Dienstag, 10. September 2013

Rezension zu "Himmelsfern" von Jennifer Benkau



Verlag: script5 (September 2013)
Originaltitel: -
Übersetzer: -
Reihe: -
Ausführung: Hardcover/SU, 496 S.
ISBN: 978-3839001431
18,95 € [D]

Genre: Urban-Fantasy

© Cover- und Zitatrechte: script5 Verlag


Das Thema
Noa wohnt zusammen mit ihrem Vater in einem ganz typischen Stadtviertel. Ihre Mutter lebt im Ausland, besucht die Familie nur ab und zu. Noas liebste Freizeitbeschäftigung ist das Spiel mit den Feuer-Poi und sie träumt davon, dass sich das harte Training endlich auszahlt und sie öffentlich ihr Können zeigen kann.
Plötzlich ändert sich Noas Leben schlagartig, als sie nur knapp einem Unglück entgeht. Wer hat sie in ihren Gedanken davor gewarnt? Und wer ist ihr engelsgleicher Retter? Und dann verliebt sich Noa in einen Jungen, mit dem sie nur noch zwei Wochen verbringen kann, bevor dieser dem Menschsein den Rücken kehren wird. Vielleicht für immer.

Die Rezension

Der Anfang: Das Gefühl überkam mich flüchtig wie ein Déjà-vu von fallenden Federn und gleichzeitig drängend, als drücke eine Hand gegen meine Brust.

Jennifer Benkau hat mit ihrer Dystopie "Dark Canopy" bei den Lesern direkt ins Schwarze getroffen. Viele bewerteten das Buch höher, als manch internationalen Genrekameraden. Mit ihrem neuesten Buch kehrt die Autorin den Dystopien (vorerst?) den Rücken und wendet sich der Urban-Fantasy zu. "Himmelsfern" ist eine zum aktuellen Zeitpunkt spielende Geschichte mit Fantasyeinschlag. Die Story liest sich gewohnt hochwertig, teils märchenhaft und nachhaltig - sehr besonders!

Ich lernte, dass das Gefühl, jemanden zu lieben, nichts mit Zärtlichkeit zu tun haben muss. Ganz im Gegenteil, es kann gewaltsam sein, brutal und quälend, von tausend Zweifeln durchsetzt. - Noa, S. 203

Zu Anfang steht der Prolog, von der Autorin Intro genannt. Dieser ist absolut fantastisch und hat Gänsehautpotenzial. Hauptprotagonistin Noa gibt einen kleinen Rückblick auf ein Ereignis, das ihr Leben verändert hat. Was es genau ist, erfährt man als Leser hier noch nicht. Das Intro fesselt an die Seiten und schon ist man vom Buch gefangen. Der unbändige Wunsch zu erfahren, was es mit diesem Ereignis auf sich hat, wird einem innerhalb drei Seiten förmlich eingepflanzt.

Das Buch lebt von seiner Atmosphäre und mittendrin befindet sich Noa Grau. Das Lesegefühl ist etwas eigenartig, stets leicht depressiv und kann am besten mit "grau", passend zu Noas Nachnamen, umschrieben werden. Die Stadt, die Wohnviertel, der Kanal, die Plätze - alles wirkt grau. Das Auftauchen des Jungen, in den Noa sich verliebt, bringt ihr einerseits Glück, aber auch viel Misstrauen und Sorge. Selbst hier hat es die Sonne schwer, durch die grauen Wolken zu blinzeln. Dieses Lesegefühl muss man mögen. Es setzt sich hartnäckig in einem fest und sorgt zusammen mit dem bildhaften Schreibstil für einprägsame Lesestunden.

Als Noa Marlon kennenlernt wird ihr Leben nicht einfacher, sondern schwieriger und vor allem sehr rätselhaft und mysteriös. Selten, wirklich sehr selten, liest man eine Geschichte, die einen so geschickt an der Nase herumführt wie "Himmelsfern". Die komplette erste Hälfte ist man am Rätseln, mit was und wem man es hier zu tun haben könnte. Sobald man meint, die Lösung zu wissen, ändert sich die Situation und wird erst sehr spät konkret. Diese Tatsache kann aber auch dazu führen, dass man in der zweiten Buchhälfte das Gefühl hat, trotz Spannung fährt sich die Geschichte stellenweise fest oder kommt nicht richtig voran.

Auffällig ist, dass die Stadt, in der die Geschichte spielt, keinen Namen hat. Meint man zuerst vielleicht, man hätte den Stadtnamen überlesen, stellt sich schnell heraus, dass dieser tatsächlich nie genannt wird. Man weiß, dass sich die Hauptprotagonisten in Deutschland befinden, die Umgebung wirkt völlig normal und könnte bei jedem um die Ecke spielen. Dieser Aspekt ist hervorragend gewählt und zeigt das Buch nochmals in einem besonderen Licht.

Auch die Lovestory ist sehr düster, dabei teils rührend, verzweifelt und zärtlich - einfach besonders, wie das ganze Buch. Dabei ist die Grundthematik, der phantastische Aspekt, der Geschichte gar nicht unbekannt, bzw. neu, die Interpretation aber vollkommen gelungen. Die Vorliebe der Autorin für sehnsuchtsvolle, dramatische Enden kommt auch hier nicht zu kurz. Aber egal, wie man sich ein Ende wünscht, es muss passen. Und bei "Himmelsfern" passt es!

Das persönliche Fazit
Noa fragt Marlon wo er in fünf Jahren wäre und was er tun würde, wenn alles anders wäre. Die Antwort darauf müsst ihr selbst nachlesen. Nur so viel; sie hat mit Landwirtschaft zu tun und war sehr banal ... und sie hat mein Herz so berührt, dass mir die Tränen kamen. Das Buch hat mich merkwürdig aufgewühlt, stellenweise frustriert und nachdenklich gestimmt. Obwohl ich während des Lesens einige Vergleiche angestellt habe (was bei Viellesern durchaus normal sein dürfte), kann man "Himmelsfern" nie so recht in eine Schublade packen. Wer eine sehr besondere, virtuos gestrickte Geschichte lesen will, ist bei "Himmelsfern" an der richtigen Stelle. Unbedingt ausprobieren! 4 Sterne.


Aufmachung: 4 / 5
Handlung: 3,5 / 5
Charaktere: 4,5 / 5
Lesespaß: 4 / 5
Preis/Leistung: 4 / 5

© Damaris Metzger, damarisliest.de




Lesenswertes zu "Himmelsfern"