Montag, 19. August 2019

"Auf der Suche nach dem Kolibri" von Ava Dellaira



Das Thema
Marilyn weiß genau, wie ihre Zukunft aussehen soll: Nach der Schule will sie einfach nur weit weg, an ihrer Wunsch-Uni studieren und Fotografin werden. Dann lernt sie James kennen, der sie in ihren Träumen unterstützt, ihr aber auch zeigt, dass es sich lohnt, im Hier und Jetzt zu leben. Bis sie vom Schicksal auseinandergerissen werden.
Angie hat keine Ahnung, was sie mit ihrem Leben anfangen will. Sie weiß nur, dass sie unbedingt in Erfahrung bringen muss, was wirklich mit ihrem Vater James passiert ist. Laut ihrer Mutter Marilyn ist er bereits vor ihrer Geburt bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Aber dann findet Angie Hinweise darauf, dass ihre Mutter nicht die ganze Wahrheit erzählt hat. Mit ihrem Exfreund macht sie sich auf den Weg nach L.A., um endlich herauszufinden, woher sie kommt und wer sie ist.

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Magellan Verlag


Ihre Blicke treffen sich. Und dann.
Sie tut es, weil die Möwen am Abendhimmel kreisen, weil die Palmen im warmen Wind rascheln, weil der Mond riesig und beinahe voll zwischen den Hochhäusern hervorlugt. Weil sie ihn gerade beim Fußball geschlagen hat, weil er noch immer der beste Freund ist, den sie je hatte, weil sie das Blut in ihren Adern rauschen fühlt. [...] Weil er verständnisvoll war, als sie ihm das Bild von ihren Eltern gezeigt hat. Weil sie sich mit ihm weniger allein fühlt. Weil sie ihrer Furcht entkommen will, das damalige Glück ihrer Eltern nicht wiederherstellen zu können. Und die tut es ohne Zögern. Sie küsst ihn.
  - S. 217/218


Das Leseerlebnis
Ava Dellaira ist die Autorin von "Love Letters to the Dead". Damit wurde sie auch im deutschsprachigen Raum bekannt. Gelesen habe ich ihr Debüt nicht. Ihre Premiere hatte die Autorin bei mir mit "Auf der Suche nach dem Kolibri". Und ja, ich habe mich vom wunderschönen Cover ködern lassen, ebenso wie von der Inhaltsbeschreibung. Die Geschichte ist auf der einen Seite melancholisch und stimmungsvoll, und auf der anderen überwältigend und verzweifelt-romantisch. Ich könnte die Attribute des Buches mit Adjektiven überschwemmen und habe doch nicht das Gefühl, der Geschichte auch nur in Ansätzen gerecht zu werden.

Im Buch geht es um James, den einen Vater, den Angie nie kennenlernen durfte, dessen Verbleib sie umtreibt, und den sie unbedingt aufklären will. Und es geht um Marilyn, Angies Mutter, die mit James glücklich war, bis sie auseinandergerissen wurden. Was ist damals passiert? Und warum hat Marilyn ihrer Tochter nie die Wahrheit über das Verschwinden von James gesagt?

Im Prinzip ist die Geschichte ein Zwei-Generationen-Roman. Sie beginnt damit, dass sich Angie mit ihrem Exfreund nach Los Angeles aufmacht, ohne das Wissen ihrer Mutter Marilyn. Angie hofft, in L.A. mehr über ihren Vater James herauszufinden. Was dessen Verschwinden angeht, wurde sie von ihrer Mutter belogen. Aber warum? Im Verlauf des Buches wird die Geschichte im personalen Stil über Angie und Marilyn abwechselnd erzählt. Das empfand ich als großartig. Als Leser*in hat man das Gefühl, einen Film zu sehen, gerät immer tiefer in den Sog und die Geschehnisse von heute und damals ... bis Angie die Wahrheit erfühlt und die Handlung von Mutter und Tochter im Jetzt zusammenläuft.

Ich war von "Auf der Suche nach dem Kolibri" von vorne bis hintern gefesselt, erschüttert und begeistert. Es ist eines der Bücher, die ich wie unter Strom gelesen habe, bei dem ich die Gefühle der Protagonisten sehr direkt miterlebte, in dem ich mich aber auch so mitgerissen wohlfühlte, dass ich es kaum zur Seite legen konnte. Die Autorin schreibt über Familie, Träume und Zukunft. Über Rassismus, Schuld und Identität. Das untermalt sie mit viel Musik und einer Stimmung, die ihresgleichen sucht. Am Ende habe ich tief durchgeatmet, war irgendwie erfüllt und gleichzeitig ergriffen. Sehr großartig!

Das Fazit
"Auf der Suche nach dem Kolibri" ist ein indirekt hervorragend passender Buchtitel für die Suche eines Mädchens nach der Wahrheit und die Erlebnisse einer Mutter in der Vergangenheit. Daraus wurde nicht nur eine sehr bewegende und ergreifende Geschichte der Spurensuche, sondern auch ein überaus stimmungsvoller und dramatischer Roman mit einem Identitäts- und Rassismusthema. Ein wirklich fantastisches Herzensbuch, das auch lange nach dem Lesen nicht loslässt. 5 von 5 Sterne gibt es dafür von mir.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


Magellan Verlag (Juli 2019) - Hardcover, 400 Seiten - 18,00 € [D]
Originaltitel: In Search of Us - Übersetzt von Jessika Komina und Sandra Knuffinke - ab 14 Jahren