Donnerstag, 11. April 2019

"Sadie: Stirbt sie, wird niemand die Wahrheit erfahren" von Courtney Summers



Das Thema
Ihre kleine Schwester Mattie ist das einzige, was für Sadie wirklich zählt. Ihr möchte sie die Geborgenheit geben, die ihr selbst immer gefehlt hat. Als Mattie tot aufgefunden wird, bricht Sadie der Boden unter den Füßen weg. Nach ergebnislosen Polizeiermittlungen macht sie sich selbst auf die Suche nach Matties Mörder. Koste es, was es wolle. Journalist West McCray widmet Sadies Verschwinden einen True-Crime-Podcast, der zu einer fieberhaften Spurensuche wird. Kannte Sadie den Mörder? McCray muss herausfinden, was passiert ist, und hofft, dass er nicht zu spät kommt.

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Belz & Gelberg


"Sie ist tot", flüstere ich und weiß nicht, warum ich das laut sage, weil es schmerzt, es laut auszusprechen, zu spüren, wie wahr mir diese Worte über die Lippen kommen, real werden in der realen Welt. Aber Sie ist tot ist der Grund, warum ich noch am Leben bin.
Sie ist tot ist der Grund, warum ich einen Mann töten werde. Wie viele Menschen leben mit einem Wissen wie diesem weiter? - S. 117


Das Leseerlebnis
Die Texte von Courtney Summers sollen sich durch eigensinnige und kompromisslose Frauenfiguren auszeichnen. Schon das lieferte mir einen Grund für "Sadie: Stirbt sie, wird niemand die Wahrheit erfahren", das neueste Buch der Autorin. Besonders stark interessiert hat mich hier aber der Erzählstil, der neben der Haupthandlung teilweise in Form eines Podcasts erfolgt und eine ganz eigene Sicht auf das Geschehen liefert. Das Buch ist Lesespaß vom Allerfeinsten, auch wenn ich denke, dass Spaß nicht das Wort sein sollte, mit dem ich mein Lesegefühl bei "Sadie" beschreibe. Denn dazu ist das Thema zu schockierend, die Atmosphäre zu beklemmend. Besser, das Buch hat mich mit Haut und Haaren verschlungen.

Die Geschichte beginnt damit, dass Sadie verschwunden ist. Die Polizei findet ihr Auto und einige persönliche Dinge, hat aber sonst nur wenige Infos. Sadie war auf einer Suche, der Suche nach dem Mörder ihrer kleinen Schwester Mattie. Weil die Polizei nicht weit kommt, und die Ersatzoma der Mädchen nach Mattie nicht auch noch Sadie verlieren will, bittet sie einen Reporter um Hilfe. Dieser begibt sich auf Spurensuche und hält seine Erlebnisse und Ergebnisse in einem Radio-Podcast fest. Zuerst sind die Zusammenhänge noch unklar, doch der Reporter deckt Stück für Stück Teile einer unheilvollen Familiengeschichte auf.

Als Leser*in erlebt man das Buch aus der Sicht von Sadie und gleichzeitig über den Podcast des Reporters West McCray. Dinge, die man erahnt, während Sadie erzählt, verfestigen sich während dem "Anhören" des Podcasts. Und diese Dinge sind schlimm. So schlimm, dass es mir nicht selten kalt den Rücken runterlief. Auch ohne konkrete Aussagen und Darstellungen kann man bald erahnen, um was es geht. Das hat mir sehr bestürzt und mitgenommen, ist aber auch ungemein spannend. Die Atmosphäre hat etwas Beklemmendes und auch etwas Kompromissloses. Die Geschichte gleicht einer Studie über die Aufgabe der amerikanischen Unterschicht, mit all ihrer Verzweiflung, Wut und Sittenverfall. Sadies Suche nach dem Mörder ihrer Schwester ist weniger Stärke, auch wenn ich ihr Durchhaltevermögen in jeder Situation bewundert habe, es ist das Einzige, was ihr noch bleibt.

Ich weiß nicht, ob eine Geschichte wie "Sadie" gut ausgehen kann. Gut, im Sinne von einem Happy End. Wahrscheinlich wäre das unglaubwürdig. Die Autorin hat sich hier für eine Art offenes Ende entschieden. Ob dies "gerecht" ist oder für Sadie "gut" endet, wird jede*r Leser*in selbst entscheiden müssen. Ich habe mir lange Gedanken gemacht und genauso lange wird diese Geschichte für mich präsent sein.

Das Fazit
Nachdem ich die Hälfte von "Sadie: Stirbt sie, wird niemand die Wahrheit erfahren" gelesen hatte, wurde mir klar, dass ich gefühlt die ganze Zeit vor (An)Spannung die Luft angehalten habe. Die Geschichte ist megagut erzählt und bestürzt durch ein Thema, und vor allem eine Atmosphäre, bei dem es mir kalt den Rücken runterläuft. Das Buch lässt zu keiner Zeit los. Dabei ist die Erzählweise so vereinnahmend, wie man das selten erlebt. Man liest mit Gänsehaut und Knoten im Magen und ist trotzdem völlig gebannt ... bis zum Schluss. "Sadie" wird lange im Gedächtnis bleiben. 5 von 5 Sterne gibt es dafür von mir.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


Beltz & Gelberg (Februar 2019) - Klappenbroschur, 359 Seiten - 16,95 € [D]
Originaltitel: Sadie - Übersetzt von Friederike Levin - ab 14 Jahren