Dienstag, 7. August 2018

"Hyde" von Antje Wagner



Das Thema
Seit sie denken kann, ist Hyde Katrinas Zuhause gewesen. Hier ist sie aufgewachsen, mit ihrer Schwester Zoe und ihrem Vater. Jetzt ist Hyde verschwunden - und Katrina auf sich allein gestellt. Von dem, was geschehen ist, weiß sie nur noch Bruchstücke. Als sie beginnt, ein verfallenes Haus zu renovieren, mit dem sie sich auf seltsame Weise verbunden fühlt, führt sie dies auf die Spur eines ungeheuren Geheimnisses. Ist sie überhaupt diejenige, die sie glaubt zu sein?

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Beltz & Gelberg


Und die Orientierung zu verlieren, war für Zoe und mich genauso unwahrscheinlich, wie plötzlich die Fähigkeit zu atmen aufzugeben.
Papa hatte von Anfang März bis Ende Mai keine Angst um uns, denn nicht der Wald war der Feind. Ab Juni aber mussten wir versprechen, jede Dunkelheit zu meiden, jedes Dämmer-, Halb- und Zwielicht.
Ab Juni war die Schonzeit zu Ende. Die Jagdsaison begann.
- S. 109


Das Leseerlebnis
"Hyde" gehört zu den Büchern, bei denen ich nach einem ersten Blick weiß, dass ich sie lesen muss. Ich kann nicht mal genau festmachen woran das hier lag. Am düster-versteckten Cover? Am mysteriösen Klappentext? Ganz sicher aber an Autorin Antje Wagner, deren Art zu Schreiben und Themen aufzugreifen mich bereits in einem anderen Roman in den Bann zog. Jedenfalls hatte ich nur eine vage Vorstellung, was mich in "Hyde" erwarten würde. Die Geschichte empfand ich dann tatsächlich als mysteriös, auch gruselig, manchmal sogar etwas losgelöst vom Erklärbaren und kalt, eisig kalt.

Schon der Anfang ist ungewöhnlich. Katrina hat ihre Lehre als Tischlerin abgeschlossen und befindet sich auf der Walz. Das ist eine Art traditionelle Wanderschaft von Handwerksgesellen, bevor sie eine Anstellung bekommen. Sie wandern "durchs Land" und verdienen sich Kost und Logis durch Arbeit. Mit ihrem Charlottenburger, ein Tuch, in dem sie all ihren Besitz hat, läuft Katrina an der Straße entlang. Es ist so kalt, dass sie ihren Körper nicht mehr spürt, aber auf der Walz darf sie kein Geld ausgeben, zum Beispiel für ein Taxi. Es fallen Wörter wie Kriegskasse und Gefangennahme ... viel weiß man als Leser da noch nicht. Und ich war völlig gebannt, noch planlos, was mich erwarten würde, und mir war beim Lesen auch seltsam unheimlich zumute. Endlich hält ein Wagen, Katrina steigt ein und erhält ein willkommenes Jobangebot. Schließlich muss sie auf der Walz für ihren Unterhalt arbeiten. Und dann beginnt die Geschichte so richtig ...

Der Roman ist fragmentiert in Szenen im Hier und Jetzt und Ausschnitte aus Katrinas Vergangenheit. Es geht darum zu erfahren, was passiert ist, warum Katrina von Gefangennahme spricht und einen Racheplan verfolgt. Warum sie undeutlich spricht und immer ein Tuch vor dem Gesicht hat. Und warum sie so spröde, so sensibel und gleichzeitig unglaublich taff ist. Schnell war mir klar, dass alles mit einem versteckten Ort namens Hyde zusammenhängt (kommt nicht von verstecken, engl. to hide, sondern von Dr. Jekyll und Mr. Hyde - gruselig, oder?), Katrinas ehemaliges Zuhause, mitten im Wald.

Antje Wagner schreibt genial und hochwertig, sodass ich an den Seiten klebte und mir im Hochsommer frostige Schauer über den Körper liefen. Das Lesegefühl lässt sich als herb, frostig und oft erschreckend beschreiben. Ich war so fasziniert davon, wie sich mit der Zeit alles zusammenfügt, dass es für mich eine Geschichte mit Sogwirkung war. Am Ende gibt es eine Auflösung, die aber eventuell eine andere Gewichtung hat, als viele Leser erwarten. Es wird sogar phantastisch (oder eher metaphorisch?), einfach unvorhergesehen. Ich fand's großartig!

Das Fazit
Ihr ehemaliges Zuhause Hyde verkörpert für Katrina das Gute und das Böse gleichzeitig. Ganz in Dr-Jekyll-und-Mr-Hyde-Manier. Warum das so ist, das gilt es in "Hyde" herauszufinden. Ich hatte ein überwältigendes Leseerlebnis mit dem Buch, das mich buchstäblich aus meinem Versteck holte, nicht immer angenehm, sehr polarisierend, aber rundum vereinnahmend war. Leser von atmosphärischer und düsterer (sogar etwas phantastischer) Spannung kommen hier voll auf ihre Kosten und bekommen zudem ein perfekt geschriebenes Buch. 5 von 5 Sterne vergebe ich.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


Beltz & Gelberg (Juli 2018) - Hardcover, 408 Seiten - 17,95 € [D]
- ab 15 Jahren

Kommentare:

  1. Halli hallo

    Das Buch klingt auf jeden Fall crazy und du hast mich jetzt natürlich neugierig gemacht ;)
    Ich bin ja so ein Stimmungs- Jahreszeiten- Leser und könnte mir gut vorstellen dieses Buch im Herbst zu lesen ;)
    Werde es nach deiner neugierig machenden Rezi im Auge behalten.

    Liebe Grüsse
    Bea

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    1. @Bea - Stimmt, "Hyde" ist auch ein bisschen crazy, was mir aber erst am Ende bewusst wurde (ich glaube, man darf das Ende nicht 1:1 übertragen, sondern muss es wirklich metaphorisch sehen). Als Herbst oder auch Winterbuch ist es dann auf jeden Fall top! Ein düsteres und besonders Lesen.

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  2. Hallo,
    du musst auch unbedingt "Unland" von Antje lesen, das ist immer noch mein absoluter Liebling von ihr!
    Liebe Grüße Anette

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    1. @Anette - Oh ja, das muss ich jetzt sofort haben. Wie gut, dass ich die Tage noch bei meiner liebsten Buchhandlung vorbeischaue ... DANKE! Und hast du "Vakuum" auch gelesen? Ich glaube, das brauche ich auch :-)

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    2. Ja, Vakuum habe ich auch gelesen :) Und Schattengesicht und "Joyeux Noël - Eine Weihnachtsgeschichte" und ein paar ihrer Kurzgeschichten. Ich kenne Antje ja schon fast solange wie ich blogge. Von daher habe ich seitdem glaube ich alles gelesen, was sie geschrieben hat. Enttäuscht hat sie mich noch nie, aber "Unland" ist eben unangefochten auf Platz 1, weil der Schluss... musst du selbst lesen ;) :D

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    3. @Anette - Okay, okay, du hast mich schon! Das nächste Antje-Wagner-Buch wird "Unland" sein. Nach "Hyde" geht das auch gar nicht anderes :-).

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    4. Ich bin gespannt, was du zu dem Ende sagst! Eigentlich wollte sie noch ein viel krasseres schreiben, das hat sie mir mal auf einer Lesung verraten, aber das durfte sie von Verlagsseite aus nicht - aber glaub mir, das Ende ist auch so schon extrem genug und ich kann in dem Fall die Einwände des damaligen Verlags sehr, sehr gut verstehen!

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  3. Liebe Damaris,

    der Klappentext ist wirklich unheimlich kryptisch formuliert, was aber noch neugieriger macht.
    Definitiv ein WuLi-Buch.
    Danke dir für die, wieder mal, sehr schöne und stimmungsvolle Besprechung!! :*)

    Liebste Grüße
    Sandy

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