Montag, 13. Oktober 2014

Rezension zu "Kindheit: Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete" von Peggy Parnass



Verlag: Fischer KJB (September 2014)
Originaltitel: Unter die Haut, Kapitel "Kindheit"
Übersetzer: -
Reihe: -, ab ca. 12 J.
Ausführung: Hardcover, 80 S.
ISBN: 978-3596856725
14,99 € [D]

Genre: Jugendbuch

© Cover- und Zitatrechte: Fischer KJB


Das Thema
In ihrer Geschichte erzählt die Autorin Peggy Parnass ihr Kindheitserinnerungen. Zusammen mit ihrem Bruder wurde sie 1939 von ihrer Mutter mit einem Kindertransport nach Schweden/Stockholm geschickt, um dem Mord durch die Nazi zu entgehen. Ihre Eltern sah Peggy nie wieder, sie wurden im KZ Treblinka ermordet.
Die leuchtenden Farbholzschnitte im Buch stammen von der brasilianischen Künstlerin Tita do Rêgo Silva.

Die Rezension

Der Anfang: Natürlich hab ich gleich ja gesagt, als es um Kindheitserlebnisse ging. So wie ich immer viel zu schnell ja sag, wenn ein Thema mich reizt. Erst hinterher fiel mir ein, dass ich nie Kind war. Vielleicht jetzt inzwischen bin ich's. Gelegentlich.

"Kindheit" ist ursprünglich ein Kapitel aus dem Buch von Peggy Parnass "Unter die Haut". Mit ihrer Freundin und Künstlerin Tita do Rêgo Silva hat die Autorin eine wunderschöne, illustrierte Version dieses Kapitels veröffentlicht. Die Erstausgabe wurde 2013 von der Stiftung Buchkunst als eines der schönsten Bücher Deutschlands prämiert -  und war sofort vergriffen. Die aktuelle Version wurde vom Verlag Fischer KJB - Die Bücher mit dem blauen Band neu verlegt. Somit ist dieser Buchschatz wieder frei erhältlich.

Die eigentliche Geschichte ist sehr kurz, sehr aufwühlend und sehr direkt. Die Autorin beschreibt ihre Kindheit und das, was vor und nach dem Kindertransport nach Schweden passierte, in gedichtartiger Form und kurzen Absätzen. Einige Abschnitte erinnern gar nur an Stichpunkte. Dennoch ist die Erzählung sehr eindringlich, beschreibt physisches und psychisches Kinderleid, aber auch wenige schöne Momente im Leben der Autorin. Der Mord an Millionen von Juden und "unpassenden" Menschen ist die größte Gräueltat der Nazis. Durch das beherzte, vorausschauende Eingreifen mancher Eltern, konnten viele Kinder im Ausland gerettet werden, während sie selbst ermordet wurden. Die Folgen für Körper und Seele der Kinder sind gravierend.

Seitdem ich vierzehn bin hab ich mich selbst ernährt. Damals zum Teil auch meinen Bruder mit. Sagen wir mal, dass ich bis dahin Kind war, obwohl das natürlich Quatsch ist. Meine Erinnerungen wechseln von Tag zu Tag, ganz nach Verfassung. Entweder nur eine Aneinanderreihung von Albträumen. Oder so, dass es mir vor Sehnsucht und Verlangen das Herz zerquetscht und mir die Tränen in die Augen treibt. - S. 7/8

Manche Ereignisse von Peggys Kindheitsgeschichte sind sehr deutlich geschildert, andere dagegen nur angedeutet. Den Lesern, vor allem denen, die die geschichtlichen Hintergründe kennen, ist aber stets klar, was passiert. Der Einblick in Peggys Kinderseele reicht tief. Trotz dem Hass auf alle Ungerechtigkeiten, Unfreundlichkeiten und Misshandlungen, die Peggy und ihrem Bruder widerfahren sind, hat sich die Autorin eine erstaunlich klare Weitsicht auf die damaligen Dinge bewahrt. Bewundernswert!

Das persönliche Fazit
"Kindheit: Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete" gehört zu den Büchern, denen ein Platz im Buchregal sicher sein sollte, nicht nur wegen dem geschichtlichen Hintergrund. Ich war während des Lesens sehr nachdenklich, manchmal den Tränen nah, blieb danach aufgewühlt zurück. Das ist, mit den wenigen Worten der Autorin erzählt, große Erzählkunst. Mit ihrer direkten, schnörkellosen Art schreibt sich Peggy Parnass ins Herz des Lesers. Die Farbdrucke, sie erinnern etwas an 70er-Jahre-Kunst, schmücken das Buch auf fast jeder zweiten Seite und heben die Geschichte mit der gesamten Gefühlspalette hervor. Ein Buchschatz!


© Damaris Metzger, damarisliest.de