Dienstag, 12. Januar 2016

Review zu "In den Augen der Nacht" von Inés Garland



FISCHER KJB (Oktober 2015),
Hardcover, 192 Seiten,
übersetzt von Ilse Layer,
14,99 € [D]


Eigentlich will Dalila nur Pablo vergessen, als sie sich ihrer Schwester und deren Freundinnen anschließt, um an einem See in der argentinischen Pampa zu zelten. Sie ist fasziniert von der scheinbar endlosen Weite der Landschaft, der Stille und der allgegenwärtigen Natur. Bei einem Spaziergang im Wald begegnet sie Tharo. Er ist anders als die Jungen, die sie aus Buenos Aires kennt: schweigsam, ernst, zurückkaltend, fast abweisend. Von Anfang an fühlt sie sich zu ihm hingezogen. Wenig später entlarven die Tagebücher von Tharos Mutter die ländliche Idylle, aber da ist es schon beinahe zu spät. (Text-, Cover- und Zitatrechte: FISCHER KJB)


Ich ging am Ufer entlang, bis unser Lager nicht mehr zu sehen war, und setzte mich auf einen Stein am Wasser. Lieber allein als gemeinsam einsam, sagte mein Vater immer, wenn er mich in dieser Verfassung sah. Das stimmte. Ich hatte nicht gern Zeugen. - S. 32/33


Meine Meinung
Inés Garland, argentinische Journalistin und Autorin, erhielt für ihren Roman "Wie ein unsichtbares Band" den Deutschen Jugendliteraturpreis. Ihre Bücher üben eine einfache Faszination auf den Leser aus, die sich festsetzt und noch eine ganze Weile in Gedanken bleibt. Der neue Roman "In den Augen der Nacht" handelt vom Leben, (unerfüllten) Sehnsüchten, Schmerz und Glück.

"In den Augen der Nacht" ist eine leise Geschichte, ganz wie ich das von der Autorin erwartet habe. So normal und doch so besonders. Hauptprotagonistin Dalila geht mit ihrer Schwester und deren Freundinnen zelten. Sie hat sich dazu überreden lassen, um über ihre Beziehung zu Pablo nachzudenken. Zwischen den unterschiedlichen Mädchen gibt es so manche Anspannung und vieles brodelt im Verborgenen. Das soll nicht heißen, dass dem Buch die Spannung fehlt. Ganz im Gegenteil. Neben der Haupthandlung braut sich schnell etwas zusammen, bei dem man als Leser grob erahnen kann wie es sich entwickelt. Das ist nicht nur offensichtlich spannend, sondern sorgt für aufgewühlte Emotionen.

In dieser Nacht dachte ich vor dem Einschlafen an unerfüllte Liebe. Was bringt uns dazu, hartnäckig jemanden zu lieben, der unsere Gefühle nicht erwidert? War dieser Hunger nach etwas, das nie eintrat, Liebe? - S. 106

Im Gegensatz zu einem langen Buch ist es viel schwerer, eine kurze Geschichte aussagekräftig und besonders zu erzählen. "In den Augen der Nacht" punktet in dieser Hinsicht auf ganzer Linie. Es ist kein Buch der großen Worte, sondern es wirkt durch Gedanken und Handlungen. Dalilas Begegnung mit Tharo und seiner Familie ist sehr eigen, knapp und geht dennoch tief. Hier sollte man als Leser den Willen mitbringen, sich auf individuellere Charaktere einzulassen. Diese agieren abseits der Norm und besitzen gleichzeitig eine natürliche Authentizität.
Das Ende des Romans ist ein echter Herzensmoment, der das Buch abschließt, dessen Fortgang ich aber zu gerne verfolgen würde.

Fazit
Inés Garland ist eine Autorin, der es gelingt, die scheinbar normalsten Geschichten besonders zu machen und ihnen einen kritischen Hintergrund zu geben. Auch "In den Augen der Nacht" ist solch ein Buch. Auf wenigen Seiten wird man in eine Handlung gezogen, die polarisiert und teilweise auch ängstigt. Die nachdenklich stimmt und gleichzeitig vertraut wirkt. Die Geschichte liest sich deutlich, sehr ursprünglich, und wirkt lange nach. Dafür gibt es 4,5 von 5 Punkte.

© Damaris Metzger, damarisliest.de