Donnerstag, 8. März 2018

"Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken" von John Green



Das Thema
Die 16-jährige Aza Holmes hatte ganz sicher nicht vor, sich an der Suche nach dem verschwundenen Milliardär Russell Pickett zu beteiligen. Sie hat genug mit ihren eigenen Sorgen und Ängsten zu kämpfen, die ihre Gedankenwelt zwanghaft beherrschen. Doch als eine Hunderttausend-Dollar-Belohnung auf dem Spiel steht und ihre furchtlose beste Freundin Daisy es kaum erwarten kann, das Geheimnis um Pickett aufzuklären, macht Aza mit. Sie versucht Mut zu beweisen und überwindet durch Daisy nicht nur kleine Hindernisse, sondern auch große Gegensätze, die sie von anderen Menschen trennen. Für Aza wird es ein großes Abenteuer und eine Reise ins Zentrum ihrer Gedankenspirale, der sie zu entkommen versucht.

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Carl Hanser Verlag


Ich hätte ihr gesagt, das Davis und ich nie viel geredet oder uns angesehen hatten, aber das war egal, weil wir zusammen denselben Himmel sahen, was viel intimer ist, als einander in die Augen zu sehen. In die Augen kann man jedem sehen. Aber jemand zu finden, der dieselbe Welt sieht, ist ziemlich selten. - S. 14


Das Leseerlebnis
John Green schreibt nach Jahren ein neues Buch ... und die eine Hälfte seiner Fans jubelt, die andere Hälfte ist skeptisch. Warum ist das so? Vielleicht haben einige Leser dann doch eine Art Sorge, dass der neue Roman nicht mit einem der hochgelobten vergangenen Werke mithalten kann. Richtig skeptisch war ich nicht, ich hatte vielmehr die Erwartung einer hochwertigen und vereinnahmenden Geschichte. Und genau so empfand ich sie dann auch.

"Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken" handelt von Aza Holmes, einem Mädchen, dass oftmals in einer Gedankenspirale gefangen ist. Ihr Leben wird hauptsächlich von Dingen wie Panikattacken, einer Angststörung und Zwangsgedanken bestimmt. Darum passt auch der Buchtitel so gut, denn Aza selbst ist sich ihrer Situation vollkommen bewusst und würde sich oftmals wünschen, dass ihre fiesen Gedanken einfach mal schliefen. Sie hält sich nicht für normal, ihr ist das Problem klar. Aber sie kann es nicht lösen. Klingt das jetzt vielleicht etwas trocken oder öde? Oder einfach nach einer weiteren Krankheitsgeschichte? Weit gefehlt, denn ...

John Green hat hier eine Geschichte geschrieben, bei der man ganz tief in die Gedankenwelt der Protagonistin eintauchen kann. Mich hat das nicht nur sehr stark fasziniert, es hat mich richtig begleitet und meinen Horizont erweitert. Genau so wünsche ich mir das bei einem Jugendbuch. Neben der einfühlsamen Thematisierung von Azas psychischer Krankheit wird eine Geschichte erzählt, die nicht nur eindrücklich, sondern auch spannend und mit etwas Herzschmerz ist. Es ist eine Freundschafts- und Liebesgeschichte, die nicht immer angenehm ist, manchmal schmerzvoll für die Protagonisten, dabei aber sehr ehrlich und authentisch daherkommt. Gerade dieser große Realismus, der eine enorme Auseinandersetzung und Recherche mit dem Thema voraussetzt, fasziniert ungemein.

Das Buch ist wunderbar, so besonders und ausdrucksstark, geschrieben. Es hat sich tief in meinen Gedanken festgesetzt. Gegen Ende war ich wieder einmal sehr ergriffen. Nicht im gleichen Ausmaß wie noch bei einem anderen Buch des Autors, aber doch so, dass ich "Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken" als unbedingtes Lesemuss empfinde.

Das Fazit
Wenn mir während des Lesens der Gedanke kommt, dass dieses Buch ein Grund dafür ist, warum ich Jugendbücher lese, dann wurde hier wohl alles richtig gemacht. So geschehen ist das bei "Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken", das mich von der ersten bis zur letzten Seite überzeugte. Sprachlich brillant, mit großen Intensität und gezieltem Humor, wird ein Problemthema aufgegriffen, über das man in dieser Form viel zu wenig liest, und äußerst fundiert erzählt. Und ins Herz trifft das Buch auch. Lesen!


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


Carl Hanser Verlag (November 2017) - Hardcover mit Schutzumschlag, 288 Seiten - 20,00 € [D]
Originaltitel: Turtles All The Way Down - Übersetzt von Sophie Zeitz - ab 14 Jahren

Kommentare:

  1. Hallo Damaris,

    vielen Dank für Deine Rezension.
    Ich habe "Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken" ebenfalls vor ein paar Tagen beendet und finde die Geschichte auch ziemlich faszinierend. John Green stellt die Zwangserkrankung wirklich gut dar. Alle, die von diesem Thema noch nicht viel Ahnung haben, bekommen hier jede Menge Eindrücke. Da ich bereits durch Praktika bereits Erfahrungen mit psychisch erkrankten Menschen gemacht habe,

    - ACHTUNG SPOILER -

    war mir das Thema Zwangserkrankung nicht ganz fremd. Natürlich fand ich Aza als Protagonistin hier sehr gut dargestellt. Ich hätte mir aber auch eine Antwort auf das Thema gewünscht. So heißt der Titel ja "Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken" und die Frage, was man gegen die Gedankenkreisläufe tun kann, bleibt hier offen. Dabei werden viele interessante Aspekte angedeutet, wie die Frage: Bin ich noch ich selbst, wenn ich Medikamente nehme? Stattdessen bleibt Aza in ihrem Chaos zurück. Andererseits ist das für viele psychisch erkrankte Menschen auch wieder "der Alltag".

    - SPOILER ENDE -

    Dennoch habe ich mich bei "Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken" sehr gut unterhalten gefühlt.

    viele Grüße

    Emma

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    1. @Emma - Und ich danke dir für deinen ausführlichen Kommentar, und dass du deine Gedanken zu "Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken" mit mir teilst. Nach dem Lesen war ich erst mal beeindruckt von der "Drumherumgeschichte", die John Green neben dem eigentlichen Thema, Zwangserkrankung, geschrieben hat. Am Ende war auch auch richtig ergriffen, nicht ganz so sehr wie beim Buch "Das Schicksal ist ein mieser Verräter", aber doch so, dass ich lange über die Geschichte nachdachte.
      Ja, ich finde auch, dass einige wesentliche Fragen, die Aza sicher im Kopf rumspukten ungeklärt blieben. Vielleicht wäre das für die Leserschaft zu komplex geblieben? Wichtig fand ich, dass erwähnt wurde, dass man sich Hilfe holen kann, gerade durch Psychotherapie und auch Medikamente ... und dass es wichtig ist, dranzubleiben. Stimmt - ACHTUNG SPOILER - am Ende wird auch gezeigt, dass es für Aza nicht "gut ausgeht". Dass immer wieder Besserungen, aber auch Rückschläge kommen. Das fand ich sehr eindrücklich und hat mich schon stark mitgenommen. Schön, dass dir das Buch aber auch gut gefiel.

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  2. Liebe Damaris,
    ich möchte dich am liebsten umarmen für diese Besprechung, denn ich hatte genau die gleichen Gedanken wie du beim lesen und formulieren meiner Rezension. Ganz toll zusammengefasst!
    Mich hat vor allem die ungemütliche Seite interessiert. Azas Krankheit ist nichts was man romantisieren sollte. Und ich habe mich mental unzählige Male vor John Green verbeugt, weil er genau so geschrieben hat. Auch das Tempo, welches von so vielen Lesern als zu "lahm" beurteilt wurde, fand ich genau richtig.
    Bücher, wie die von John Green sind ungeheuer wichtig für das Jugendbuch Genre. So bringt man der Zielgruppe diese Themen näher. Ich selbst konnte auch viel für mich mitnehmen und wurde wieder daran erinnert, weshalb ich seine Bücher so sehr schätze.

    Liebste Grüße,
    Sandy

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    1. @Sandy - Ach, du liebe! Es ist schön, wenn wir hier ähnlich empfinden. Für mich sind Bücher von John Green einfach DIE Jugendbücher und ich finde jedes einzelne wichtig, wobei es auch so ist, dass ich nicht zu jedem den gleichen Zugang fand. "Schlaft gut, ..." empfand ich als wunderbar. Vor allem die Darstellung von Azas Krankheit, aber auch die "Nebenbeigeschichte" mit Davis und seinem Vater - uff! - und auch die Beziehung zwischen Aza und ihrer Freundin Daisy. Komplett klasse!

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