Mittwoch, 6. März 2019

High Five - 5 Sätze/5 Adjektive zu "Offline ist es nass, wenn's regnet" von Jessi Kirby



Loewe Verlag (Januar 2019),
Klappenbroschur, 336 Seiten,
übersetzt von Anne Brauner,
14,95 € [D]


Stell dir vor, du öffnest an deinem 18. Geburtstag die Haustür und dort liegt ein Geschenk: ein riesiger Wanderrucksack, ein Paar Wanderschuhe und ein Trailtagebuch für den Yosemite Nationalpark. Würdest du loslaufen?

Mari entscheidet sich genau dafür, obwohl sie noch nie mehr als zehn Schritte zu Fuß getan hat. Von heute auf morgen tauscht sie Smartphone und Social Media gegen schneebedeckte Berge, reißende Flüsse und Blasen an den Füßen, aber auch gegen Sonnenaufgänge wie aus dem Bilderbuch, warmherzige Begegnungen und mutige Entscheidungen - denn der Yosemite verändert jeden. (Text-, Cover- und Zitatrechte: Loewe Verlag)


Doch während ich zusehe, wie meine Füße Bris Wanderschuhe und ihren Rucksack vorwärtsbewegen, fühle ich mich wie ein Hochstaplerin. Die eine Meile an ihrer Stelle habe ich noch nicht mal hinter mir - geschweige denn zweihundertundelf Meilen - und möchte doch lieber nicht weitergehen, sondern umkehren. Ich möchte aufhören, bevor ich im ganz großen Stil scheitere. [...] Ich könnte mein Leben wieder aufnehmen, ohne dass überhaupt jemand erführe, welche Dummheit ich hier beinahe begangen hätte. - S. 95/96


5 zusammenfassende Sätze/Punkte zum Buch

  1. Das Thema "Digital Detox" ist gerade in aller Munde. Fast jeder, der ein Smartphone, ein Tablet oder einen Laptop nützt, wird irgendwann das Gefühl bekommen, dass diese Geräte einen immer größeren Platz im Leben einnehmen. Sie sind Zeitfresser und das Leben findet mehr und mehr online statt. Viele Menschen überkommt das Bedürfnis, diese Gewohnheiten zu ändern, mehr im Jetzt, weniger auf Social Media zu leben. "Offline ist es nass, wenn's regnet" greift dieses Thema in Romanform auf. Das Buch kann ein Denkanstoß sein, muss es aber nicht. Das Buch liest sich, auch völlig unvoreingenommen, richtig super.
  2. Mari ist eine bekannte und erfolgreiche Influencerin. Alleine auf Instagram hat sie so viele Fans, dass sie sich dort eine Art künstliche Realität geschaffen hat. Für ihre Follower (und sich selbst) stellt sie sich so dar, wie sie gesehen werden will. Das macht nicht immer Spaß, es ist auch sehr anstrengend. Denn Maris Leben glänzt nur zum Schein, ist eher ein Fake. Eigentlich läuft es bei Maris nämlich alles andere als gut, seit ihre Cousine Bri bei einer Wanderung tödlich verunglückt ist. Als sie von ihrer Tante Bris Wanderausrüstung erhält, kommt damit etwas ins Rollen, das Maris aktuelles Leben so ziemlich umkrempelt.
  3. Ich gehe jetzt mal rein von mir aus, und ich bin weit, weit davon entfernt, auf Social Media so bekannt und einflussreich zu sein wie Mari. Und das Online-Leben soll für mich auch niemals diesen hohen Stellenwert einnehmen. Und doch fand ich mich in Maris Aktionen und Postings, die im Buch beschrieben werden, teilweise wieder. Ganz objektiv möchte ich behaupten, dass sich viele Leser damit werden identifizieren können. Eigentlich traurig ... und verständlich, dass Marie etwas ändern will. Das Buch ist nicht nur optisch eine Augenweide (goldene Regentropfen, tolle Zeichnungen und Handlettering), es riss mich ab dem ersten Kapitel mit und ließ mich bis zum Ende nicht mehr los. Das Thema mag einen achtsamen Hintergrund haben, das schließt aber den Spaß, den das Lesen macht, nicht aus.
  4. Ob es realistisch ist, dass ein Mädchen alles stehen und liegen lässt, um eine Wanderung zu unternehmen, einen Trail zu laufen, für den selbst erfahrene Hiker lange trainieren müssen? Nun, zuerst hat Mari gar nicht vor, den Trail, den ihre Cousine Bri laufen wollte, komplett zu bewältigen. Sie möchte nur bis zu einem Aussichtspunkt ganz am Anfang kommen, den Kopf freibekommen, ihr Leben überdenken. Die Entscheidung, den kompletten Trail zu laufen, fällt Mari nach und nach. Und ich bin davon überzeugt, dass Menschen über sich hinauswachsen können und an Herausforderungen reifen können. Es geht hier nicht so sehr ums Ob, sondern ums Wie und Warum. Und das hat die Autorin sehr einfühlsam, und ja, auch realistisch, beschrieben. Mit jeder Seite wuchs in mir der Wunsch, genau so etwas einmal zu versuchen. In dieser Hinsicht hat mich das Buch völlig vereinnahmt.
  5. Am Ende ist die Handlung nicht mehr so detailliert wie zuvor. Nicht mehr jeder Wanderabschnitt wird genau beschrieben. Das macht aber nichts, denn es kommt auf den Schluss an. Hier hat man das Gefühl, gemeinsam mit Mari, eine "große Sache" bewältigt zu haben. Nicht körperlich (haha!), aber gedanklich. Vielleicht tut es gut, seine eigenen Motive und Verhaltensweise zu hinterfragen. Vielleicht war das Buch aber einfach nur eine schöne bereichernde Unterhaltung. Ich denke oft an die Geschichte, und ich habe noch immer große Lust, auf einen Trail zu gehen.

5 Adjektive, die mir spontan zum Buch einfallen

golden, emotional, nachdenklich, herausfordernd und gewinnend



Zusammengefasst vom Fazitbär:
"Offline ist es nass, wenn's regnet" hat mir allerbeste Lesestunden beschert. Ich war nicht nur fasziniert vom Thema 'Digital Detox', auch dessen Darstellung und die Begleitung von Mari auf dem Wandertrail haben mich sehr für sich eingenommen. Dabei fühlte ich mich niemals belehrt, aber nachdenklich wurde ich schon. Das Buch ist wunderbar unterhaltsam und irgendwie auch gewinnend. Es hat etwas in mir berührt, wie ich das schon lange nicht mehr erlebt habe. Toll!


© Damaris liest.