohn eines Verräters; und Alouette, die in einer unterirdischen Zuflucht lebt und sich nichts mehr wünscht, als herauszufinden, was ihr Vater vor ihr verbirgt.
Als das Schicksal die drei zusammenführt, ist nur eines gewiss: Die Zukunft von Laterre wird von ihren Entscheidungen abhängen. Und davon, was sie zu opfern bereit sind: Liebe - oder Freiheit?

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Knaur Verlag


Deshalb erregte der Mann im langen Mantel auch sofort Chatines Aufmerksamkeit. Sein Reichtum stand ihm geradezu ins Gesicht geschrieben: ein gut gepflegter schwarzer Bart, dunkles Haar, gebügelte Kleidung und funkelnder Schmuck.
Ganz sicher Zweiter État.
Chatine hatte noch nie jemanden aus dem Ersten État außerhalb von Ledôme gesehen. Die Biokuppel, deren Klima im Inneren reguliert wurde, stand hoch oben auf dem Hügel außerhalb der Hauptstadt Vallonay und schirmte den Ersten État von Laterres unaufhörlichem Regen ab.
Und von den Elendsvierteln am Fuße des Hügels.
- S. 12


Das Leseerlebnis
Ich war so neugierig, richtig gespannt. Denn "Die Rebellion von Laterre" ist eine Neuinterpretation des Klassikers Les Misérables ... und das kenne ich nur vom Hörensagen, habe es also weder gelesen noch gesehen. Für "Die Rebellion von Laterre" spielt das keine Rolle, denn Vorkenntnisse benötigt man für das Buch nicht. Es ist eine eigene Geschichte und genauso eigen (und gut!) interpretiert. Bereits auf den ersten Seiten hatte ich das Gefühl, dass den Autorinnen hier ein Geniestreich gelungen ist. Dystopische Science Fiction ist an und für sich nichts Neues, dennoch war ich sofort mitten im Geschehen und völlig gebannt von der Handlung. Und bis auf kleine Kritikpunkte hielt sich dieses Lesegefühl bis zum Schluss.

Einst flüchteten die Bewohner der Ersten Welt, einer sterbenden Welt (ich nehme an, dass hier unsere Erde gemeint ist), in ein entferntes Sonnensystem. Sie fanden hier, auf dem Planeten Laterre, eine neue Heimat und Hoffnung. Zumindest am Anfang. Denn nun, fast 500 Jahre später, ist für die meisten Menschen nichts geblieben als Frust und Verzweiflung. Während der Erste État, die herrschende Familie, im Überfluss schwelgt und der Zweite État die Regierungsgeschäfte steuert, lebt die Arbeiterklasse, die Menschen des Dritten État, in Schmutz und Armut ... und mit ständigem Hunger. Diese Menschen sind unzufrieden und haben Angst. Als die Regierung ihnen ihre einzige Hoffnung, das Losverfahren der Himmelfahrt, ein Klassenaufstieg, nimmt, sind Unruhen und Aufstände an der Tagesordnung. Laterre droht im Chaos zu versinken.

So könnte man die Vorgeschichte, bzw. die Ausgangssituation der Geschichte zusammenfassen. In der Handlung geht es um drei junge Menschen, aus deren Sicht die einzelnen Kapitel abwechselnd erzählt werden. Chatine ist eine Diebin aus dem Dritten État, gibt sich aber als Junge aus, und kämpft täglich ums Überleben. Dagegen ist Marcellus ein Offizier der Regierung und soll deren Geschäfte bald übernehmen. Allerdings ist er auch der Sohn eines Verräters und damit einer ständigen Überwachung ausgesetzt. Und dann ist da noch Alouette, die unbemerkt im Untergrund aufgewachsen ist und nicht ahnt, welche Rolle ihr von der Rebellion zugedacht wurde. Die Wege dieser drei jungen Menschen kreuzen sich, verbinden sich teilweise. Eine Lösung oder Übereinkunft gibt es in "Die Rebellion von Laterre" noch nicht.

Das Buch hat eine unglaublich anziehende und vereinnahmende Atmosphäre. Diese wird durch die Verwendung einiger französischer Wörter (keine Angst, man versteht alle auf Anhieb) noch begünstigt. Man spürt die Tristesse, den Regen, den Schmutz und wird von Unvorhergesehenem mitgerissen. Wirklich toll gemacht. Obwohl Spannung vorhanden ist, und Abwechslung durch drei Perspektiven entsteht, empfand ich die Handlung an wenigen Stellen zu eintönig, vielleicht zu lang. Chatines Sichtweise war mir die liebste und eindrücklichste, während mir Marcellus und Alouette stellenweise zu soft agierten. Das ist sehr subjektive, wenig entscheidende Kritik, denn das Gesamtkonzept funktioniert sehr gut und macht Spaß.
Am Ende der Geschichte stehen Leser*innen vor einem neuen Anfang und werden neugierig sein, wie es in Band 2 weitergeht.

Das Fazit
"Die Rebellion von Laterre" ist nicht nur irgendeine Neuinterpretation von Les Misérables, das Buch hat ein großartiges Konzept, und das sorgte bei mir für garantierten Lesespaß. Die Atmosphäre ist einzigartig und fast hautnah nachzuempfinden. Und weil die Geschichte aus der Perspektive von drei Hauptprotagonisten erzählt wird, wird man automatisch mitgerissen und nicht selten überrascht. Gefühlt hätte ich etwas mehr Abwechslung vertragen können, etwas mehr Tempo, um keine Längen aufkommen zu lassen. Die Faszination für die Geschichte war aber ständig vorhanden. Am Ende hätte ich gerne sofort weitergelesen. 4 von 5 Sterne gibt es dafür.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


Knaur Verlag (November 2019) - Band 1/2 - Klappenbroschur, 544 Seiten - 16,99 € [D]
Originaltitel: Sky without Stars - Übersetzt von Carina Schnell