Dienstag, 23. Juli 2019

"Mitternacht" von Christoph Marzi



Das Thema
Es gibt einen Ort, an dem die Geister leben, eine Welt, die unsere berührt, eine Stadt, in der mit Geschichten und Albträumen Handel getrieben wird. Ein Missgeschick lässt Nicholas James, den alle nur den "gewöhnlichen Jungen" nennen, diese Welt betreten - und alles ändert sich: Peter Chesterton, ein reisender Geist, nimmt sich seiner an. Das Findelgeistmädchen Agatha stiehlt sein Herz. Und etwas, das im Dunkeln lauert, gewinnt an Macht. Die Wege, die Nicholas beschreitet, führen ihn dorthin, wo alle Hoffnungen geboren und alle Träume gestorben sind, an einen Ort, den die Geister voller Ehrfurcht "Mitternacht" nennen. Eine Geschichte von der Macht der Bücher und der Gefahr des Vergessens, in einer Welt der Geister.

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Piper Verlag


Er lächelte verschlafen und zufrieden, drehte sich auf dem schmalen Bett zur Seite und knüllte sich das Kopfkissen bequem.
In dem Moment bemerkte er die Silhouette des Mannes, der neben seinem Bett stand und ihn beobachtete. Das war der Augenblick, in dem sich sein Leben änderte und die Dinge ins Rollen kamen.
"Wer sind Sie?" Nicholas setzte sich ruckartig auf. Das Herz schlug ihm auf einmal bis zum Hals.
Der Mann, der nur ein Schatten und darüber hinaus noch sehr dünn war (ein dünner Schatten, könnte man sagen), erschrak ebenfalls. So jedenfalls schien es. Er fuhr zurück, ein wenig nur, machte aber keine Anstalten abzuhauen. "Niemand", sagte er leise.
- S. 10


Das Leseerlebnis
Christoph Marzi schreibt beeindruckende und mitreißende Bücher. Darum hatte ich sein neuestes Buch "Mitternacht" auch seit der Ankündigung auf dem Schirm. Der Erscheinungstermin verschob sich mehrfach, doch endlich war es da ... und ja, es hat mich mitgerissen. Das Buch kann, egal ob es irgendwann fortgeführt werden sollte, als Einzelband gelesen werden. Die Geschichte ist top, bis auf eine Einschränkung, weshalb mir eine Bewertung auch unglaublich schwer fällt. Ich versuche es trotzdem.

Nicholas James lebt auf einem Hausboot in London. Er verdient seinen Lebensunterhalt als Autor, allerdings hat er bis dato erst ein einziges Buch veröffentlicht (das für die Geschichte aber von großer Relevanz ist). Eines nachts sieht er einen Mann, den er eigentlich nicht sehen dürfte. Durch ihn gelangt er in ein alternatives London, eine Geisterwelt. In dieser ist es den dort lebenden Geistern wichtig, dass ihre Geschichten, die Erinnerung an sie, lebendig bleiben. Denn sonst verblassen die Geister und lösen sich auf. Dadurch entsteht im Geisterlondon ein Handel mit Geschichten, in den auch Nicolas hineingezogen wird. Es wird für ihn sehr gefährlich und nervenaufreibend.

Das Buch umfasst etwa 300 Seiten, recht wenig, für einen Roman mit dieser Handlung. Dennoch gelingt die Einführung grandios. Als Leser*in ist man ständig im Bilde, ohne alles auf dem Silbertablett serviert zu bekommen. Man muss mitdenken, ohne handlungstechnisch auf dem Trockenen zu sitzen. Das mag ich sehr, und ich habe jede Seite genossen. Spannung war unterschwellig konstant vorhanden, manch unheimliche Begegnung oder Situation sorgte für Nervenkitzel, und der Humor, mit dem der Autor die ganze Zeit spielt, hatte ständiges Schmunzeln zur Folge. Ich hatte Spaß! Plötzlich waren nur noch wenige Seiten des Buches übrig und ich fragte mich mehrmals, wie die Geschichte innerhalb dieser Kürze zu Ende gebracht werden könnte.

Es fällt mir nun schwer, die richtigen Worte zu finden, aber noch niemals habe ich eine Geschichte gelesen, die wie "Mitternacht" auf den letzten Seiten dermaßen einbricht. Die Kapitel, die vorher durchschnittlich lang waren, sind plötzlich nur noch halbe Seiten kurz. Die Handlung wird vorwärts gehetzt und ziemlich konfus, Charaktere verschwinden einfach oder werden nicht zu Ende erzählt, bzw. solche die nur namentlich erwähnt wurden, und eine tragende Rollen spielen sollten, tauchen gar nicht erst in der Handlung auf. Am Ende war ich mir nicht sicher, ob die Geschichte so überhaupt (zufriedenstellend) zu verstehen war oder ob man dafür einfach sehr viel Toleranz und die Fähigkeit des Umdenkens benötigt.

Und das Traurige, für das alles, den Einbuch im Buch, die unvollständige Handlung, gibt es einen Grund. Kurz vor der Fertigstellung von "Mitternacht" ist der Autor schwer erkrankt. Er erzählt im Nachwort von den Schwierigkeiten, den Roman fertigzustellen. Das machte mich sehr betroffen und mit fehlen tatsächlich die richtigen Worte für die Bewertung von "Mitternacht". Das Urteil, ob es nicht besser gewesen wäre, das Buch nicht zu veröffentlichen oder nochmals zu verschieben, möchte ich an dieser Stelle nicht fällen. Laut Christoph Marzi wird die Geschichte von Nicholas und dem London voller Geister eventuell weitergehen. Näheres ist dazu allerdings noch nicht bekannt.

Das Fazit
"Mitternacht" wurde von mir lange herbeigesehnt, die Freude war groß, als es endlich erschien. Die Geschichte startet grandios. Die spannende, sehr bildliche und manchmal auch gruselige Handlung wirkt mitreißend und die humorvollen Elemente machen Spaß ... bis auf den letzten Seiten ein Einbruch erfolgt, wie ich ihn noch nicht erlebte, der mich sprachlos machte. Auch wenn es dafür einen Grund gibt, der traurig und betroffen stimmt, hat dies der Geschichte nicht gut getan. Vielleicht wird sie jedoch fortgesetzt. Ich vergebe noch 3 von 5 Sterne für "Mitternacht".


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


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