Dienstag, 30. Juni 2015

Rezension zu "Die Anatomie der Nacht" von Jenn Bennett



Verlag: Königskinder (April 2015)
Originaltitel: The Anatomical Shape Of A Heart
Übersetzer: Claudia Max
Reihe: - , ab ca. 14 J.
Ausführung: Hardcover/SU, 352 S.
ISBN: 978-3551560117
17,99 € [D]

Genre: Liebesroman

© Cover- und Zitatrechte: Königskinder Verlag


Das Thema
Bex hat eine außergewöhnliche Leidenschaft. Sie zeichnet anatomische Studien - sehr perfekt und absolut naturgetreu. Durch dieses Hobby, das vielen zu gruselig ist, hat sie nicht viele Freunde. Bex ist eher eine Einzelgängerin. Gerne würde sie ihr Können zu ihrem Beruf machen, doch ihre Mutter ist dagegen.
Eines Abends, im Nachtbus, begegnet sie Jack. Er ist anders, fasziniert sie und macht ihr gleichzeitig Angst. Denn Jack ist der meistgesuchte Graffiti-Sprayer in San Francisco.

Die Rezension

Der Anfang: Die letzte Bahn fiel aus.

Die Idee ist superklasse. Ein Mädchen, mit sehr skurrilen Zeichenvorlieben, trifft auf einen Graffiti-Sprayer. Beide lieben ungewöhnliche Kunst, und beide sind damit auf ihre Art alleine. Zudem hat sich die Autorin als Handlungsort San Francisco ausgesucht. Die Stadt bietet die perfekte Kulisse für eine fantasievolle Geschichte. Die Geschichte hat Potenzial, wobei man wissen muss, dass Jenn Bennett ihre Protagonisten auf Liebe-auf-den-ersten-Blick, sowie Schönheit und Hipster-Äußerlichkeiten aufbaut, bzw. diesen Dingen eine große Gewichtung beimisst.

Ich hätte gern etwas erwidert, das genauso bedeutungsvoll und ehrlich war. Etwas wie "Du hast mir auch gefehlt", oder "Ich dachte, ich muss sterben, wenn ich dich nicht wiedersehe". Aber da ich viel zu überwältigt war, beließ ich es bei "Dein Knopf ist kaputt". - S. 138

Bex erzählt die komplette Geschichte in der Ich-Form. Sie lebt zwar in einer großen Stadt, doch das Umfeld, mit dem Bex zu tun hat, wurde relativ klein gehalten. So kann man die Hauptprotagonistin schnell einschätzen, weiß nicht nur über ihre Vorlieben und Äußerlichkeiten Bescheid, sondern kennt auch ihre Sorgen und Zukunftspläne.
Trotzdem gestaltet sich das erste Buchdrittel recht anstrengend, was vor allem an dem Aufeinandertreffen mit Jack liegt. Nicht nur, dass beide umgehend füreinander entflammen, vor allem bei Jack wird der Fantasie des Lesers kaum Spielraum gelassen. So weiß man bei jeder Begegnung aufs Neue wie gut er aussieht, welche Kleidung er trägt, wie seine Haare fallen, dass er hohe Wangenknochen und einen doppelten Wimpernkranz hat. Nicht zu vergessen seine coolen Tattoos und sein muskulöser Bauch. Sicherlich gibt es Leser, denen diese Attribute gefallen und für das Salz in der Buchsuppe sorgen. Genauso viele werden von diesen, oft mit einem lustigen Spruch unterlegten, Attributen genervt sein. Es ist einfach zu viel und überlagert die eigentliche Geschichte.

Ich hatte alles vergessen - wie umwerfend sein tiefschwarzer doppelter Wimpernkranz war und wie markant seine Wangenknochen waren. Dass seine Kleider nach irgendeinem Markenweichspüler dufteten, nicht nach dem billigen Zeug, das meine Mutter verwendete.
"Du hast deine Haare geschnitten", sagte ich einfältig. 
Er fuhr sich mit den Fingern durch seine Rockabilly-Tolle, die nicht mehr ganz so verwuschelt war. - S. 135

Im Buch gibt es einen entscheidenden Einschnitt. Ab hier wird die Geschichte interessant und vom Grundgedanken her richtiggehend tiefsinnig. Die Möglichkeiten und Lösungen, mit denen sich Bex und Jack in ihrem Leben auseinandersetzen müssen, gefallen sehr gut und sind nicht einseitig. Wäre die Liebesgeschichte etwas minimiert worden, wäre hier noch viel mehr Potenzial gewesen.
Das Buchende wird gut in Szene gesetzt. Man ist gespannt, wie die Sache ausgeht und was Bex geplant hat. Der Schluss ist einfach, irgendwie schön und passt zur Geschichte. Der Blick auf die Zukunft der Protagonisten stimmt zufrieden.

Das persönliche Fazit
"Die Anatomie der Nacht" hat ein wunderbar kreatives Thema, spielt in einer tollen Metropole und dreht sich um ungewöhnliche Leidenschaften zwischen Liebe, Familie und Kunst. Leider lag das Gewicht der Geschichte zu sehr auf einer leicht schnulzigen, von äußerlichen Schönheitsattributen bestimmten, Liebesgeschichte. Schade, denn die Konzeption der Geschichte ist gut und wird zu sehr überlagert. Daher platziert sich das Lesegefühl im Mittelfeld. 3 Sterne.


Aufmachung: 4,5 / 5
Handlung: 3,5 / 5
Charaktere: 3 / 5
Lesespaß: 2,5 / 5
Preis/Leistung: 3 / 5

© Damaris Metzger, damarisliest.de