Sonntag, 29. April 2018

"Zusammen sind wir Helden" von Jeff Zentner



Das Thema
Ohne seine Gitarre wäre Dills Leben wirklich trostlos: Sein Vater ist im Gefängnis, seine Mutter unglücklich, und nach der Schule soll er im örtlichen Supermarkt arbeiten, um die Schulden abzubezahlen. Aber Dill sehnt sich nach einem anderen Leben, irgendwo da draußen. Seine Träume teilt er mit seinen beiden besten Freunden: Lydia, selbstbewusst und mit dem festen Plan, als Modebloggerin nach New York zu gehen, und Travis, der halb in seiner geliebten Fantasy-Serie lebt. Zusammen, glauben sie, können sie alles schaffen ...

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Carlsen Verlag


Manchmal half Musik gegen die Einsamkeit. Manchmal aber, wenn er das Gefühl hatte, am Grund eines ausgetrockneten Brunnens zu sitzen und zum Himmel hinaufzustarren, half sie kein bisschen. Heute war für ihn der Anfang vom Ende, für Lydia hingegen bloß der Anfang des nächsten Anfangs. Er seufzte.
Daran konnte kein Song etwas ändern.
- S. 53


Das Leseerlebnis
Was soll ich zu diesem Buch nur sagen? Außer, dass es sich sofort tief in mein Herz gegraben hat, wie es schon auf dem Schutzumschlag prophezeit wurde. Ja, da hatte das Zitat von The Globe and Mail vollkommen recht. Denn "Zusammen sind wir Helden" rührte sofort etwas in mir an, das mich während der kompletten Lektüre nicht los ließ, das mich begeisterte, aber auch wütend machte und erschütterte. Es ist eine Freude Dill, Travis und Lydia ein Stückchen auf ihrem Weg zu begleiten, gleichzeitig aber auch eine emotionale, fast etwas hilflos machende Achterbahnfahrt. Dieses Buch muss man lesen!

Es geht um drei Jugendliche, die in der ländlichen Umgebung von Nashville/Tennessee wohnen - in einem sehr nationalistischen Teil der USA. Im Alltag sind sie alle mit Vorurteilen behaftet, kommen täglich in Kontakt mit Rassismus, Mobbing oder Sexismus und (verbaler) Gewalt. Jeff Zentners großes Überthema ist, dass sich jeder dieser drei Jugendlichen einen Ausbruch aus dieser Gesellschaft wünscht. Bei Lydia scheint dieser Ausbruch zum Greifen nah, bei Dill sehr weit entfernt bis unmöglich, und Travis wäre schon glücklich, ein eigenständiges Leben, weg von seinem gewalttätigen Zuhause, zu haben.

Dills Leben ist geprägt von Kontroversen. Sein Elternhaus ist nicht nur sehr religiös, nein, sein Vater leitet eine der christlich-fundametalistischen Kirchen, deren Anhänger Gottes Beistand durch Zeichen herausfordern, indem sie Gift trinken oder mit gefährlichen Schlangen hantieren. Zur Zeit sitzt Dills Vater aber wegen dem Besitz von Kinderpornographie im Gefängnis. Eine Prüfung Gottes, wie er sagt. Schuld bei sich selbst sieht er nicht, Reue schon gar nicht. Dill und seine Mutter kommen mehr schlecht als recht über die Runden. Er möchte eine neues Leben beginnen, kämpft aber mit falschem Verantwortungsbewusstsein und der anerzogenen Lehre.
Travis arbeitet im Holzlager seines Vaters. Dieser versäumt keine Gelegenheit, sich über seinen Sohn lustig zu machen, ihn zu demütigen, zu verachten, zu verprügeln. Darum lebt Travis auch in der Fantasywelt einer Romanreihe, in der er völlig aufgeht, die ihm mehr Zuhause ist als sein Elternhaus.
Lydias Eltern sind recht wohlhabend und achten auf ihre Tochter. Außerdem hat Lydia einen sehr bekannten Mode- und Lifestyleblog. Bei ihren Fans und Followern genießt sich Wohlwollen und ein hohes Ansehen. In ihrer kleinen Heimatstadt, von Mitschülern, wird sie eher kritisch beäugt und ist eine Außenseiterin. Sie möchte unbedingt weg und erfüllt durch ihre Verbindungen zur Mode- und Beautyszene auch alle Voraussetzungen dafür.

Diese drei Jugendlichen sind beste Freunde und hängen sehr aneinander. Sie sind grundverschieden, haben aber auch Gemeinsamkeiten, indem sie mit ihren jeweiligen Lebensumständen zu kämpfen haben. Das schweißt sie zusammen. Und so richtig kann sich keiner von ihnen vorstellen, dass sich ihre Lebenswege bald trennen sollen. Der Autor schildert die Vorfälle um Dill, Travis und Lydia so gefühlvoll und zu Herzen gehend, dass ich mir relativ sicher bin, dass beim Lesen kein Auge trocken bleiben wird. Es gibt Wendungen, die in ein tiefes Loch reißen und die mich schockiert und bestürzt haben. Manchmal fiel es mir fast schwer, aber ich wollte nicht wegsehen. Nach einem einfühlsamen Auf und Ab endet das Buch konsequent realistisch. Aber so, dass man die Geschichte mit einem guten, wenn auch wehmütigen Gefühl zurücklässt.

Das Fazit
Bis eben grade habe ich mir noch überlegt, ob ich "Zusammen sind wir Helden" den Lieblingsbuchstatus verleihen kann. Ja, ich kann und ich will! Das Buch ist ein wunderbares Herzensbuch. Es ist auf eine gefühlvolle Art mitreißend, steckt so voller Authentizität und dramatischer Brisanz, dass man sich als zuschauender Leser nur schwer lösen kann. Ein Highlight, das mich gleichzeitig schwer begeistert und tief emotional gepackt hat. Das hatte ich schon lange nicht mehr. Es sollte viel mehr davon geben. Lesen! Nicht weniger als 5 von 5 Sterne.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


Carlsen Verlag (Dezember 2017) - Hardcover mit Schutzumschlag, 368 Seiten - 17,99 € [D]
Originaltitel: The Serpent King - Übersetzt von Ingo Herzke - ab 14 Jahren