Mittwoch, 29. April 2015

Rezension zu "Mit uns der Wind" von Bettina Belitz



Verlag: script5 (März 2015)
Originaltitel: -
Übersetzer: -
Reihe: - , ab ca. 14 J.
Ausführung: Hardcover/SU, 400 S.
ISBN: 978-3839001608
17,95 € [D]

Genre: (Liebes)roman

© Cover- und Zitatrechte: script5 Verlag


Das Thema
Die 18-jährige Mona hat Narkolepsie, das heißt, sie schläft mehrmals am Tag ohne Vorwarnung ein. Dann hat sie keine Kontrolle mehr über ihren Körper. Bisher hat Mona zwar keine ernsthaften Verletzungen davongetragen, doch sie fühlt sich von ihrem kompletten Umfeld ausgegrenzt und von ihren Eltern und dem Bruder bevormundet. Ihre große Leidenschaft sind die Videos von Adrian, einem Youtube-Star, der sich von seinem Kite in die Luft tragen lässt und darüber ausführlich berichtet. Obwohl sie ihn nicht persönlich kennt, fühlt sich Mona mit ihm auf seltsame Art und Weise verbunden, sieht sein Abbild während ihrer Anfälle im Traum. Als sie aus Videos erfährt, dass Adrian das Festival Rock am Ring besucht, überredet sie ihren Bruder auch dorthin zu fahren.

Die Rezension

Der Anfang: "Pass auf dich auf. Bitte."

Bettina Belitz legt eine unglaubliche Leidenschaft ihn ihre Bücher. Ihre Themen sind brandaktuell und angesagt. Dabei sind sie so gut recherchiert, dass sie nicht künstlich oder gewollt wirken. Außerdem setzt sich die Autorin intensiv mit allen ihren Charakteren auseinander, das spürt man ab der ersten Seite. Ob die Thematik der Narkolepsie, Rock am Ring oder das Kiten, alles wirkt wie aus einem Guss und absolut plausibel. Das, und eine gute Portion nicht Erklärbares, fesselt an die Seiten.

"Er ist mir vertraut", sage ich leise. "Es ist wie eine tiefe Ahnung, die ich fühle, wenn ich seine Videos anschaue und von ihm träume. Und ich möchte diese Ahnung überprüfen." - Mona, S. 98

Mona hat sich verliebt - in einen Jungen, ihren Drachenreiter, den sie nur aus Youtube-Videos kennt. Dieser Umstand ruft beim erwachsenen Leser schon mal nachsichtiges Kopfschütteln hervor, erscheint dieses Gefühl doch sehr naiv und unreif. Doch Mona ist sich dessen genau bewusst. Sie weiß, dass sie sich in etwas verrennt und sich eventuell falsche Hoffnungen macht. Wie soll sie Adrian auf einem Rockfestival unter 80.000 Menschen finden? Er kennt sie nicht, und es ist nicht sicher, dass er sie mögen würden, wenn sie sich kennenlernen. Denn im Hintergrund schlummert wortwörtlich Monas Krankheit, die Narkolepsie. Diese kann jederzeit und immer völlig unverhofft zuschlagen. Trotzdem will Mona sich bei Rock am Ring ein Stückchen Freiheit erkämpfen, aus der Besorgnisumklammerung ihrer Eltern und ihres Bruders ausbrechen. Und sie glaubt an ihre Träume und Visionen.

Bei "Mit uns der Wind" hat sich die Autorin für einen Ich-Erzählstil im Präsens entschieden. Das Buch ist, im Vergleich zu anderen Werken für junge Erwachsene, etwas einfacher und kantenloser zu lesen. In jedem Kapitel gehört ein Part Mona und ein zweiter Adrian. Für einen Einzelband ist es erstaunlich positiv, wie schnell dem Leser die Charaktere vertraut sind. Schon ganz am Anfang kann man sich ein ziemlich exaktes Bild machen, das sich bis zum Ende hin verfestigt. Mona und Adrian, ebenso die Nebencharaktere, sind nicht glatt gezeichnet, sie haben Ecken und viele Eigenarten - sehr auffällig ist das bei Mona. Es gibt Situation, in denen man sie mag und mit ihr fühlt, aber auch Dinge, die sie überdramatisiert und die Unverständnis hervorrufen. Wieder einmal sind die Charaktere im Buch sehr lebensnah.

Wenn alles im Leben seinen Sinn hat, seine Bestimmung, und jeder Mensch seinen eigenen Weg - wie finde ich dann meinen? Wohin führt er mich? - Adrian, S. 315

Neben dem sehr realen Schauplatz, den Gefühlen und Problemen der Protagonisten, gibt es in "Mit uns der Wind" eine zweite, esoterisch, bzw. übernatürlich definierte Komponente. Mona lebt für ihre Visionen. Sie weiß welche Umstände sie triggern, wie sie einen Narkolepsie-Anfall herbeiführen kann, und sehnt sich nach einer Begegnung mit Adrians Tierwesen in den Träumen, die sie dabei hat. So echt Mona auch erscheint, dieser Umstand lässt sie etwas lebensfremd und wirklichkeitsfern wirken. Vorstellbar, dass einigen Lesern das in einem zeitgenössischen Roman zu viel sein könnte. Die Auflösung dieser Komponente vermag am Ende tatsächlich zu überraschen. Der Schluss könnte gleichzeitig ein Anfang sein. Er lässt einen das Buch zufrieden zuklappen.

Das persönliche Fazit
"Mit uns der Wind" trug mich in eine turbulente und zugleich genussvolle Lesezeit. Dabei betrachtete ich die Charaktere aber nicht von oben, aus der Ferne, sondern wurde mitten unter sie gewirbelt. Charaktere, Schauplatz und Plot sind ausgezeichnet gestaltet. Die raumgreifende übernatürliche Ebene ist für einen Roman dieses Genres sicherlich Geschmacksache. Lesen und von der Atmosphäre davontragen lassen. 4 Sterne.


Aufmachung: 4 / 5
Handlung: 4 / 5
Charaktere: 4,5 / 5
Lesespaß: 4,5 / 5
Preis/Leistung: 4 / 5

© Damaris Metzger, damarisliest.de