Mittwoch, 17. April 2013

Rezension zu "Artikel 5" von Kristen Simmons



Verlag: ivi by Piper (April 2013)
Originaltitel: Article 5
Übersetzer: Frauke Meier
Reihe: Band 1/3, ab ca. 16 J.
Ausführung: Klappenbroschur, 432 S.
ISBN: 978-3492702867
16,99 € [D]

Genre: Dystopie

© Cover- und Zitatrechte: ivi Verlag


Das Thema
Nach dem großen Krieg hat sich Amerika weitestgehend abgeschottet. Internationale Reisen sind verboten, und das Land wird vom Präsidenten und dem Federal Bureau of Reformation regiert. Dessen Soldaten sorgen für die Einhaltung der strengen Moralstatuten, die den Bürgern, mit dem Zweck EIN HEILES LAND, EINE HEILE FAMILIE zu schaffen, auferlegt werden. Diese Soldaten, die Moralmiliz oder MM, wie sie von den Bürgern spöttisch genannt werden, greifen mit aller Härte durch. Sehr wichtig ist dabei Artikel 5 der Moralstatuten: Als vollwertiger Staatsbürger wird nur anerkannt, wer als Kind eines verheirateten Paares auf die Welt kommt. Die MM führt in den verschiedenen Gebieten des Landes Revisionen durch, um Personen, die gegen Artikel 5 verstoßen auszusieben. So trifft es auch Ember und ihre alleinerziehende Mutter. Embers Mutter wird deportiert und Ember selbst kommt in eine Besserungs- und Resozialisierungsanstalt für Mädchen. Die Zustände dort sind schlimm und Ember beschließt zu fliehen. Hilfe bekommt sie ausgerechnet von ihrem ehemaligen Freund Chase, der mittlerweile zur Moralmiliz gehört ...

Die Rezension

Der Anfang: Beth und Ryan hielten einander an den Händen, was durchaus reichte, um eine offizielle Vorladung wegen eines Sittlichkeitsvergehens zu riskieren, aber ich sagte nichts dazu. 

Dystopien, die Genreableger der Science Fiction, sind schon lange kein Nischengenre mehr. Gerade in der Jugend- und YA-Literatur sind sie sehr beliebt und kaum mehr wegzudenken. Leider ist es für Autoren auch nicht mehr ganz einfach, ihrer Kreativität hier freien Lauf zu lassen. Viele Romane ähneln sich und erscheinen wie ein großer Topf mit Einheitsbrei. Gelesenes kommt einem mitunter sehr bekannt vor, und bei manchem Leser hat sich eine gewisse Dystopiemüdigkeit breitgemacht. Ist das bei dir der Fall, dann solltest du ganz schnell "Artikel 5" zur Hand nehmen. Du wirst begeistert sein!

Ember und Chase kennen sich schon ihr ganzes Leben und waren ein Paar, bevor Chase für das Militär eingezogen wurde. Ember vermisst ihn nach wie vor, hat sich aber mit der Situation arrangiert. Und ausgerechnet, als die Moralmilitz ihre Mutter abführt und sie selbst in ein Umerziehungslager steckt, begegnet sie ihrem ehemaligen Freund wieder. Und Chase scheint nicht mehr derselbe zu sein, wie Ember ihn in Erinnerung hat und wofür sie ihn geliebt hat.
Dass sich getrennte Pärchen nach einiger Zeit wieder begegnen, kommt in Büchern durchaus vor. Meist liegen sie sich dann wieder recht schnell in der Armen. Bei "Artikel 5" ist das nicht so. Ember und Chase scheinen beide nicht recht zu wissen, wie sie miteinander umgehen sollen. Außerdem ist Chase sehr ruhig, verletzbar und verbirgt sehr schlimme Erlebnisse beim Militär vor Ember. Natürlich wird auch hier eine erneute Annäherung forciert, aber auf eine sehr realistische, langsame und doch wunderbar romantische Art und Weise. Dazu enthält die Lovestory nicht das kleinste Bisschen Kitsch, enthält dafür etwas Tragik.

Ich hatte Chase Jennings geliebt. 
Nun dachte ich darüber nach, wie er mich ins Abseits gestellt hatte, und darüber, ob ich ihn immer noch liebte. [...] Er war unbeständig. Er regte mich auf. Er war herrisch und überbehütend und gab sich in jeder Hinsicht nebulös. Niemand machte mir mehr zu schaffen als er. - Ember, S. 274

Chase ist ein toller Charakter! Seine Beweggründe sind jederzeit verständlich und man freut sich jedes Mal, wenn er mehr von sich und seiner schmerzhaften Vergangenheit preisgibt. Er ist anfangs Ember gegenüber sehr distanziert, beschützt sie aber mit seinem Leben und stets vollem Einsatz. Das macht ihn zum Understatement-Held der Geschichte.
Ember ist eine sehr mutige Hauptprotagonistin. Sie hat aber einen leichten Touch zu nerven. Alles wird von ihr hinterfragt, auch jedes Verhalten seitens Chase. Andererseits sind viele Situationen, in die Ember gerät so schlimm und grausig, dass man ihre Art auch wieder gut nachvollziehen kann. Ember ist die Ich-Erzählerin der Geschichte. Durch einige kurze Rückblenden erfährt man Dinge aus ihrer Vergangenheit und ihrer gemeinsamen Zeit mit Chase, bevor er eingezogen wurde. Dies beleuchtet die beiden Hauptpersonen sehr gut und man fühlt sich ihnen sehr verbunden.

Wann der Krieg in "Artikel 5" war, bzw. in welcher Zeit der Roman genau spielt, weiß man nicht. Wahrscheinlich ist er in nicht allzu ferner Zukunft angesiedelt. Trotzdem erscheint die Information, die man als Leser bekommt, lückenlos. Man kann sich ein ziemlich genaues Bild machen, wie die Bürger mit der Unterdrückung durch die Moralstatuten leben müssen. Erschreckend!
Die Handlung teilt sich auf in Embers Zeit in der Resozialisierungsanstalt, ihren Erlebnissen dort und ihrer Flucht, begleitet durch Chase. Die Flucht nimmt den größten Part der Geschichte ein. Anders, als vielleicht lt. Klappentext angenommen, ist das Buch nicht sehr religiös. Vielmehr gründet sich die ganze Unterdrückung der Bevölkerung auf die Moralstatuten der Regierung. Diese beinhalten auch Religion, aber vordergründig ein "korrektes" moralisches Verhalten von jedem einzelnen Bürger.
"Artikel 5" ist eine sehr harte Jugenddystopie. Einige Szenen können erschrecken oder verstören, manche sind einfach nur gruselig. Dazu ist der Roman sehr, sehr spannend. Gerade, wenn man meint sich lesetechnisch etwas ausruhen zu können, schlittert man mit Ember und Chase in die nächste Gefahrensituation. Da der Roman komplett mitreißt, nicht nur im letzten Buchdritten, fühlt man sich am Ende auch nicht gehetzt. "Artikel 5" ist zwar der Beginn einer Trilogie, könnte aber auch als Einzelroman gelesen werden. Am Ende ist man (vorerst) mit der Situation zufrieden.

Das persönliche Fazit
Schon lange habe ich keine so atemberaubende Dystopie mehr gelesen, die mich KOMPLETT gefesselt hat, keine einzige Leselänge hatte und mich mit Ember und Chase zittern ließ. Dabei ist "Artikel 5" im Grunde eine klassische, moderne Abenteuerdystopie, geprägt durch eine lange Flucht, mit einer plausiblen und dramatisch-romantischen Lovestory, die perfekt zur Situation passt. Die Situation der Bürger auf diese furchtbaren Moralstatuten aufzubauen, fand ich sehr originell. Beide Hauptcharaktere, Ember und Chase, sind bedeutsam. Schwächen sind kaum vorhandenen, und das Buch ein echter Pageturner, der die Höchstbewertung nur haarscharf verpasst. Lesen! Jetzt! Von mir gibt es 4 moralisch korrekte Sterne.
Aufmachung: 4/5
Handlung: 5 / 5
Charaktere: 4 / 5
Lesespaß: 5 / 5
Preis/Leistung: 3,5 / 5

© Damaris Metzger, damarisliest.de



Reiheninfo Artikel 5-Trilogie:

Band 1 "Artikel 5"
Band 3 - ET 2014