Mittwoch, 7. Februar 2018

"Die Mitte der Welt" von Andreas Steinhöfel



Das Thema
Was immer ein normales Leben auch sein mag - der 17-jährige Phil hat es nie kennengelernt. Denn so ungewöhnlich wie das alte Haus ist, in dem er lebt, so ungewöhnlich sind auch die Menschen, die dort ein- und ausgehen. Da ist zum Beispiel seine Mutter Glass mit ihren ständig wechselnden Liebhabern. Oder seine Zwillingsschwester Dianne, schroff und eigenwillig, mit Geheimnissen, die sie längst nicht mehr mit Phil teilt. Oder Annie, die verrückte Alte mit den roten Schuhen, die sich ausschließlich von Kirschlikör zu ernähren scheint. Und Nicholas, der Unerreichbare, in den Phil sich unsterblich verliebt hat. Phil sehnt sich nach Orientierung und Perspektiven. Aber vor allem danach, mehr über sich selbst zu erfahren.

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Carlsen Verlag


Das habe ich gelernt: Liebe ist ein Wort, das du nur mit blutroter Tinte schreiben solltest. Liebe treibt dich dazu, die seltsamsten Dinge zu tun. [...] Liebe schlägt dir tiefe Wunden, aber auf eine ihr eigenen Art heilt sie auch deine Narben, vorausgesetzt, du vertraust ihr und gibst ihr die Zeit dazu. Meine Narben werde ich nicht anrühren. Ich werde neue Wunden davontragen, noch ehe die alten verheilt sind, und ich werde anderen Menschen Wunden zufügen. Jeder von uns trägt ein Messer. - S. 450/451


Das Leseerlebnis
Es ist schwierig Worte für ein Buch zu finden, es zu beschreiben und möglichst authentisch zusammenzufassen, wenn man überhaupt nicht weiß, wie man das anstellen soll. "Die Mitte der Welt" ist für mich wohl solch ein Buch. Es ging sehr tief, und ich denke viel an Phil, seine Liebe zu Nicolas, seine zurückgezogene Zwillingsschwester Dianne und ihre chaotisch-selbstbewusste Mutter Glass. Im Allgemeinen lässt sich das Buch wohl als Drama oder Orientierungsbuch beschreiben. Es wird bei Jugendlichen und Erwachsenen einen besonderen Eindruck hinterlassen.

Andreas Steinhöfel beschränkt sich in seinem Buch komplett auf die Geschichte von Glass und ihren zwei Kindern Phil und Dianne. So weiß man zum Beispiel nicht, in welcher Stadt die Geschichte spielt, nur dass Glass kurz vor der Geburt der Kinder, und ohne Mann, Amerika verlassen hat und nach Deutschland (?) ausgewandert ist. Seitdem wohnt die Familie in einer alten Villa am Stadtrand. Hier spielt sich die ganze Geschichte ab und wird von Phil im Ich-Stil erzählt. Die Erzählung enthält einen Handlungsstrang im Jetzt und Rückblenden in die Vergangenheit. Am Ende des Buches hat man vom Leben der Familie ein recht umfassendes Bild.
Die Geschichte ist durch viele lyrische Betrachtungsweisen der Dinge nicht längenfrei; man muss sich darauf einlassen, auch auf die vielen Gedanken des Hauptprotagonisten Phil. Er war mein Held der Geschichte!

Phil ist, seit er zurückdenken kann, schwul, erzählt von seiner Kindheit und dem frühen Jugendalter. Mit siebzehn Jahren hat er nun seine erste Beziehung mit einem anderen Jungen und ist extrem verliebt. Phil ist ein sehr sensibler Charakter. Oft tat er mir sehr leid oder ich bedauerte die Umstände, in denen er sich befand. Trotzdem ist Phil ein Kämpfer, er ist nicht auf den Mund gefallen, lebt sein Leben und trifft sehr reife Entscheidungen, die mich oft überrascht haben.

Oberflächlich betrachtet könnte man die kleine Familie für komplett verkorkst halten. Das liegt an der (scheinbar) verrückten und sorglosen Mutter Glass. Sie hat eine regen Männerverschleiß, führt darüber sogar eine Liste und schert sich nicht groß darum, was die Menschen in der Stadt von ihr und ihren Kindern denken. Durch die Mutter haben die Kinder eine ständige Außenseiterrolle. Besonders Phils Zwillingsschwester Dianne scheint sehr darunter zu leiden. Bei ihr hat man immer das Gefühl, dass mit ihr irgendetwas nicht stimmt. Im Grunde hat aber gerade Glass sehr tiefe Gefühle für ihre Kinder und sorgt sich um sie, nur ist ihre Art, diese zu zeigen etwas ... ungewöhnlich. Glass war mir anfangs sehr suspekt, am Ende hatte sie meinen ehrlichen Respekt. Auch der Schluss stellt zufrieden und könnte nicht besser passen.

Das Fazit
"Die Mitte der Welt" ist ein außergewöhnliches (gutes!) Buch. Es ist anspruchsvoll und so meisterhaft, dass man beim Lesen vollkommen versinken kann, auf das man sich aber auch komplett einlassen muss. Die Geschichte ist tiefgreifend und bemerkenswert geschrieben, hat dabei eine eigene Art, das Herz zu berühren. Die vielen positiven und begeisterten Meinungen haben einen berechtigten Grund, dem ich mich voll und ganz anschließen kann. Wer es noch nicht kennt, sollte das schnell ändern. Nicht weniger als 5 von 5 Sterne gibt es von mir.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


Carlsen Verlag (Januar 2018) - Hardcover mit Schutzumschlag, 472 Seiten - 19,99 € [D]
Sonderausgabe - ab 14 Jahren