Samstag, 6. Oktober 2018

"Kompass ohne Norden" von Neal Shusterman



Das Thema
Caden hält sich für einen normalen Jungen. Doch sein Verstand ist ein krankhafter Lügner, der sich auf fantastische Reisen begibt. Manchmal befindet Caden sich auf dem Weg zum tiefsten Punkt der Erde im Marianengraben, auf einem Schiff, auf dem die Zeit seitlich läuft wie eine Krabbe, verwittert von Millionen Fahrten, die bis in die finstere Vergangenheit zurückreichen. Und in der Realität lässt Cadens Verstand harmlose Dinge wie einen Gartenschlauch zur tödlichen Gefahr werden. Als die Grenze zwischen realer und fantastischer Welt verschwimmt, begreift Caden: In den Tagen der Bibel hätte er vermutlich als Prophet gegolten, doch heute lautet die Diagnose: Schizophrenie.

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Carl Hanser Verlag


Was ich fühle, lässt sich nicht in Worte fassen, oder wenn doch, dann in einer Sprache, die niemand versteht. Meine Gefühle reden in Zungen. Freude wandelt sich in Wut wandelt sich in Angst wandelt sich in ironische Belustigung, so als würdest du mit ausgebreiteten Armen aus einem Flugzeug springen, zweifelsfrei überzeugt, dass du fliegen kannst, und dann plötzlich merken, dass du es doch nicht kannst und nicht nur keinen Fallschirm hast, sondern auch keine Klamotten an, und dass sich die Leute unten am Boden alle Ferngläser vor die Augen halten und lachen, während du deinem höchst peinlichen Ende entgegen stürzt. - S. 17


Das Leseerlebnis
Neal Shusterman ist vielen Lesern durch seine düstere und dysopische Jugendbuchreihe ein Begriff. Umso erstaunter war ich, dass "Kompass ohne Norden" ein völlig anderes Werk des Autors ist. Er hat lange daran geschrieben; die Idee für dieses Buch bekam er durch seinen Sohn, der in seiner Jugend psychisch erkrankt ist. Vieles, was sein Hauptprotagonist Caden im Buch erlebt, ist Shustermans Sohn Brendan ebenso passiert. Von ihm stammen auch die Zeichnungen im Buch, die alle während der Tiefen, wie Shusterman einen psychotischen Schub beschreibt, entstanden. "Kompass ohne Norden" ist kein leises Buch. Es ist eines, das stark aufwühlt, mich an den tiefsten Punkt eines jungen Verstandes führte, und mich stark beeindruckt hat.

Caden ist beliebt und pfiffig, ein Junge, den man gern hat, wenn man ihm begegnet. Doch schleichend verändert sich seine Psyche. Er analysiert Dinge bis ins kleinste Detail, über die sich die meisten Menschen keine Gedanken machen würden, fühlt sich grundlos bedroht und steigert sich in Manien, die für Familie und Freunde schwer nachzuvollziehen sind. Und irgendwann begibt sich Caden auf eine Reise in die Tiefen seiner Seele. Einen Weg zurück gibt es nicht. Ohne Hilfe wird Caden immer auf dieser Reise bleiben.

Der Steuermann sagt, ich solle mir deswegen keine Sorgen machen. [...] "... Meine Karten zeigen uns die Route, aber deine Visionen weisen uns den Weg. Du bist der Kompass, Caden Bosch. Du bist der Kompass!"
"Wenn ich der Kompass bin, dann bin ich ziemlich nutzlos", antworte ich. "Ich kann Norden nicht finden." - S. 17

Die Geschichte ist so hochwertig und perfekt durchdacht geschrieben, dass sie, vor allem am Anfang, viel Aufmerksamkeit beim Lesen benötigt. Es dauert eine kurze Zeit, bis man die Gegebenheiten sortiert hat und kleine Feinheiten oder Anspielungen erkennt. Ich ein paar Mal gerne zu den ersten Kapiteln zurückgeblättert, als ich in die Handlung eingetaucht war. Im Grunde sind es nämlich zwei Geschichten: Cadens Erlebnisse und Entwicklung im realen Leben und seine Tiefseereise, die Schizophrenie. Die realen Eindrücke waren mir zu Beginn lieber, bzw. interessanter. Mit der Zeit vermischen sich aber beide Geschichten (gewollt), so dass man sie nicht mehr eindeutig trennen kann. Am Ende bleibt das Gefühl eines großartigen Buches zurück, eines, das man so sicherlich noch nicht gelesen hat. Ich bin sehr begeistert.

Das Fazit
"Kompass ohne Norden" hat mich nicht nur völlig gebannt an die Seiten gefesselt, es hat mich auch  nach dem Lesen lange nicht losgelassen. Sehr beeindruckend, realitätsnah und metaphorisch zugleich beschreibt Neal Shusterman den Alltag eines Jungen mit Schizophrenie und bipolarer Störung. Das hat mich fasziniert (auch wenn ich nicht weiß, ob Faszination hier angebracht ist) und sehr berührt. Ein solches Buch kann gewiss nicht heilen, aber es kann Betroffenen Mut machen und Nicht-Betroffenen Verständnis und konkrete Einblicke schenken. Großartig! 5 von 5 Sterne müssen hier sein.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


Carl Hanser Verlag (August 2018) - Hardcover, 352 Seiten - 19,00 € [D]
Originaltitel: Challenger Deep - Übersetzt von Ingo Herzke - ab 14 Jahren




Kommentare:

  1. Hallo liebe Damaris!

    Ich habe "Kompass ohne Norden" auch schon vor einiger Zeit gelesen und war genauso begeistert wie du. Die Geschichte ist total tiefgründig und ergreifend.Vor allem mit dem Hintergrundwissen, dass er selber durch seinen Sohn Erfahrungen mit dem Thema hat, gibt dem Buch noch mehr Tiefgang und Emotionalität!

    Liebe Grüße
    Laura

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    1. @Laura - Ich habe deine begeisterte Rezi zu "Kompass ohne Norden" schon entdeckt :-). Ging es dir auch so, dass du am Anfang die echten Passagen, denen auf See vorgezogen hast? Ich hätte nie gedacht, dass Neal Shusterman auch "so etwas" schreibt. Man kennt ihn ja eher von Dystopien oder Ähnlichem.

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  2. Hallo Damaris,

    auf dieses Buch bin ich schon sehr neugierig und habe bisher nur Gutes darüber gelesen.

    Liebe Grüße,
    Uwe

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    1. @Uwe - Das Gute hast du zurecht gehört. Ich bin immer noch ganz ergriffen von der Geschichte.

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  3. Hey meine Liebe,
    ich hätte auch nicht gedacht, dass das tatsächlich der gleiche Autor ist. :)
    Das Buch klingt tiefgründig, gefühlvoll und einfach nach etwas ganz besonderem. Wahnsinn, da muss ich mich doch gleich mal in die LEseprobe begeben. Aber eigentlich hat mich deine Rezension schon definitiv vom Buch überzeugt. ;)
    Liebe Grüße, Toni

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    1. @Toni - Ja, genau. Ich war auch erstaunt, dass Neal Shusterman hier schriftstellerisch ganz andere Wege geht. Aber schön! "Kompass ohne Norden" ist schon sehr eigenwillig und hart, aber das ist das Thema Schizophrenie eben auch. Ich kann es dir wirklich empfehlen.

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  4. Das klingt nach einem tollen, aber auch sehr aufwühlenden Buch. Ich setze es mal auf meine Wunschliste und warte mal ab, ob es wirklich irgendwann von mir gekauft werden möchte.
    Danke für's Vorstellen, ich hatte es bisher überhaupt nicht auf dem Schirm!

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    1. @Tine - Der Verlag sagte mir, dass "Kompass ohne Norden" wohl ein Buch sein wird, dass von der Presse hochgelobt wird (zurecht!), das aber eine recht kleine Zielgruppe hat. Es ist unterhaltsam, aber auch tiefsinnig. Sehr krass, was solch eine psychische Krankheit mit einem Menschen machen kann. Ich denke, dir würde das Buch auch so gut gefallen wie mir.

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