Mittwoch, 19. September 2018

"Thalamus" von Ursula Poznanski



Das Thema
Ein schwerer Motorradunfall katapultiert den siebzehnjährigen Timo aus seinem normalen Leben und fesselt ihn für Monate ans Krankenbett. Auf dem Markwaldhof, einem Rehabilitationszentrum, soll er sich von seinen Knochenbrüchen und dem Schädelhirntrauma erholen. Aber schnell stellt Timo fest, dass sich merkwürdige Dinge im Haus abspielen: Der Junge, mit dem er sich das Zimmer teilt, gilt als Wachkomapatient und hoffnungsloser Fall, doch nachts läuft er herum, spricht - und droht Timo damit, ihn zu töten, falls er anderen davon erzählt.

Eine Sorge, die unbegründet ist, denn Timos Sprachzentrum ist schwer beeinträchtigt, seine Feinmotorik erlaubt ihm noch nicht niederzuschreiben, was er erlebt. Und allmählich entdeckt er an sich selbst Fähigkeiten, die neu sind. Er kann Dinge, die er nicht können dürfte. Weiß von Sachen, die er nicht wissen sollte ...

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Loewe Verlag


In diesem Moment begriff Timo, dass er bloß träumte. Das war bei Weitem die wahrscheinlichste Erklärung für das, was eben passiert war. Deshalb verhielt Magnus sich auch so unlogisch - einerseits wollte er keinesfalls, dass Timo jemandem verriet, was er gesehen hatte, andererseits spazierte er ganz unbeschwert aus dem Zimmer. Auf einen Gang hinaus, wo er jederzeit einem Arzt oder einer Schwester im Nachtdienst begegnen konnte. - S. 35


Das Leseerlebnis
Ursula Poznanski schreibt tolle Bücher für Jugendliche und Erwachsene. Als großer Fan ihrer dystopischen Eleria-Trilogie - meiner Meinung nach eine der besten deutschsprachigen Dystopien -, haben es mir aber auch ihre oftmals futuristischen Jugendthriller angetan. Die Themen sind gut ausgewählt, bestens recherchiert und in Szene gesetzt. So auch bei "Thalamus", dem neuen Roman, dessen Klappentext alleine schon Gänsehautpotenzial hat. Um welches, gar nicht so abwegige, Sci-Fi-Element es dieses Mal geht, das verrate ich nicht. Mir gefiel das Buch, aber Begeisterung verspürte ich beim Lesen nicht. Leser von jugendlich-realistischen Thrillern könnten durchaus Spaß mit dem Buch haben.

Im Mittelpunkt von "Thalamus" steht Timo, der auf dem Weg zu seiner Freundin ist, um ihr ein besonderes Geschenk zu geben. Das Schicksal macht ihm aber einen Strich durch die Rechnung, er hat einen schlimmen Unfall. Weil Timos Gehirn betroffen ist, und er nicht mehr sprechen kann, kommt er in eine spezielle Reha-Klinik. Dort sollen er und weitere Hirntraumapatienten lernen, wieder alleine zurecht zu kommen. Das alles habe ich gespannt verfolgt, vor allem dann, als Timo herausfindet, dass an dieser Reha-Klinik irgendwas ganz und gar nicht normal ist.

Mir ging es mit der Geschichte so, dass ich sie gelesen habe ... und okay fand. Mehr aber nicht. Einen besonderen Zugang bekam ich nicht, und es ist kein Buch, das bei mir lange nachhallen wird. Der Stil und die Charaktere sind einfach, ohne bemerkenswerte Atmosphäre oder Gänsehautmomente, als wäre die Geschichte für sehr junge Leser geschrieben. Einem Vergleich zu anderen Werken der Autorin hält beides nicht stand.

Insgesamt liest sich das Buch gut und interessant. Für mich hätte die Geschichte, gerade auch als Jugendbuch, noch viel spannender sein dürfen. Vor allem im Mittelteil plätschert die Handlung vor sich hin und wiederholt sich oft. Die Sache mit Timo und dem Nicht-sprechen-können ist natürlich ein gewolltes Spannungselement, weil er bald brisante Dinge herausfindet und sich - angeblich - nicht mitteilen kann. Logisch ist das bei Timos Krankheitsverlauf allerdings nicht. Er kann schnell wieder lesen, essen und deuten, und gerade für solche Patienten haben diese Art von Rehaeinrichtungen definitiv Möglichkeiten und Wege zu kommunizieren. Bei Timo wird das völlig außer Acht gelassen. Das war schon auffällig konstruiert.
Die Sache, um die es im Buch geht, hat etwas futuristisch-vereinnahmendes, inkl. Sci-Fi-Elemente, und wurde deutlich erklärt. Nach einem brenzligen Showdown geht alles recht schnell, danach ist die Handlung so abgeschlossen, dass man das Buch zufrieden zuklappt.

Das Fazit
"Thalamus" hat ein Thema, das uns Lesern in dieser Form sicherlich noch nicht (oft) über den Weg gelaufen ist. Als großer Fan von Ursula Poznanskis besonderen Jugendbüchern, ihren Wendung und Konflikten, empfinde ich "Thalamus" jedoch leider als das schwächste Werk der Autorin. Das Buch ist sicherlich gut und thematisch mitreißend, jedoch habe ich hier einiges vermisst - an Stil, Charakteren und plausibler Spannung -, auf das ich sonst großen Wert lege. Das Buch ist okay, auch wenn es irgendwie gewollt wirkt, aber für mich sicherlich kein Highlight. 3 von 5 Sternen vergebe ich dafür.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


Loewe Verlag (August 2018) - Klappenbroschur, 448 Seiten - 16,95 € [D]
- ab 14 Jahren

Kommentare:

  1. Hallo Damaris,

    das Buch durfte vor kurzem bei mir einziehen, da ich ebenfalls ein großer Fan von Ursula bin. Was "Thalamus" betrifft, bist du bisher eine der wenigen, bei denen ich lesen musste, dass es dir nur mässig gefallen hat. Ich bin nun noch ein wenig neugieriger, ob es mir ähnlich wie dir ergehen könnte. Hoffe es aber für mich nicht :)

    Liebe Grüße,
    Uwe

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    1. @Uwe - Zu "Thalamus" habe ich viel Lob, aber auch in paar Stimmen gelesen, die ähnlich denke wie ich. Es ist aber ein süffiges Lesen und du könntest auch völlig anders empfinden als ich. Ich warte schon neugierig auf deine Meinung :-).

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  2. Halli hallo

    Schon länger habe ich keinen Jugend-Thriller mehr gelesen von der Autorin, bei dem Klappentext konnte ich aber einfach nicht wiederstehen, da es auch im Erwachsenen-Thriller- Genre genau meine Thematik ist ;)
    Bis in die Hälfte war ich echt begeistert, aber dann flaute diese immer wie mehr ab und ich bin leider vollends bei dir was die Kritik angeht!

    Liebe Grüsse
    Bea

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    1. @Bea - Ich fand den Anfang auch toll und habe mich dann stellenweise, hm, nicht gelangweilt, aber es sind mir Dinge aufgefallen, die ich kritisieren musste. Aber ich dachte mir schon, dass wir hier auf einer Wellenlänge liegen werden :-).

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