Montag, 8. Juni 2015

Review zu "Wenn du dich traust" von Kira Gembri



Arena (Juni 2015),
Hardcover/SU, 336 Seiten,
14,99 € [D]


Lea zählt - ihre Schritte, die Erbsen auf ihrem Teller, die Blätter des Gummibaums. Sie ist zwanghaft ordentlich und meistert ihren Alltag mit Hilfe von Listen und Zahlen. Jay dagegen lebt das Chaos, tanzt auf jeder Party und hat mit festen Beziehungen absolut nichts am Hut. Niemals würde er freiwillig mit einem Mädchen zusammenziehen, schon gar nicht mit einem, das ihn so auf die Palme bringt wie Lea. Und Lea käme nie auf die Idee, mit Jungs zusammen zwischen Pizzakartons und Schmutzwäsche zu hausen. Sonnenklar, dass es zwischen den beiden heftig kracht, als sie aus der Not heraus eine WG gründen ... (Text-, Cover- und Zitatrechte: Arena Verlag)


71 Bücher stehen im Regal hinter Dr. Berners Schreibtisch. Während ich sie zum dritten Mal zähle, bilde ich mir ein, dadurch eine Art von Kontrolle zurückzugewinnen, obwohl mir diese Situation längst entglitten ist. [...] ich kann nur an eines denken: wie es mir gelingt, dieses überschüssige Buch aus dem Regal zu entfernen. - Lea, S. 25


Meine Meinung
Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich Kira Gembris bisherige Veröffentlichungen verschlungen habe. Ihre Schatten und Licht-Dilogie ist ein Sahnestück der paranormalen Jugend-Romantasy, und mit der knisternden Weihnachtsgeschichte "Santa's Baby" hat die Autorin gezeigt, dass sie durchaus auch kribbelig-romantische Romane für erwachsene Leser schreiben kann. Bei ihren Bücher wird eine Sache ganz groß geschrieben: Humor. Nur wenigen Autoren gelingt es, eine Geschichte so gut mit der richtigen Prise Humor zu würzen, dass die Erzählung ihre Authentizität behält und gleichzeitig wahre Lachorgien auslöst.

"Wenn du dich traust" ist die neuste Young Adult-Geschichte der Autorin, und schon hier kann vorweggenommen werden, dass ihr damit ein ganz großer Wurf gelungen ist. Es ist schwer, die Objektivität zu wahren, wenn man nach dem Lesen der ersten beiden Kapitel bereits vollkommen überzeugt ist. Bei mir war das Buch danach steil auf Lieblingsbuchkurs! Dieser Ersteindruck blieb die ganze Geschichte über erhalten, bis zum Schluss. Besser geht es in diesem Genre wirklich nicht.

Stöhnend presse ich die Hände gegen meine Schläfen, während ich im Geist die vergangene Nacht abspule. Zumindest das, was ich davon noch weiß. 
Jede Menge Whiskey bei Mike. Cut.
Der Fußboden im Flur. Cut
Unter der Dusche mit Lea. Fuck! - Jay, S. 132

Die Geschichte wird (im Präsens/Gegenwart) abwechselnd aus der Sicht von Lea und Jay erzählt. Schon die Kapitelüberschriften sind eine Klasse für sich und machen komplett neugierig auf das folgende Kapitel. Ein Weglegen des Buches ist oft unmöglich.
Jay ist (k)ein Klischee-Bad Boy, der sich aber abseits der gängigen Stereotypen dieses Genres positioniert und dadurch dann doch so manches Klischee umgeht. Das alleine verdient Respekt. Im Laufe der Handlung macht er eine große Wandlung durch, bleibt seinem Charakter aber grundsätzlich treu - das lässt ihn glaubhaft erscheinen.

Der beeindruckendste Charakter aber ist Lea. Ich kann mich nicht erinnern ein Buch über Verhaltensstörungen, bzw. Ticks, gelesen zu haben, das dieses Thema so ehrlich, unverkrampft und wirklichkeitsgetreu wiedergibt. Die Störung beherrscht Leas komplettes Leben und nimmt einen großen Platz in der Geschichte ein. Hier könnte man erwarten, dass Leas Verhalten bald nervt oder dass sich Gedanken wie "Die soll sich nicht so anstellen" aufdrängen. Aber im Gegenteil! "Wenn du dich traust" hat einen bemerkenswert Humor, der den Leser auch in ernsthaften Situationen lachen lässt und sich gleichzeitig mit Glaubhaftigkeit verbindet. Das ist selten. Ich habe oftmals laut gelacht oder geschmunzelt, hatte deswegen aber kein geringeres Mitgefühl mit den Protagonisten.

Das Ende ist super ausgebaut und war für mich länger als erwartet. Beide Hauptcharaktere haben einiges aufzuarbeiten. Es gibt hier nochmals einen größeren Spannungsbogen, der es ganz schön in sich hat und sicher nicht alltäglich ist. Dabei passt er gut zum Setting Österreich/Wien, präsentiert sich aber nicht so übertrieben wie in vielen amerikanischen Young Adult-Geschichten. Die Geschichte ist abgeschlossen.

Fazit
"Wenn du dich traust" ist ganz, ganz große Klasse und einer der Pageturner, die man immer wieder lesen möchte. Das Buch ist frech, romantisch-gefühlvoll, sehr (!) lustig und voller Situationskomik. Dabei setzt es sich mit dem nicht alltäglichen Thema Verhaltensstörung auseinander, und das so glaubhaft, wie selten in einem Buch. Story, Charaktere, Plot und Humor - alles perfekt hier! Traut euch "Wenn du dich traust" zu lesen, ich bin immer noch begeistert!

© Damaris Metzger, damarisliest.de