Mittwoch, 20. März 2013

Review zu "Die Scanner" von Robert M. Sonntag



Fischer KJB (März 2013),
Hardcover mit SU, 190 Seiten,
12,99 € [D]


Die Welt im Jahr 2035: Gedruckte Bücher, Zeitungen, Zeitschriften gibt es nicht mehr. Für Rob kein großes Problem. Er kennt es nicht anders. Er ist in einer vernetzten Welt aufgewachsen und arbeitet für einen Megakonzern, der jedes Druckerzeugnis, das er in die Finger bekommt, digitalisiert. So wird alles Wissen für alle zugänglich. Jederzeit! Und kostenlos! Ist doch prima, oder? Aber dann gerät Rob in die Kreise einer geheimen Büchergilde. Einer verbotenen Organisation aus Pleite gegangenen Buchhändlern, arbeitslosen Autoren, Übersetzern, Journalisten und ausgemusterten Verlagsmitarbeitern. Und plötzlich sieht Rob sein Bild als Top-Terrorist in den Nachrichten auf allen TV-Kanälen. Im Kampf um Wissen, Monopolisierung und Macht ist er mit einem Mal der Staatsfeind Nummer eins. (Text-, Bild- und Zitatequelle: Fischer KJB)

Über den Autor (weil's so herrlich ist!)
Robert M. Sonntag, geboren 2010, lebte nach dem letzten der großen Kriegen in der A-Zone. Er arbeitete für den Ultranetz-Konzern. Seit 2035 liegen keine Einträge mehr über ihn vor. Sein Ultranetz-Profil ist gelöscht. Robs Buch und diese Zeilen erreichten den S. Fischer Verlag auf bisher ungeklärten Wegen.


Einen von zehn, den konnten wir mit Geld nicht locken. Der hatte entweder schon genug davon, oder er war ein Fanatiker. Ein Büchernarr. Im schlimmsten Fall sogar ein Bibliophiler. - S. 18


Meine Meinung
Dieses dünne Buch hat mich überraschend tief getroffen und mich sehr nachdenklich gestimmt. Robert M. Sonntag schreibt auf gerade mal 190 Seiten eine packende Zukunftsvision, die zwar in vielen Bereichen übertrieben wirkt, dabei aber gar nicht mal so abwegig erscheint. Gerade das macht die Geschichte so aufrüttelnd.

Das Kernthema ist einfach und im Genre der Science-Fiction, bzw. Dystopien hinreichend bekannt: Alles ist vernetzt, ein Großkonzern regiert die Bevölkerung. Analoge Medien werden abgeschafft und digitalisiert, um sie unter dem Leitspruch Wissen für alle! Jederzeit! Und kostenlos! zensiert den Menschen zugänglich zu machen oder gar komplett verschwinden zu lassen. Was sich für die Oberschicht der Bevölkerung plausibel anhört, ist nur ein Deckmantel für die totale Kontrolle.
In dieser Welt lebt Rob. Er ist einer der Scanner, die für den Großkonzern alte Bücher aufspürt, diese für das allgemeine Ultranetz scannt und dann vernichtet. Für ihn ist sein Handeln absolut normal und legitim. Seine größte Sorge ist es, seine Quote nicht zu erfüllen, somit zu wenig zu verdienen und von der A-Zone in die niedrigere B-Zone, oder sogar die verhasste C-Zone, abzurutschen. Durch eine angebliche Terrorgruppe, die Büchergilde, werden ihm nach und  nach die Augen geöffnet.

Die Geschichte ist in eine spannende Handlung verpackt, die zwar nicht immer überrascht, aber durchaus an die Seiten fesselt. Sehr gebannt verfolgt man die bildlichen, oft faszinierenden, Beschreibungen und ist viel zu schnell am Ende angelangt. Hier hat der Autor seine Kreativität gekonnt ausgespielt. Rob würde dafür ganz sicher ein Like an seine 8500 Freunde (650 davon mit Beste Freunde Premium-Status!) im Ultranetz-Profil posten und auch von mir gäbe es auf Facebook ein Gefällt mir!

In diesem Genre versuchen die meisten Autoren technische Zu-, bzw. Missstände, der handelnden Gesellschaft versteckt oder unterschwellig in ihre Story zu verpacken. So wirkt die Erzählung echt und plausibel, nicht zu übertrieben. Bei "Die Scanner" fiel mir schon nach ein paar Seiten auf, dass das Buch vor hypermoderner Technik und Möglichkeiten nur so strotzt. Alles, wirklich alles, ist technisiert und futuristisch. Das soziale Netzwerk, das alles steuert und jedwede Information liefert, die Mobrils - moderne Brillen - die alle Arten der Kommunikation übernehmen, futuristische Fortbewegungsmittel und Wohnungseinrichtungen, von denen manche Hausfrau träumt (nein, nicht wirklich). Normalerweise stört mich solch eine genannte Vertechnisierung. Hier passte es und ich war sogar etwas erschrocken, wie man viele dieser Zukunftsvisionen auf unser alltägliches Leben übernehmen könnte. Das Smartphone, unsere Sozialen Netzwerke (insbesondere Facebook), Zahlungsmöglichkeiten und Überschuldung, sowie die Einteilung der Menschen in Klassen - alles findet sein mögliches Gegenüber im Buch und ist gar nicht so weit weg oder abwegig.

Jetzt könnte man den Eindruck gewinnen, dass "Die Scanner" mit erhobenem Zeigefinger auf Missstände und deren Entwicklung in unserer Gesellschaft aufmerksam machen will. Stimmt schon, dieser Eindruck ist nicht ganz von der Hand zu weisen. ABER die Darstellung ist einfach gut getroffen und bietet reichlich Diskussionspotential (ich denke hier an Leserunden oder Schulklassen) oder, wie bei mir, eine Hinterfragung des eigenen Aktionismus in den Sozialen Netzwerken mit meinen technischen Möglichkeiten (und die sind mir jetzt schon zu viel!)

Fazit
"Die Scanner" kann ich jedem empfehlen, der eine ansprechende Geschichte, in einem gar nicht so abwegigen Zukunftsszenario, lesen möchte. Doch Vorsicht! Die Nebenwirkung könnte sein, dass man sich ernsthafte Gedanken über das eigene Verhalten macht, was technische Spielereien- und Möglichkeiten und die eigene Internetzeit-, bzw. Vernetzung, anbelangt. Und sollte man zu dem Schluss kommen, dass man mit seinen Gewohnheiten glücklich ist - auch gut! Von mir gibt es eine uneingeschränkte Empfehlung.

© Damaris Metzger, damarisliest.de