Donnerstag, 22. Februar 2018

"Und es schmilzt" von Lize Spit



Das Thema
Mit geschlossenen Augen hätte Eva damals den Weg zu Pims Bauernhof radeln können. Sie könnte es heute noch, obwohl sie viele Jahre nicht in Bovenmeer gewesen ist. Hier wurde sie zwischen Rapsfeldern und Pferdekoppeln erwachsen. Hier liegt auch die Wurzel all ihrer aufgestauten Traurigkeit. Dreizehn Jahre nach dem Sommer, an den sie nie wieder zu denken wagte, kehrt Eva zurück in ihr Dorf - mit einem großen Eisblock im Kofferraum.

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: S. FISCHER


Wäre vor zwanzig Jahren eine dreißigjährige Version meiner selbst plötzlich aufgetaucht und hätte gesagt. "Ich weiß, was passieren wird, mach, dass du hier wegkommst", dann hätte ich mich keinen Zentimeter bewegt. Dann wären Tesje und ich einfach sitzen geblieben, nicht, weil wir glücklich waren, sondern weil Dinge erst geschehen müssen, bevor man sie bereuen kann, und auch weil die Tüte Chips Pickles noch nicht leer war. - S. 329


Das Leseerlebnis
Nimm dich vor diesem Buch in Acht! So ist die von mir gefühlte einhellige Meinung der Leserschaft, egal, ob das Buch als gut oder schlecht wahrgenommen wird. Und dann ist da noch der Button mit dem prägnanten Spruch des Verlages - Ein Buch, das alles gibt und alles verlangt. Zugegeben, ich war ein bisschen ängstlich, als ich es zur Hand nahm. Vor allem aber auch sehr gespannt. Dass "Und es schmilzt" problematisch werden wird, das kann man schon nach dem ersten Kapitel erahnen. Nach kurzer Zeit trieb mich aber vor allem folgende Frage um: Was zur Hölle will Eva mit diesem großen Eisblock, den sie im Kofferraum zu ihrem Heimatdorf transportiert?

Das Rätsel um den Eisblock wird gelöst. Das dauert aber eine Weile, obwohl das Buch nur an einem einzigen Tag spielt. Vorher erzählt Eva die aktuellen Tagesgeschehnisse im Jetzt, als erwachsene Person, und separat diverse Rückblicke aus ihrer Kindheit, die natürlich einen größeren Zeitraum umfassen. Vordergründig geht es um die entsetzlichen Vorkommnisse dieses einen Sommers, als Eva vierzehn war und die sie nie mehr losgelassen haben. Und das schafft eine Atmosphäre, die ich als sehr kalt und bedrückend empfunden habe. Evas Kindheit wurde geprägt von einem schädlichen Elternhaus, von Freunden, die nicht gut waren und von einer Dorfgemeinschaft, die wegschaute. So baut sich ein fast bedrohlicher Dunstkreis um Eva auf und die Ereignisse steuern im Jetzt und der Vergangenheit auf einen Höhepunkt zu, den man nicht wahrhaben will ... und der damals wie heute schwer zu verkraften ist.

Und dann drehen sich meine Gedankenspiralen auf Hochtouren, um mir Klarheit darüber zu verschaffen, was denn hier so furchtbar schief gelaufen ist. Und muss das von der Autorin so hart und schonungslos dargestellt werden? So schrecklich realistisch? Ja, ich denke schon. Denn darum geht es doch im Buch. Nicht wegzusehen und sich bewusst vor Augen zu führen, welche Auswirkungen gewisse Erlebnisse haben können.

Prinzipiell habe ich an der Geschichte nichts zu mäkeln. Vor allem handwerklich setzt sie Maßstäbe. Das Buch ist erstklassig geschrieben. Man ist (leider) so dicht am Geschehen, dass man meint, dabei zu sein. Gegen Ende hätte ich gerne noch ein paar Informationen gehabt, wie es mit manchen Personen weiterging. Eva erwähnt einmal eine Entschuldigung an sie, es wird aber nicht näher darauf eingegangen, wie diese aussah. Es ist aber auch nicht wichtig. Zuletzt sei angemerkt, dass der Eisblock am Ende geschmolzen ist und das Buch nicht gut ausgeht. Alles andere hätte ich der Geschichte auch nicht abgenommen.

Das Fazit
Lange habe ich mir während und nach dem Lesen von "Und es schmilzt" die Frage gestellt, was die Autorin mir mit dem Buch sagen will ... und ob das wirklich wichtig ist. Für mich gleicht "Und es schmilzt" einer Studie über die Kindheit, und wie sehr (erschütternde!) Erlebnisse das folgende Leben prägen. Das ist in diesem Fall harte Kost, eine Tragödie, die gewiss nicht schmecken soll. Aber die im Gedächtnis bleibt und ein großes Maß ein Einfühlungsvermögen verlangt. Schriftstellerisch ist dieses Buch eine Wucht! Wirklich. Und darum sage ich: Unbedingt lesen, wenn man sich das zutraut. 4,5 von 5 Sterne gibt es von mir dafür.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


S. FISCHER (August 2017) - Hardcover mit Schutzumschlag, 512 Seiten - 22,00 € [D]
Originaltitel: Het Smelt - Übersetzt von Helga van Beuningen

Kommentare:

  1. Halli hallo

    Auf deine Meinung war ich sehr gespannt da ich um das Buch herumschleiche es mal auf den Wunschzettel packe und dann wieder lösche......
    Ich bin etwas unsicher, da ich befürchte dass es ein bisschen übertrieben sein könnte....soll heissen dass irgendwie alle schlimmen Dinge in die Geschichte hineingequetscht werden und dieses too much ist etwas dass ich nicht so gerne mag....

    Dennoch du hast mich jetzt doch wieder neugierig gemacht

    Liebe Grüsse
    Bea

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. @Bea - Oh, ich war auch so neugierig auf das Buch, aber hatte auch etwas Angst vor dem Lesen. Übertrieben ist es eigentlich nicht. Es kommen zwar schlimme Dinge zusammen, aber nicht wegen der Sensationslust, sondern weil das durchaus möglich wäre - was das Ganze so schrecklich macht. Die Konsequenz daraus ist natürlich krass und das Buch bedrückt sehr. Ich konnte es dennoch gut lesen, mir wurde es nicht zu viel oder so unerträglich, dass es nicht mehr ging. Ist aber kein Nebenbeibuch. Vielleicht packt es dich ja mal.

      Löschen
    2. Tatsächlich habe ich es mittlerweile gelesen, respektive grösstenteils gehört.
      Danke nochmals für deine Rezi ansonsten hätte ich mich wahrscheinlich nicht getraut.
      Auch wenn es manchmal wirklich sehr schwer zu ertragen war und bei mir viele Emotionen hervorgerufen hat trotz der doch eher kühlen Erzählweise habe ich es definitiv nicht bereut!

      Liebe Grüsse
      Bea

      Löschen
    3. @Bea - Du hast es also tatsächlich "geschafft"? :-) Ja, es ist schwer zu ertragen, viele Handlungen, aber auch der Ausgang des Ganzen, so lohnt es sich, finde ich, schon. Die kühle Erzählweise zeigt ganz gut, wie es in Eva aussieht.

      Löschen
  2. Liebe Damaris,
    sehr schön besprochen. Beide Formate, Print und Audio, habe ich schon eine Weile. Ich war sehr neugierig auf deine Eindrücke und freue mich, dass es dich mitreißen konnte. Das Spits Debüt harte Kost ist, höre ich nur. Und da mir so viel Gutes über die Vertonung zu Ohren gekommen ist, werde ich mich dieser in Kürze mal widmen.

    Sonnige Grüße
    Sandy

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. @Sandy - Dann wirst du "Und es schmilzt" als HB "genießen"? Es ist wirklich ein eindrückliches Buch, hart aber perfekt geschrieben. Diese Atmosphäre, uhhh ... ich hoffe, das kommt als Audio auch so gut rüber.

      Löschen
  3. Hey,
    ich lese jetzt so oft, dass dieses Buch harte Kost ist und es den Lesern schwer fällt zu rezensieren.
    Auch scheint dieses Buch sehr zu polarisieren.
    Obwohl mir eigentlich klar ist, welche Thematik es behandelt, weckt ihr dennoch alle meine Neugier.
    Daher bleibt es weiterhin auf der Wunschliste.
    Danke für deine Rezension, die nicht zu viel verrät aber unglaublich neugierig macht!
    Liebe Grüße
    Ela

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. @Ela - "Und es schmilzt" ist wirklich schwer zu rezensieren. Weil man will ja nicht zu viel verraten, und trotzdem einen Hinweis geben, um was geht gut und mit was der Leser zu rechnen hat. Leider haben sich einige Leser über das Buch so sehr aufgeregt, dass man z.B. bei Amazon den ganz genauen Inhalt lesen kann. Das Thema ist hart und erschüttert, aber ich kam gut damit klar, einfach weil ich mir bewusst machen konnte, welche Auswirkungen Erfahrungen in der Kindheit haben können. Was hier schief gelaufen ist, fragt man sich trotzdem ständig.

      Löschen
  4. Jaaaaaa! :D
    Ich freue mich so, dass es dir auch so gut gefallen hat. Dein Fazit spricht mir direkt aus der Seele. Ich war wirklich überwältigt von diesem Buch und denke noch heute manchmal darüber nach. Es ist, wie du schon sagst, harte Kost, aber manchmal müssen Bücher eben unbequem sein.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. @Kirsche :-) - Es ist definitiv ein eindrückliches Lesen. So schnell vergisst man "Und es schmilzt" nicht mehr. Handwerklich perfekt, thematisch schwierig. Schade, dass viele Leser nicht damit klar kommen (aber das muss man ihnen auch zugestehen, bei dieser Thematik). Ich finde auch, dass Bücher auch mal unbequem sein dürfen.

      Löschen
  5. Hallo Damaris,

    das Buch steht auf meiner Merkliste bei Audible und ich möchte es bald hören (vielleicht auf dem Weg nach Leipzig?), denn bisher habe ich nur positives darüber gelesen. Deine Meinung macht mich nun noch ein Stück mehr neugierig.

    Liebe Grüße,
    Uwe

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. @Uwe - "Und es schmilzt" IST klasse, wenn auch hart und mit einem sehr bedrückenden Unterton. Ich weiß nicht, ob es für eine lange Autofahrt geeignet ist (aber vielleicht ja doch), das musst du ausprobieren. Ich habe einige Zeit daran gelesen.

      Löschen
  6. Hey,

    vielen Dank für deine Rezension! :)
    Das Buch wird ja viel erwähnt in letzter Zeit. Ich trau mich da allerdings irgendwie nicht dran. Auch wenn das Schriftstellerische gut ist, mag ich Bücher nicht, die mir nichts sagen wollen. Dann wird mir immer schnell langweilig...
    Naja, vielleicht gebe ich dem Buch irgendwann die Chance. Mal sehen. :D

    Hab einen tollen Abend.

    Ganz lieben Gruß
    Steffi von angeltearz liest

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. @Steffi - Ich kann jeden Leser verstehen, dem es bei "Und es schmilzt" etwas lang(weilig) wird. Man hat gar nicht immer das Gefühl, das jetzt etwas Schlimmes passiert, aber eins führt halt zum anderen und die Summe der Kindheitserlebnisse wird dann fatal. Vielleicht sind es gar nicht so sehr die Aktionen im Buch, die so bestürzen (doch, natürlich auch!), es ist vor allem auch diese kalte Atmosphäre, die niederdrückt. Mir konnte die Autorin schon etwas mit dem Buch sagen. Vielleicht probierst du es ja irgendwann mal aus :-).

      Löschen
  7. Huhu,
    das Buch habe ich mir für die Lesung geholt. Allein das Cover und der Buchschnitt sind schon toll. Ich hab es auf meiner WTR für März. Mal sehen wie ich e finden werde.

    Liebe Grüße
    Lilly

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. @Lilly - Optisch ist "Und es schmilzt" natürlich wunderschön - und es sieht so "harmlos" aus. Ich wünsche dir ein eindrückliches Lesen damit.

      Löschen
  8. Hallöchen,

    also ich bin auch etwas hin und hergerissen. Mal möchte ich es lesen und dann werfe ich es auch über Bord. Mhm, aber die Neugier bleibt halt. Vielleicht lasse ich es mir schenken. :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. @Angie - Ich kann verstehen, wenn man hier hin und hergerissen ist. Das Thema ist einerseits interessant, aber es entsetzt auch. Vielleicht reizt es dich eines Tages tatsächlich mal :-).

      Löschen
  9. Hallo Damaris!

    Ich habe vor einigen Monaten begonnen, das Buch zu lesen und die ersten 300 Seiten im Flug verschlungen. Dann hat mich diese kalte, lieblose Atmosphäre, die sich als roter Faden durch das Buch zu ziehen scheint so niedergedrückt, dass ich es erstmal zugeschlagen habe, um eine kleine Lesepause einzulegen. Seither habe ich es nicht mehr geöffnet, aus Angst, was da noch kommen mag. Ich werde den Roman auf jeden Fall zu Ende lesen, weil ich ihn stilistisch unglaublich toll finde - mal sehen, wann ich den Mut dazu habe.

    Viele liebe Grüße und einen schönen Abend,
    Nana ♥

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. @Nana - Ich habe auch lange an "Und es schmilzt" gelesen, brauchte oft kleine Pausen. Für mich war es kein direkter Pageturner, aber ich blieb dran. Vor allem, weil ich den Ausgang wissen wollte, diese Sache mit dem Eisblock. Über das Handwerkliche müssen wir nicht reden, das ist toll! Aber ich bin mir sicher, auch du wirst am Ende sehen, was die Autorin mit diesem Buch ausdrücken wollte. Hart ist es trotzdem. Drück!

      Löschen
  10. Liebe Damaris

    Dir ist da eine fantastische Rezension gelungen und ich würde das Buch an liebsten sofort lesen. Nun werde ich es mir wohl bald kaufen müssen, damit ich endlich auch mitreden kann. Mich interessiert vor allem der Schreibstil und da sind sich ja wohl alle sehr einig, wenn auch inhaltlich nicht alle überzeugt waren.

    Deine Frage finde ich wichtig und spannend: was will mir die Autorin sagen? Und hat sie überhaupt etwas zu sagen damit?
    Ich weiss ja nun noch nicht wirklich, was im Buch alles thematisiert wird, denke mir aber, dass solche Bücher mit Schockeffekt gerade dann, wenn sie realistisch sind, immer eine Mahnhaltung einnehmen, auch wenn sie nicht wertend daherkommen. Sie erinnern daran, hinzusehen, sich einzumischen, Spiralen der Gewalt und Vernachlässigung zu durchbrechen und sorgen dafür, dass wir aufmerksamer durchs Leben gehen.

    Alles Liebe dir
    Livia

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. @Livia - Ich danke dir vielmals. "Und es schmilzt" ist definitiv lesenswert und mit deinen Worten hast du die Aussage der Autorin schon so gut zusammengefasst, dass du sie gleich für deine Rezi verwenden könntest :-) Das Buch ist überhaupt nicht wertend, aber jeder wird sich seine eigenen Gedanken zum Inhalt machen. Wie man damit umgehen kann, liegt wohl in der Persönlichkeit jedes einzelnen Lesers.

      Löschen
    2. Liebste Damaris

      Hier nur noch ein kleiner Nachtrag (und danke dir für die liebe Antwort, ich merke mir den Satz schon einmal vor :-D). Und zwar:
      Das Buch ist gestern überraschend bei mir eingetroffen und ich habe gerade den Neuzugängepost für den Februar getippt und deine geniale Rezension verlinkt.

      Ich hoffe, dass dies so in Ordnung geht und lasse dir liebe Grüsse da
      Livia

      Löschen
    3. Liebe Damaris

      Ich bin begeistert und berührt und entsetzt...Die Rezension zum Buch ist gerade online gegangen. Ich würde mich sehr freuen, wenn du vorbeischauen würdest :-)
      https://samtpfotenmitkrallen.blogspot.ch/2018/03/rezension-und-es-schmilzt.html

      Alles Liebe dir und herzlichen Dank noch einmal für den Lesetipp
      Livia

      Löschen

Du möchtest mir etwas zu diesem Beitrag mitteilen? Dann los ... ich freue mich.