Montag, 11. Februar 2013

Rezension zu "Der Mann, der den Regen träumt" von Ali Shaw



Verlag: script5 (Januar 2013)
Originaltitel: The Man Who Rained
Übersetzer: Sandra Knuffinke & Jessika Komina
Reihe: -
Ausführung: Hardcover/SU, 332 S.
ISBN: 978-3839001462
18,95 € [D]

Genre: Urban-Fantasy

© Cover- und Zitatrechte: script 5 Verlag


Das Thema
Elsa hält es in ihrer Heimatstadt New York nicht mehr aus. Seit ihr Vater, ein Wetter- und Sturmjäger, gestorben ist, sieht sie in ihrem Leben keine Perspektive mehr. Sie möchte aussteigen. Dafür sucht sie sich das Städtchen Thunderstown, mitten im Nirgendwo, aus. Dort angekommen, wird sie nicht nur mit verschrobenen Menschen, unheimlichen Hunden und besonderen Wetterbedingungen konfrontiert, sie lernt auch Finn kennen, einen jungen Einsiedler, der alleine in den Bergen wohnt, die Thunderstown umgeben. Vorsichtig schließen die beiden Bekanntschaft. Doch Finn ist anders als andere Männer, denn Finn trägt ein Gewitter in sich ...




Die Rezension

Der Anfang: Der Regen begann mit einem einzelnen sanften tippen an ihr Schlafzimmerfenster, dann noch eins und noch eins, und schwoll schließlich zu einem stetigen Prasseln gegen die Scheibe an.

Wenn man Ali Shaws "Das Mädchen mit den gläsernen Füßen" gelesen hat, fällt er einem nach den ersten Sätzen sofort wieder auf - der ungewöhnliche, märchenhafte Schreibstil des Autors. Sollte "Der Mann, der den Regen träumt" das erste Buch sein, das man von diesem Autor liest, stellt man sofort fest, dass das Buch anders sein wird als alles, was man bis dato gelesen hat.
Einfach ist er nicht, Shaws Stil. Die Sätze sind anspruchsvoll und voller Metaphern und Bildvergleiche. Der Kopf hat so beim Lesen ständige "Übersetzungsarbeit" zu leisten, der Schreibstil geht tief und ist sehr einprägsam. Insgesamt ist die Geschichte als ruhig zu bezeichnen, obwohl es auch rasantere Parts, vor allem gegen Schluss, gibt. Shaw schreibt keine Mal-eben-nebenbei-Bücher. Man muss sich auf seine modernen Märchen einlassen, um sich voll und ganz in die Geschichte fallen zu lassen.

"Warum bist du dann hergekommen?"
Sie mochte seine Stimme. Jedes seiner Worte war wie der trockene Luftstoß, mit dem man eine Kerze ausblies. "Ich will ... Ich will einfach nur wissen, was ich da gesehen habe." - S. 90

Der Roman wird abwechselnd aus der personalen Sichtweise von Elsa und dem etwas wunderlichen Stadtförster Daniel erzählt. Doch auch hier legt sich Shaw nicht fest und wechselt schon mal in die auktoriale (allwissende) Erzählweise, wenn Elsa und Daniel aufeinander treffen.
Beide Personen lernt man im Verlauf der Handlung sehr gut kennen. Beide tragen einen tiefen Schmerz in sich und sind somit keine Charaktere mit sonnigem Gemüt, eher schwierig und etwas eigenbrötlerisch. Das Buch ist mit ca. 330 Seiten nicht lang, doch meint man am Ende, durch viele Rückblenden und Einblicke in die Gedanken von Elsa und Daniel, sie durch und durch zu kennen.
Finn, der in der Geschichte die absolute Märchenrolle inne hat, ist zwar kein direkter Hauptprotagonist, für die Handlung jedoch unentbehrlich. Auch ihn lernt man bis zum Ende sehr gut kennen. Einige Passagen berühren sehr oder Finn tut einem wirklich leid. Einen Charakter wie ihn wird man in einem Buch noch nie angetroffen haben.

Manchmal hat man den Eindruck, dass "Der Mann, der den Regen träumt" außerhalb von Zeit und Raum spielt. Einiges ist nicht vollständig erklärbar. Leser, die immer alles haarklein erklärt haben wollen, sollten ihre Erwartung in dieser Beziehung zurückschrauben und bereit sein, die Geschichte auf sich wirken zu lassen. Einige Gegebenheiten sind eindeutig unserer Zeit zuzuordnen, andere Handlungsstränge scheinen wie nicht von dieser Welt. So ist z.B. Elsas ursprünglicher Wohnort New York City sehr real, der Ort Thunderstown rein fiktiv. Man weißt nicht mal, wo er liegt, bzw. wo man diesen Ort einordnen kann. - kein Land, keine Region, keine Infrastruktur. Auf der einen Seite wirkt Thunderstown wie eine Märchenstadt, dann geht Elsa dort aber wieder einer regulären Tätigkeit in einem Büro nach. Ganz real wirkt die Stadt trotzdem nie. Aber gerade deswegen, und wegen der vielen kleinen phantastischen Elemente, die Ali Shaw in seine Geschichte webt, liest sich der Roman absolut zauberhaft. Was genau diesen Zauber ausmacht, ist fast nicht in Worte zu fassen.

Und ich frage mich, ob es das ist, was wir in Wirklichkeit sind: ein Filter für das Gute und das Schlechte, immer bemüht, beides zu unterscheiden, was wir für uns behalten und was wir weitergeben sollten. - S. 256

Ist die Handlung über den Großteil der Geschichte als ruhig zu bezeichnen, steigert sie sich im letzten Buchviertel zu einem dramatischen Schluss. Das Ende ist wieder so ein Fall zwischen Himmel und Erde, nicht so recht erklärbar. Man weiß zwar WAS geschehen ist, aber nicht genau WIE. Das macht aber überhaupt nichts, denn so schreibt Ali Shaw nun mal, genau das macht seine Bücher aus. Seltsam, märchenhaft und richtig, richtig gut!
"Der Mann, der den Regen träumt" ist ein Einzelband und komplett unabhängig von "Das Mädchen mit den gläsernen Füßen".

Das persönliche Fazit
Bei jedem Buch von Ali Shaw muss ich feststellen, dass ich solch eine Geschichte bisher noch nicht gelesen habe. "Der Mann, der den Regen träumt" gesellt sich hier zum ersten Buch des Autors. Es ist schwer zu erklären und während des Lesens durchlebt man seine ganz eigenen Stürme. Bei einzelnen Passagen wie ein laues Lüftchen, bei anderen dann aber wie ein Orkan, mit Regen, Blitz und Donner. "Der Mann, der den Regen träumt" ist wunderlich, gefühlvoll und definitiv einzigartig. Schlicht virtuos! 5 Sterne!
Handlung: 4 / 5
Charaktere: 4,5 / 5
Lesespaß: 4,5 / 5
Preis/Leistung: 5 / 5

© Damaris Metzger, damarisliest.de


Bücher von Ali Shaw (jeweils Einzelbände):


"Der Mann, der den Regen träumt" (2013)