Dienstag, 6. November 2018

"Gun Love" von Jennifer Clement



Das Thema
"Wähl niemals den Notruf, kauf dir eine Waffe!"

Seit ihrer Geburt lebt Pearl im Auto, sie vorne, ihre Ausreißer-Mutter auf der Rückbank. Vierzehn Jahre stehen die beiden jetzt schon am Rande eines Trailerpark irgendwo in Florida. Draußen vor der Windschutzscheibe ist die Welt den Waffen verfallen: Kinder wachsen mit Pistolen statt Haustieren auf, Schießübungen immer und überall, mal Alligatoren, mal den Fluss, mal Polizisten im Visier, und sonntags sitzt man beim Gottesdienst mit der geschulterten Schrotflinte in der ersten Reihe. Doch im Ford Mercury wirken andere Kräfte, hier lernt Pearl das Träumen. Bis ein schöner Mann und seine Pistolen alles verändern ...

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Suhrkamp Verlag


Dank meiner Mutter wusste ich, dass die Erinnerung der einzige Ersatz für die Liebe war. Dank meiner Mutter wusste ich, dass die Traumwelt der einzige wirklich wichtige Ort war.
Meine Mutter sagte immer, Träumen ist billig. Es kostet nichts. Im Traum muss man weder Rechnungen noch Miete zahlen. Im Traum kann man ein Haus bauen und man wird zurückgeliebt.
- S. 221


Das Leseerlebnis
Aufgrund des hervorragend gelungenen Covers, erregte Jennifer Clements Roman "Gun Love" sofort meine Aufmerksamkeit. Nachdem ich den Klappentext gesehen hatte war klar, ich muss dieses Buch lesen. Denn es geht um eine Mutter-Tochter-Beziehung, inmitten eines Lebens am Rande der Gesellschaft. Dass Autoren gerne in Extremen erzählen, ist mir klar. Doch das dargestellte Szenario wirkte bei aller Dramatik so echt und plausibel, dass ich ganz genau hinsehen wollte. Das habe ich dann auch; von Anfang bis Ende und manchmal sogar, indem ich zurückgeblättert habe. "Gun Love" hat mich beeindruckt, aber auch stark bedrückt.

Für Menschen wie dich und mich ist ein Leben, wie die 14-jährige Pearl es führt, wahrscheinlich kaum vorstellbar. Pearl lebt mit ihrer Mutter im Auto. Auf dem Parkplatz eines Trailerparks in Florida. Und das schon seit vierzehn Jahren, also seit dem Zeitpunkt, als Pearls Mutter mit ihrem Neugeborenen von zu Hause weglief. Von klein auf ist die Müllkippe Pearls Spielplatz, die Vordersitze des Autos ihr Bett. Doch obwohl das Mädchen inmitten von Trostlosigkeit und Gewalt aufwächst, haben Mutter und Tochter eine ganz besondere, fast schon verträumte Beziehung zueinander. Aber auch Pearls Mutter ist einsam. Als sie einem Mann die Autotür und ihr Herz öffnet, ändert das plötzlich alles.

Wer bis hierhin noch nicht abschätzen kann, was beim Lesen auf einen zukommt, dem kann ich sagen: "Gun Love" ein Roman ist, bei dem man nicht wegsehen kann. Die Geschichte ist tragisch. Jedoch verzichtet Jennifer Clement auf überspitzte Darstellung und Sensationslust, erzählt die Geschichte aber eindinglich und drastisch. Ohne kenntlich gemachte wörtliche Rede und Metaphern, die erst in Kontext gesetzt werden müssen, ist "Gun Love" kein einfaches Lesen, entfaltet seine Wirkung aber Stück für Stück und dann sehr beeindruckend. Ich empfand das Buch vordergründig als einen Roman, der zusätzlich eine Gesellschaftsstudie enthält. Das Ende ist relativ offen gehalten, was bei dieser Geschichte aber zu erwarten war. Man muss bereits sein, bestimmte Personen loszulassen, auch wenn das schwer fällt.

Das Fazit
"Gun Love" ist keine heitere Lesekost; das Buch vereinnahmt enorm, bedrückt und schockiert in vielerlei Hinsicht. Es ist ein Roman, der in einer sehr besonderen, poetisch-verträumten und hochwertigen Art und Weise erzählt wird. Das bildet einen starken Kontrast zu einer tragischen Geschichte, die am Rande eines Trailerparks und damit auch am Rande der Gesellschaft spielt. Während des Lesens ist es schwer wegzusehen (nicht, dass man das möchte). Danach muss man die eigenen Gedanken sortieren, das Buch wirkt lange nach. 4,5 von 5 Sterne gibt es dafür von mir.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


Suhrkamp Verlag (September 2018) - Hardcover mit Schutzumschlag, 251 Seiten - 22,00 € [D]
Originaltitel: Gun Love - Übersetz von Nicolai von Schweder-Schreiner



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