Donnerstag, 5. April 2018

"Marienbilder" von Tamara Bach



Das Thema
Mareikes Mutter ist verschwunden. Einfach weg. Von einem Tag auf den anderen. Warum und wohin? Mareike hat keine Ahnung. Auch nicht, wie sie darauf reagieren soll. Ebenso wenig wie ihr Vater und ihre Geschwister. Also machen alle erst einmal so weiter wie bisher, als wäre nichts geschehen. Aber dann macht sich Mareike auf den Weg und versucht, sich ihre Geschichte zusammenzureimen. Doch von jeder Geschichte gibt es unendlich viele Versionen. Und alle sind nur Möglichkeiten. Welche wird Mareike zu ihrem Leben zusammensetzen?

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Carlsen Verlag


Aber der Wagen stand nicht da, und da bin ich ins Schlafzimmer gegangen, und da war das Bett gemacht, aber nur zur Hälfte. Die eine Seite, die meines Vaters, war zurechtgemacht wie jeden Tag, aber ihr Bett war abgezogen und die Bettdecke zu einem kleinen Rechteck zusammengelegt, obendrauf das nackte Kopfkissen. [...] und da hing auch kein Mantel an der Garderobe, und da waren keinen Schuhe unter der Garderobe.
Da war kein Zettel.
Da war keine Nachricht auf dem Anrufbeantworter.
Da war keine Nachricht auf meiner Mailbox.
- S. 11


Das Leseerlebnis
Ich habe schon einige Bücher von Tamara Bach gelesen und sie begeisterten mich durchweg. Ihre Geschichten berühren durch die brillante Sprache und auf eine echte, ursprüngliche, fast schon banale Art und Weise, die ich selten in dieser Form beim Lesen erlebe. Darum stand auch "Marienbilder" auf meiner Leseliste, eine Geschichte über ein Mädchen, dessen Mutter ganz plötzlich verschwindet. Und gleichzeitig ein Roman mit fünf möglichen Versionen von Mareikes Geschichte. Das war mir vor dem Lesen nicht ganz klar und hat mich so sehr beschäftigt, dass ich noch lange über das Buch nachgedacht habe. Gleichzeitig war es aber bisher der für mich wohl "schwierigste" Roman der Autorin.

Mareikes Mutter verschwindet, besser gesagt, sie verlässt die Familie, ist von heute auf morgen nicht mehr da. Warum genau, weiß man nicht. Natürlich kann man als Leser mutmaßen, vor allem, nachdem man die Personen um Mareike (ihren Vater und die älteren Geschwister) besser kennengelernt hat. Vordergründig geht es aber um die 16-Jährige, ihre Beziehung zur nicht mehr vorhandenen Mutter und der verbliebenen Familie ... und um ihre Sehnsucht. Wie geht es nun weiter? Woran soll und kann sich Mareike in Zukunft orientieren?

Der Fortgang einer Mutter ist in unserer Gesellschaft oftmals Tabuthema. Eine Mutter, die ihre Familie alleine lässt, wird selten erwähnt. Und doch kommt es vor. Vielleicht bietet "Marienbilder" eine Möglichkeit, die Hintergründe zu verstehen, indem man die Zusammenhänge in dieser Familie kennenlernt. Vielleicht ist das aber auch gar nicht so wichtig. Denn der Roman enthält für Mareike fünf Möglichkeiten, wie ihr Leben nun weitergehen könnte ... oder wird? Dafür bedient sich die Autorin mehrerer Zug-Metaphern; solche, die zum Ziel fahren, zu spät kommen, ausfallen und eine andere Richtung nehmen. Am Ende steht dann für Mareike ein großes Oder, das mich sehr betroffen gemacht hat.

Ob die verschiedenen Möglichkeiten für Mareike tatsächlich stattfinden, ob sie Einzelheiten davon wirklich erlebt oder ob alles ihrer Fantasie entspringen, bleibt wohl der Auffassung jedes Lesers überlassen. Manches scheint sich auch zu vermischen, ich habe lange darüber nachgedacht. Bei mir wirkt das Buch jetzt noch nach.

Das Fazit
"Marienbilder" ist unglaublich eindringlich und literarisch erzählt und perfekt geschrieben noch dazu. Die Handlung macht betroffen und nachdenklich. Machmal ist die Geschichte klar verständlich, manchmal aber auch nicht eindeutig zu interpretieren, bzw. zu deuten. Diese Diskrepanz und Vielschichtigkeit ließ mich lange darüber nachdenken ... und am Ende fast schon erschüttert zurück. Faszination und Redebedürfnis gehen hier Hand in Hand. 4 von 5 Sterne gibt es von mir.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


Carlsen Verlag (Januar 2014) - Hardcover mit Schutzumschlag, 136 Seiten - 13,90 € [D]
- ab 14 Jahren