Montag, 19. November 2012

High Five - 5 Sätze/5 Adjektive zu "Der Märchenerzähler" von Antonia Michaelis



Oetinger (Februar 2011),
Hardcover/SU, 448 Seiten,
16,95 € [D]


Abel Tannatek ist ein Außenseiter, ein Schulschwänzer und Drogendealer. Wider besseres Wissen verliebt Anna sich rettungslos in ihn. Denn es gibt noch einen anderen Abel: den sanften, traurigen Jungen, der für seine Schwester sorgt und der ein Märchen erzählt, das Anna tief berührt. Doch die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen. Was, wenn das Märchen gar kein Märchen ist, sondern grausame Wirklichkeit? Was, wenn Annas schlimmste Befürchtungen wahr werden? (Text- und Bildquelle: Oetinger Verlag)


Zwei Dinge in eigener Sache, weil ich bei diesem High Five wahrscheinlich nicht objektiv-neutral, sondern eher subjektiv-emotional schreiben werde:
Erstens: Das war ja so klar! Da will ich mal EIN Buch, ein einziges Buch, für mich lesen. Nur für mich. Ohne etwas darüber zu schreiben. Dann geht mir gerade dieses Buch so nah, dass das nicht geht. Jetzt, nach Beendigung habe ich das Gefühl ich brauche eine Therapie - eine Schreibtherapie.
Zweitens: Manchmal meint es das Schicksal gut mit uns und stellt uns (rein zufällig!) für ein Buch "Lesegesellschaft", in Form eine Mini-Leserunde, zur Verfügung. Asaviel und ich hatten uns entschieden "Der Märchenerzähler" gemeinsam zu lesen, einfach weil wir das Buch beide auf dem SuB hatten und weil wir schon zwei Bände der Splitterherz-Trilogie gemeinsam gelesen hatten (ein emotionales Auf und Ab). Dass uns beide "Der Märchenerzähler" dermaßen mitnimmt, konnten wir nicht ahnen, und wir waren froh, das Gelesene nicht alleine verarbeiten zu müssen. Zum Glück!


"Ich springe über tausend Schatten", sagte er. "Es ist nicht so leicht, weißt du." - S. 354


5 zusammenfassende Sätze/Punkte zum Buch

  1. Ich wusste über "Der Märchenerzähler" praktisch nichts, nur das, was im Klappentext steht und dass es "ein ganz tolles, emotionales Buch" sein soll. Orientiert man sich am Klappentext, könnte man eine Art Highschool-Lovestory, bei der ein Mädchen sich in einen Bad Boy verliebt, erwarten. Vielleicht noch mit einigen Thrillerelementen. Doch die Geschichte ist viel mehr als das. Sie geht mir immer noch nahe. Es war gut, dass ich nicht mehr darüber wusste.
  2. Die Handlung ist unterteilt in einen realen Verlauf und Märchenparts, bestehend aus einer zusammenhängenden Geschichte, die Abel seiner Schwester Micha und Freundin Anna erzählt. Der Sinn dahinter geht tief und erschließt sich einem bald. Zuerst war ich etwas irritiert, wenn wieder eine Märchenerzählung folgte (ich gebe zu, ich wäre dann lieber bei der "richtigen" Story geblieben). Mit der Zeit verfolgt man die Märchenteile aber genau so interessiert. Die Zusammenhänge zwischen Alltag und Märchen sind genial und großartig ausgearbeitet!
  3. Antonia Michaelis hat einen ganz speziellen Stil. Sie schreibt in diesem Buch sowohl im Präsens, als auch im Präteritum, meistens aus der Sicht eines personalen Erzählers, wechselt aber auch mal in die auktoriale Erzählform. Dazu verwendet sie viele kurze Sätze und hält die Kommunikation und Gedanken der Protas sehr pur, so wie sich Jugendliche im realen Leben auch unterhalten würden. Obwohl ich diesen Stil ganz großartig finde, brauchte ich etwas, bis ich mich eingelesen hatte. Ich bin anfangs oft über Sätze gestolpert oder mit den Augen zurückgesprungen, vielleicht um genau zu erfassen, was da steht. Dieser Stil gehört zum Buch wie Märchen zu den Gebrüdern Grimm (könnte man meinen). Irgendwann hat man sich daran gewöhnt und kommt nicht mehr von den Seiten los!
  4. Anna ist eher normal (mit großem Herz!) und Abel ist überhaupt nicht normal (aber ebenfalls mit großem Herz!). Er hat offensichtliche Probleme und auch solche, die man nicht auf den ersten Blick erkennt, die aber die Vorstellungskraft von vielen Lesern überschreiten werden. Asaviel und ich haben fleißig zwischen den Zeilen gelesen - und wir hatten recht, und wir waren sehr ergriffen, und teilweise echt geschockt, und auch etwas fassungslos, ... Ich dachte oft "bitte lass es nicht so sein wie ich vermute". Manche Dinge in der Geschichte möchte man nicht akzeptieren, muss aber. Abel gehört zu den Buchcharakteren, die einem immer in zwiegespaltener Erinnerung bleiben werden. Er hat nicht nur einiges zu verbergen, manche "Aktionen" von ihm gehen gar nicht! Man ist regelrecht entsetzt! Trotzdem hatte er meine volle Loyalität (oder sollte ich besser Mitgefühl sagen?)  - immer! Gerade, weil ... , ach, das muss man selbst lesen, um hinter die Fassade blicken zu können.
  5. Die Autorin beschreibt Gefühle von Personen auf eine sehr bildliche Art, benützt dazu viele Vergleiche und Metaphern. In einigen Situationen schreibt sie aber sehr hart und schonungslos - einfach sehr real. Ich erinnere mich an eine Wendung, nach der wir so geschockt waren, dass wir erst mal Redebedarf hatten. Zum Glück gibt's Telefon!
  6. Ups, waren wir schon bei 5.? Egal ...
  7. Das Grundgerüst der Handlung ist ein spannender, blutiger und sehr dramatischer (Jugend-)Thriller. Es gibt ruhige Parts, in denen man sich seine eigenen Gedanken machen kann, Teile, wo man auch mal auf die falsche Fährte gelockt wird und Stellen, die so spannend sind, dass man das Buch nicht aus der Hand legen kann. Außerdem ist diese Geschichte das beste Beispiel dafür, dass man kleine Schwäche in der Handlung GERNE verzeiht. Ich wüsste nicht, ob ich an einem entscheidenden Punkt wie Anna reagiert hätte, das ging mir etwas schnell. Auch ein Lösung gegen Ende wäre wohl in der Realität nicht so einfach gewesen. Schwamm drüber!
  8. Ich muss zugeben, dass ich am Anfang kurzzeitig die Befürchtung hatte, dass mich das Buch nicht so packt, wie von allen Seiten zugetragen. Weit gefehlt! Es bleibt in meinem Regal. "Der Märchenerzähler" ist meiner Meinung nach kein Buch für junge Jugendliche. Eine gewisse Grundreife ist Pflicht! Das Thema an sich sich ist schon schlimm genug und am Ende an Tragik nicht zu übertreffen. Mutig, dass Autorin und Verlag die gewählte "Lösung" veröffentlicht haben. Ich war nach dem Lesen fix und fertig und konnte nicht einschlafen. Das passiert mir nicht oft. Mannomann! Und bei aller Härte hatte ich sogar Verständnis für diesen Lösungsweg. Aber ich musste ganz doll schlucken und feste die Tränen wegblinzeln!

5 Adjektive, die mir spontan zum Buch einfallen

..... , ..... , ..... , ..... und  .....



Zusammengefasst von mir: (der Fazitbär hat heute Pause, weil er
zu diesem Buch nicht die passende Mimik auf Lager hat)
"Der Märchenerzähler" ist wahrlich harte Kost! Und bei mir klopfen leise die Gedanken an, ob die Geschichte, samt Schlusslösung, richtig jugendbuchgeeignet ist. Schon das Drumherum der Geschichte ist schlimm, die Hauptthematik will man nicht wahrhaben. Trotz allem ist die Geschichte einfach wunderschön und an Eindringlichkeit nicht zu übertreffen. Ich kann sie jedem empfehlen, der sie sich zutraut. Diese Buch vergisst man nie!

Und plötzlich wusste sie, was sie wollte. Ganz genau. Sie wollte zu ihm. Wenn sie heil aus diesem Schneesturm herauskäme, würde sie zu ihm gehen, fahren, sich wehen lassen, kriechen ... egal. - S. 341

© Damaris liest.