Sonntag, 17. November 2019

"Wer ist Edward Moon?" von Sarah Crossan



Das Thema
Joe hat seinen Bruder seit zehn Jahren nicht gesehen, und das aus dem schlimmsten aller Gründe: Ed sitzt in der Todeszelle. Aber jetzt wurde Eds Hinrichtungsdatum festgelegt und Joe ist wild entschlossen, diese letzten Wochen mit seinem Bruder zu verbringen, egal, was andere Leute denken ...

Geschrieben von Carnegie Medal-Gewinnerin Sarah Crossan, wirft dieser ergreifende, aufwühlende, großherzige Roman wichtige Fragen auf: Welchen Wert misst man dem Leben bei? Was kann man vergeben? Und wie nimmt man Abschied voneinander?

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Mixtvision Verlag


"Kann ich ihn noch mal anrufen?" fragte ich.
Die Mandarine lag noch
in meiner Hand.
Ich wollte sie Mom ins Gesicht werfen und ihr wehtun.
"Nein", meinte sie.
"Und rechne nicht damit, irgendwann überhaupt noch mal mit
ihm zu reden."
Ich glaubte ihr nicht.
Ich dachte, Ed würde anrufen.
Ich dachte, er würde heimkommen.
Tat er aber nicht.
- S. 9/10


Das Leseerlebnis
Sarah Crossan hat mich mit ihrem Buch "Eins" nachhaltig beeindruckt. So sehr, dass ihr neuestes Werk "Wer ist Edward Moon?" sofort auf meine Muss-ich-lesen-Liste gerückt ist. Und jetzt, nach dem Lesen, frage ich mich, warum ich nicht schon längst alle Bücher der Autorin gelesen habe. Ich bekam genau das, was ich vom Buch erwartete ... und noch viel mehr. "Wer ist Edward Moon?" thematisiert die Todesstrafe in den USA und ist gleichzeitig eine Familientragödie. Eine aufrüttelnde und harte Lektüre, die aber ebenso gefühlvoll ist und die ich jederzeit neu empfehlen würde.

Edward hat seine Familie von heute auf morgen verlassen, er hielt es zu Hause nicht mehr aus. Damals war sein Bruder Joe acht Jahre alt. Kurz darauf wurde Edward verhaftet und des Mordes an einem Polizisten angeklagt. Seitdem sitzt er in Texas in der Todeszelle. Nun, zehn Jahre später, wurde ein Hinrichtungstermin festgelegt. Joe, der sich mittlerweile mit seinem Leben arrangiert hat, so scheint es zumindest, beschließt, seinen Bruder im Gefängnis zu besuchen, und die letzten Wochen mit Ed zu verbringen, dem Bruder, den er als Kind verloren hat. Er möchte verstehen und ihn neu kennenlernen. Außerdem glaubt Joe fest an Eds Unschuld. Vielleicht gibt es ja noch eine Chance, die Todesstrafe abzuwenden.

Ihre Bücher in Reimform zu schreiben, ist sicherlich ein Markenzeichen der Autorin. Auch hier hat Sarah Crossan diese Form des Erzählens gewählt. Zwar reimt sich hier nichts, die optische Form der Geschichte, bzw. der einzelnen Kapitel, gleicht jedoch einem Gedicht. Das hat zur Folge, dass auf den einzelnen Seiten recht wenig Text vorhanden ist, und genau dieser Umstand begeisterte mich sehr. Es ist erstaunlich wie viel die Geschichte aussagt, wie viel erzählt wird, ohne sie mit Wörtern und Worten zu überladen. Am Anfang des Buches benötigt man etwas Zeit, um sich an den Stil zu gewöhnen, danach liest sich das Buch "normal", wie ein fortlaufende Geschichte, jedoch sehr besonders und tiefgreifend.

Joes Familie, die das harte Leben einer Unterschicht kaum tragen kann, ist größtenteils zerbrochen. Nachdem sein Bruder Edward von zu Hause abgehauen ist, ziemlich schnell verhaftet und zum Tode verurteilt wird, zerbricht sie vollständig, denn auch die Mutter sucht das Weite. Einzig eine Tante versucht Joe und seine Schwester zusammenzuhalten, ihr Leben einigermaßen stabil zu gestalten. Als der Hinrichtungstermin näher rückt und Joe Edward besucht, werden nicht nur alte Wunden aufgerissen, sondern auch die Ungerechtigkeit der amerikanischen Todesstrafe beleuchtet. So richtig scheint es nämlich niemand zu kümmern, ob Edward wirklich schuldig ist oder nicht. Hier übt die Autorin berechtigte Kritik.

Ich laß dieses Buch sehr intensiv, es hat mit emotional mitgerissen und berührt. So stark, dass ich es gegen Ende zur Seite legen musste, um mich für den Schluss zu sammeln. Zwischen Hoffen und Bangen erwartet man, dass diese Geschichte gut ausgeht. Gut in Form von Gerechtigkeit. Das ist nicht leicht auszuhalten, bereichert aber ungemein. Nachdem man "Wer ist Edward Moon?" beendet, hat man gedanklich viel zu verarbeiten, denn die Geschichte wirkt lange nach.

Das Fazit
"Wer ist Edward Moon?" ist ein tiefgreifendes und emotional-feinfühliges Buch. Gleichzeitig übt die Geschichte berechtigte Gesellschaftskritik, stimmte mich nicht nur nachdenklich, sondern schockierte stellenweise ganz schön heftig, sodass ich mich am Ende neu sortieren musste. Sarah Crossans poetischer Erzählstil, und die optische Ausrichtung des Textes in Reimform, sind jedes Mal wieder besonders und verstärken das Gelesene um ein Vielfaches. Das ist erschütternd und ergreifend gleichermaßen. Es geht nicht besser, nicht verpassen! 5 von 5 Sterne vergebe ich dafür.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


Mixtvision Verlag (Oktober 2019) - Hardcover, 357 Seiten - 17,00 € [D]
Originaltitel: Moonrise - Übersetzt von Cordula Setsman - ab 14 Jahren