Freitag, 19. Februar 2016

Rezension zu "Zorn und Morgenröte" von Renée Ahdieh



Verlag: One (Februar 2016)
Originaltitel: The Wrath and the Dawn
Übersetzer: Dietmar Schmidt
Reihe: Band 1/2, ab ca. 16 J.
Ausführung: Hardcover/SU, 400 S.
ISBN: 978-3846600207
16,99 € [D]

Genre: 1001 Nacht-Fantasy

© Cover- und Zitatrechte: One Verlag/Bastei Lübbe


Das Thema
Chalid Ibn al-Rashid, der Kalif und Herrscher von Chorasan, heiratet jeden Tag ein Mädchen, bevor er es im Morgengrauen hinrichten lässt. Zu lange ist diese Grausamkeit nun schon fortgeschritten, und das Volk ist in Aufruhr und Trauer. Was steckt hinter den furchtbaren Absichten des Kalifen? Das ist Shahrzad herzlich egal. Seit ihre beste Freundin dem Kalifen zum Opfer fiel, schwört sie Rache. Shahrzad geht freiwillig als neue Braut zu Chalid. Er soll bezahlen für das, was er den Mädchen angetan hat. Dafür muss es Shahrzad nur gelingen, etwas länger, als bis zum Morgengrauen zu überleben.

Die Rezension

Der Anfang: Niemand sehnte den Sonnenaufgang herbei.

"Zorn und Morgenröte" lehnt sich an Scheherazade an. Sie ist eine der Hauptfiguren aus der persischen Märchensammlung Tausendundeine Nacht. Dieser Idee widmet Renée Ahdieh ihren Roman und schafft damit ein modernes Wüsten-Märchen, das in Sachen Lesegefühl, Anspannung und Romantik seinesgleichen sucht.

Alleine das Thema macht unheimlich neugierig: Ein König lässt jeden Morgen seine Braut ermorden, bis ein Mädchen sich freiwillig in dessen Hände begibt. Unglaublich! Spannender könnte ein Rahmenhandlung kaum sein. So ist man als Leser sofort auf Shahrzads Seite, die sich hier buchstäblich dem Wolf zum Fraß vorwirft. Doch ist der Wolf wirklich so gefräßig wie es scheint, oder steckt vielleicht mehr dahinter?
Das Buch startet mit einem Prolog, der Andeutungen darüber macht, dass wirklich mehr hinter der Absicht des Herrschers Chalid steckt. Was das große Geheimnis und der Grund für sein Verhalten ist, wird aufgeklärt, aber bis dahin muss man sich in Geduld üben. Selbst Shahrzad beißt sich in dieser Hinsicht am Herrscher die Zähne aus.

"Für das, was heute Morgen geschehen ist, gibt es keine Entschuldigung. Ich möchte, dass du ..."
"Wo warst du?" Shahrzad versuchte, das Beben ihrer Stimme zu beherrschen.
"Nicht dort wo ich hätte sein müssen."
"Heute Morgen und vergangene Nacht."
Sein Atem strich ihr über die Haut, als er sich zu ihrem Ohr beugte. "Heute Morgen war ich nicht, wo ich hätte sein müssen. Vergangene Nacht war ich nicht, wo ich sein wollte." - S. 116/117

Die Geschichte ist märchenhaft und so atemberaubend, dass man während des Lesens ständig unter Strom steht. Das liegt am wunderbaren Setting, dem besonderen Textbild und auch an den Charakteren. Außerdem fügen sich die "Geschichten in der Geschichte" durchdacht in die Handlung ein. Zwischen dem düster-gebrochenen Chalid und der rachsüchtigen Shahrzad ist die Spannungen mit Händen zu greifen. Und gerade weil die Gefahr für Shahrzad niemals kleiner wird, liest sich die Romanze äußerst prickelnd und völlig vereinnahmend. Shahrzads dickköpfige Schlagfertigkeit und ihr loses Mundwerk setzten der Handlung die goldene Krone auf - man möchte ihr Beifall klatschen.
Währenddessen braut sich im Hintergrund eine Gefahr zusammen, die die Handlung nochmals in eine neue (für den Leser unerwünschte?) Richtung drängen könnte. Das zerrt an den Nerven und bringt der Geschichte zusätzliche Spannungspunkte.

"Manche Dinge gibt es nur einen kurzen Augenblick lang in unserem Leben. Dann müssen wir sie loslassen, damit sie fortgehen und einen anderen Himmel erleuchten können." - S. 299

Vielleicht wirkt das Buch etwas überdramatisiert, einige Phrasen kitschig, in Bezug auf Emotionen und Gefahr. Aber genau diese Stilart passt wunderbar zu einer 1001 Nacht-Geschichte und macht den Reiz des Buches aus. Und so kommt es am Ende, wie es kommen muss. Das letzte Wort ist noch lange nicht gesprochen, die Handlung wieder völlig offen. Zwar ist ein großes Geheimnis gelöst, jedoch tappt man bei einigen düsteren und magischen Ritualen noch durch einen Nebel, der sich erst im Folgeband lichten wird. Der Cliffhanger schmerzt und macht den Abschlussband zu einem Lesemuss!

Das persönliche Fazit
"Zorn und Morgenröte" hat mir die Nacht geraubt. Zwar drohte mir im Morgengrauen keine Hinrichtung, jedoch war ich während des Lesens wie elektrisiert und angenehm angespannt. Eine märchenhafte moderne, machmal sogar humorvolle, 1001 Nacht-Auslegung macht Spaß. Die Rahmenhandlung ist aufregend, die Romanze düster-prickelnd und die Charaktere sind für das Leseerlebnis perfekt. Hier funktioniert die Kombination aus Spannung, Liebe und Verrat großartig. Für mich der erste Lieblingsbuchstatus 2016!


Aufmachung: 4,5 / 5
Handlung: 4,5 / 5
Charaktere: 4,5 / 5
Lesespaß: 5 / 5
Preis/Leistung: 4,5 / 5

© Damaris Metzger, www.damarisliest.de



Reiheninfo Zorn und Morgenröte-Dilogie:

Band 1 - Zorn und Morgenröte
Band 2 - Rache und Rosenblüte



E-Book-Kurzgeschichten zur Reihe:

Band 0,25 - Motte und Licht
Band 0,5 - Honig und Gift
Band 1,5 - Fluch und Flammen