Montag, 2. Dezember 2019

"Das Leben spielt hier" von Sandra Hoffmann



Das Thema
Als Ona ihn zum ersten Mal sieht, weiß sie es schon. Da ist etwas in seinen Augen, das trifft sie mitten ins Herz. Unbedingt kennenlernen möchte Ona diesen schmalen, schweigsamen Jungen mit der Narbe am Kopf, der ganz anders ist als die übrigen Surfer-Typen am Strand. Als sie sich später wieder begegnen, werden Ona und Pe ein Paar. Es ist das erste Mal, dass sie sich einem anderen Menschen so anvertrauen, ihm von ihrem Schmerz und ihrem Verlust erzählen. Ona, die ihre Mutter verloren hat, und Pe, der im Gegensatz zu seinem Bruder den Autounfall überlebt hat. Sich öffnen macht verwundbar, bedeutet aber auch Heilung.

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Carls Hanser Verlag


Wenn man an etwas sehr glaubt, während man es tut, hilft das. Weil es dann für einen Moment wahr wird. Nichts bleibt, wie es ist. Auch wenn man das nicht glaubt. Das ist ein Naturgesetz. Wie Sommer und Winter, Regen und Sonne, warm und kalt, Wellen und Wellentäler, Ebbe und Flut. Wie Berg und Tal. Man muss nur geduldig sein. Man muss nur aushalten können, wenn es mal nicht gut ist. Weil, wenn es gut ist, hält man es ja auch aus. - S. 33


Das Leseerlebnis
Was haben wir noch vom Leben zu erwarten, wenn es uns bereits übel mitgespielt hat? Können wir den Schmerz eines Verlustes jemals überwinden oder zumindest lernen, ihn auszuhalten? Und können wir uns neu anvertrauen, wenn uns eine Bezugsperson genommen wurde? Das sind Fragen über Fragen, aber genau mit diesen (und vielleicht den Antworten darauf) könnte man "Das Leben spielt hier" zusammenfassen. Eines war mir klar, als ich einen Blick auf das Buch warf: den ersten Jugendroman von Autorin Sandra Hoffmann möchte ich nicht verpassen. Leichte Kost ist das Buch nicht, und das soll es auch nicht sein. Es ist ein tiefgründiger und feiner Roman über Liebe, Trauer und das Leben.

So richtig lange sind Ona und Pe noch nicht zusammen. Nach einem kurzen Kennenlernen hatten sie sich wieder aus den Augen verloren. Als sie sich dann wieder über den Weg laufen, ist sofort klar, dass sie ein Paar werden. Beide verbindet mehr als Verliebtheit. Beide haben sie einen geliebten Menschen verloren. Das sollte eigentlich zusammenschweißen, aber sich einander anzuvertrauen ist nicht einfach. Offenheit macht auch verwundbar. Das erleben Ona und Pe hautnah, als sie gemeinsam mit dem Buchhändler Otto Kriedel einen spontanen Roadtrip nach Spanien unternehmen. Nicht nur Kriedel hat dort etwas zu klären, auch für Ona und Pe bedeutet diese Reise einen Menge.

"Das Leben spielt hier" ist einer der Romane, die tief gehen und nachwirken. Dabei ist das Buch zuerst nicht einfach zu lesen und schon gar keine Lektüre für nebenbei. Sandra Hoffmann verwendet ungewöhnliche Namen und schreibt zudem sehr eigen. Irgendwie spröde und doch natürlich und zart. Und sie verwendet in dieser Geschichte keine Zeichen für wörtliche Rede, mischt Gegenwart und Vergangenheit so, dass man sich nach Absätzen zuerst orientieren muss. Das ist nicht alltäglich und eine sehr ausgefeilte Version des Erzählens. Hat man sich in der Geschichte zurechtgefunden, sich mit den stilistischen Eigenheiten vertraut gemacht, läuft es auch. Ich kann mir aber vorstellen, dass es Leser*innen gibt, die mit einer solchen Erzählform weniger gut zurechtkommen.

Im Buch gibt es keine erkennbare Spannungskurve, erst gegen Schluss wurde ich in der Geschichte deutlicher mitgerissen. Das ist aber auch nicht der Sinn oder Zweck, der sich in "Das Leben spielt hier" verbirgt. Denn es ist tatsächlich eine Geschichte aus dem Leben, die so geschrieben und erzählt ist, wie das Leben manchmal eben spielt. Und das ist weniger geprägt von Action und Ungewöhnlichem, sondern von Grundsätzlichem und ursprünglichen Gefühlen wie Angst, Schmerz, Unsicherheit, aber auch Freude und Glück. Genau darum geht es hier.

Das Fazit
"Das Leben spielt hier" ist tatsächlich ein Roman mit einer Geschichte aus dem Leben. Einer tiefgründig-gefühlvollen und eher leisen Geschichte. Einer Geschichte über Verlust und Schmerz, aber auch Verbundenheit. Aufgrund der Tatsache, dass die Erzählform ungewöhnlich und stilistisch anspruchsvoll gewählt ist, kann es eine Weile dauern, bis man im Roman ankommt. Danach setzt er sich fest. "Das Leben spielt hier" ist ein Buch, das nachwirkt. 4 von 5 Sterne gibt es dafür von mir.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


Carl Hanser Verlag (September 2019) - Klappenbroschur, 176 Seiten - 15,00 € [D]
- ab 13 Jahren