Montag, 20. Mai 2019

"Zusammen sind wir unendlich" von Melissa Keil



Das Thema
Sophia ist ein Mathegenie voller Selbstzweifel - schließlich landen genug Wunderkinder unter der Brücke! Und ein Smalltalk-Gen hat sie auch nicht abbekommen. Nun zieht auch noch ihre Freundin Elsie, die einzige Person, die sie versteht, zum Studium in die USA: ewige Einsamkeit vorprogrammiert. Wäre da nicht Josh, der Hobby-Magier, der schon lange in Sophia verliebt ist. In einem Anfall von Mut steckt er eine Spielkarte in ihr Federmäppchen. Die Herz Zwei. Für Josh eine eindeutige Liebeserklärung, für Sophia ein Rätsel. Er muss also deutlicher werden; zum Beispiel mit einem Feueralarm ...

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Carlsen Verlag


Ich hasse Fotografiertwerden und ich kann mein Gesicht auf Fotos einfach nicht ertragen. Egal, was ich im Moment des Knipsens auch denke oder empfinde - auf dem Bild sieht mein Gesicht immer total leer aus. Vielleicht weil ich aus Zahlen bestehe, aus Ziffern und Daten und Fakten und merkwürdig herumfunkenden Synapsen; vielleicht bin ich in der realen Welt auch irgendwie blasser, weniger da als andere Menschen. - S. 207


Das Leseerlebnis
Liebesgeschichten mit dem gewissen Etwas, die anders sind und bei denen zwei völlig unterschiedliche Charaktere aufeinandertreffen, mag ich sehr. Gerne auch etwas nerdig, speziell eben. Mit Sophia, deren Welt aus Zahlen, Logik und Fakten besteht, und Josh, dem etwas unsicheren Hobby-Magier, treffen zwei Menschen aufeinander, die, rein objektiv, überhaupt nicht zusammenpassen ... und gerade darin liegt der Reiz und die Anziehung, die "Zusammen sind wir unendlich" ausmachen.

Auf den ersten Blick sind Sophia und Josh gar nicht so verschieden. Beide haftet das Gefühl von in sich gekehrten Außenseitern an, die ihren Platz im Leben noch nicht komplett gefunden haben. Doch während Josh an sich arbeitet, auf Menschen zugeht und Freunde hat, bewegt sich Sophia immer mehr auf den Rand der Einsamkeit zu. Nicht unbedingt wissentlich, aber durch ihren Geniestatus, und ihre Art zu denken, wirkt sie auf andere sonderbar und auch unnahbar. Selbst die Beziehung zu Sophias einziger Freundin Elsie verschlechterte sich (unmerklich) von Woche zu Woche.
Josh mag Sophia schon eine ganze Weile. Um sie auf ihn Aufmerksam zu machen, startet Josh einige sehr coole Aktionen, bei denen ihm sein großes Hobby, Trickzaubern, behilflich ist.

Die Geschichte liest sich ruhig und eindringlich, zart-romantisch. Aber auch sehr klug und mutig. Erfreulicherweise geht es hier nicht um Äußerlichkeiten und schwärmerische Anziehung, sondern um die Gefühle und Gedanken der Protagonisten. Natürlich soll bei einem Roman der Fokus auf den Hauptprotagonisten liegen, es fiel mir trotzdem auf, dass die Autorin mehrere Personen(kreise) nur kurz erwähnt oder vorgestellt hat, die dann in der Geschichte keine bedeutende Rolle mehr spielen (Eltern? Bandmitglieder? Cheffin von Josh?). Wegen mit hätte man diese Personen auch einfach weglassen können. Andererseits, hätte man die Personenzahl deutlich minimiert, wäre die Story vielleicht zu sehr auf die Gedanken von Josh und Sophia fixiert gewesen und weniger bunt erschienen.

Sophias "Problem" der Emotionslosigkeit und Unsicherheit ist nicht genau definiert. Ist sie einfach ein echtes Wunderkind, ein Genie, und hat es durch ihre komplexen Gedankengänge schwer im Leben? Oder ist sie vielleicht (zusätzlich) Autistin? Im Grunde ist das aber egal, denn jeder Mensch ist anders und somit einzigartig. Sophia und Josh wurden für die Geschichte ganz wunderbar charakterisiert.
Persönlich hätte ich es sehr klasse gefunden, wenn sich das Thema der Zaubertricks durch das ganze Buch gezogen hätte. Josh macht Sophia mit einigen sehr kreativen und außergewöhnlichen Tricks auf sich aufmerksam, diese Aktionen sind toll. Leider verläuft das dann irgendwann im Sand oder hat in der Geschichte keine Bedeutung mehr. Dabei hätte es dem Roman noch mehr Pfiff und Besonderheit verliehen. Sehr schön zu lesen war "Zusammen sind wir unendlich" aber allemal. Und das von Anfang bis Ende.

Das Fazit
"Zusammen sind wir unendlich" gehört zu der Art von Jugendromanen, die ich unterbewusst immer suche und die der Grund sind, warum mir dieses Genre so perfekt zusagt. Es ist eine sehr besondere Geschichte mit speziellen Charakteren, die überhaupt nicht alltäglich, aber wunderbar dargestellt sind. Damit ist das Buch so viel mehr als ein zarter Liebesroman. Es ist gefühlvoll und tiefgründig und auch ein bisschen eigen. Noch mehr Pfiff hätte "Zusammen sind wir unendlich", wäre das Thema Trick-Zauberei über das ganze Buch aufrechterhalten worden. So gibt es 4 von 5 Sterne von mir.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


Carlsen Verlag (März 2019) - Hardcover mit Schutzumschlag, 320 Seiten - 16,99 € [D]
Originaltitel: The Secret Science of Magic - Übersetzt von Yvonne Hergane - ab 14 Jahren