Sonntag, 18. November 2012

Rezension zu "Rot wie das Meer" von Maggie Stiefvater



Verlag: scipt5 (November 2012)
Originaltitel: The Scorpio Races
Übersetzer: Sandra Knuffinke u. Jessika Komina
Reihe: - , ab ca. 16 J.
Ausführung: Hardcover/SU, 432 S.
ISBN: 978-3839001479
18,95 € [D]

Genre: Urban-Fantasy

© Cover- und Zitatrechte: script5 Verlag


Das Thema
Im Meer, rund um die Insel Thisby, und nur dort, leben Wasserpferde - die Capaill Uisce. Es sind keine gewöhnlichen Pferde, sondern gefährliche Raubtiere. Jedes Jahr, kurz vor November, zieht es diese Wesen aus der See an Land, wobei es viele Unfälle gibt und schon mancher Inselbewohner getötet wurde. Es sind wilde Geschöpfe, kaum zu zähmen. Trotzdem habe die Menschen auf der Insel eine besondere Beziehung zu diesen ungewöhnlichen Pferden. Manche fangen sie ein, um sie für das große Scorpio-Rennen, das jedes Jahr im November stattfindet, zu trainieren. In den Trainingswochen und dem abschließenden Rennen sind der Strand und das Meer rot vom vielen Blut.
Sean und Puck sind Inselbewohner. Während Sean bei einem reichen Gestütsbesitzer als Rennpferde- und Wasserpferdetrainer angestellt ist, hat Puck ihre Eltern an die Capaill Uisce verloren. Beide wollen in diesem Jahr am Scorpio-Rennen teilnehmen. Sean, um die Chance zu bekommen, das Capall Uisce und Rennpferd Corr zu kaufen und selbstständig zu leben. Puck, um mit dem Preisgeld für ihre Brüder zu sorgen und das Haus zu retten. Dann lernen die beiden sich kennen und die Motivation das Rennen zu gewinnen wird kompliziert ...

Die Rezension

Der Anfang: Heute ist der erste November und das bedeutet, heute wird jemand sterben.

Maggie Stiefvater hat eine grandiose Begabung. Sie schreibt Fantasybücher, bei denen man nicht das Gefühl hat eine Fantasygeschichte zu lesen. In der Urban-Fantasy ist es normal eine reale Welt als Grundschauplatz zu nehmen und dieser eine paranormale Spezies zuzuordnen, meist in Form eines übernatürlichen Jungen oder Mädchen. Maggie Stiefvater kreierte hier einen erfundenen Schauplatz, die Insel Thisby, und kombinierte diesen mit ihren eigenen Ideen der irisch-schottischen Legende der mythischen Wasserpferde. Heraus kam "Rot wie das Meer", eine sehr real anmutende Geschichte über die Gefühle und Sorgen zweier Inselbewohner und den Capaill Uisce, Wasserpferden die so gefährlich sind, dass sie genauso gut Haie sein könnten.

Sean ist jedem Inselbewohner gut bekannt. Erstens hat er das Scorpio-Rennen schon viermal gewonnen, gilt hier also als Favorit, zweitens kann er so gut mit Pferden und Wasserpferden umgehen, dass er als Pferdeflüsterer zu jedem Problem gerufen wird. Er ist ein sehr sensibler, ruhiger Typ, mit dem viele Leute nicht so recht warm werden.
Puck wirkt nach außen hin sehr frech, zynisch und hart. Diese Schutzmechanismen hat sie sich nach dem Tod ihrer Eltern zugelegt, seitdem sind sie und ihre zwei Brüder auf sich alleine gestellt. Vor Wasserpferden hat sie große Angst, da diese für den Tod ihrer Eltern verantwortlich sind.
Beiden Hauptcharakteren nimmt man ihrer Stimmungen, Ängste und Sorgen sofort ab. Der Leser wird ab Buchbeginn mitten in der Welt von Sean und Puck abgesetzt und fühlt mit ihnen, als würde er ihren kompletten Lebenslauf kennen. Beide sind nicht einfach, aber ihre Charaktereigenschaften plausibel und echt, im Gesamtbild sehr gefühlvoll. Die wechselnde Ich-Erzählform aus der Sicht von Sean und Puck halten das Interesse an beiden Personen konstant hoch.

"Und was hält dich hier?"
"Der Himmel und der Sand und die See und Corr."
- S. 228

Das Buch ist ungewöhnlich. Die Personen sind speziell und das Thema sowieso. Auch eine in die Handlung eingeflochtene, zarte Lovestory ist auf ihre Weise nicht mehr alltäglich in Büchern. Sehr beeindruckend ist auch die Umsetzung der Charaktereigenschaften der Capaill Uisce (sprich KAPpl ISCHke), die sich von normalen Pferden nur durch ihre hohe Aggressivität und minimale äußerliche Veränderungen unterscheiden. Man merkt hier, dass die Autorin etwas von Pferden allgemein versteht. Jedes Aufstampfen mit dem Huf, Zucken der Ohren oder Neigung des Kopfes sind "wie in echt". Pferdebesitzer und -freunde werden das sofort erkennen und honorieren. Im Grunde ist "Rot wie das Meer" ein Pferdebuch, das sich liest wie ein außergewöhnlicher Belletristikroman. Leser, die selbst etwas von Pferden verstehen, werden sich mit dem Roman aber besonders wohl fühlen.

Dieser Einzelband kombiniert einen rauen, wunderschönen Schauplatz mit gefühlvollen Haupt- und Nebenprotagonisten und ungewöhnlich-faszinierenden Pferdewesen. Das Ende ist hier gar nicht so vorhersehbar. Das Scorpio-Rennen ist gefährlich und Opfer sind zu erwarten. Es kann durchaus sein, dass man am Schluss einen kleinen (oder größeren) Klos im Hals hat - er passt aber ausgezeichnet!

Das persönliche Fazit
Über meine Meinung zu Maggie Stiefvaters hoher Schreibkunst und die perfekte Übersetzung müssen wir hier nicht diskutieren. Ob gefühlvolle Charakterzeichnung, eindrucksvolle Umgebungsbeschreibung oder gekonnt eingesetzte Wortwiederholungen - alles so wie ich es mag! Und auch, wenn die Geschichte sehr "anders" ist, hat sie komplett (m)einen Nerv getroffen. Angefangen bei den Wasserpferden bis hin zur ausdrucksvollen Gesamtstimmung, ich hatte oft Gänsehaut. Jeder verlangt doch immer nach ungewöhnlichen und neuartigen Büchern - mit "Rot wie das Meer" wird man genau damit bedient. 5 Sterne!
Handlung: 4,5 / 5
Charaktere: 4 / 5
Lesespaß: 5 / 5
Preis/Leistung: 5 / 5

© Damaris Metzger, damarisliest.de