Mittwoch, 10. Oktober 2012

Rezension zu "Linna singt" von Bettina Belitz



Verlag: script5 (September 2012)
Originaltitel: -
Übersetzer: -
Reihe: -
Ausführung: Hardcover/SU, 512 S.
ISBN: 978-3839001394
18,95 € [D]

Genre: Roman

© Cover- und Zitatrechte: script5 Verlag


Das Thema
Vor 5 Jahren hat Linna die gemeinsame Band Linna singt unerwartet aufgelöst. Jetzt wird sie von ihren ehemaligen Freunden und Bandkollegen eingeladen, auf einer einsamen Berghütte zu proben. Die Band wurde für einen Gig gebucht, es ist aber Vorraussetzung, dass Linna als Frontsängerin der Band ihre Stimme gibt. Und genau da liegt das Problem. Linna hat nämlich seit 5 Jahren keinen einzigen Ton mehr gesungen.
Trotzdem fährt mit auf die Hütte und wird schon bald mit altem Schmerz, Freund- und Feindschaft konfrontiert. Alte Wunden sitzen tief, und als die Lage sich immer mehr zuspitzt wird es immer unwahrscheinlicher, dass Linna mit ihrer alten Band auch nur einen Song singt.

Die Rezension

Der Anfang: Waren die immer hier?

Bettina Belitz schreibt ein neues Buch für (junge) Erwachsene und die Erwartungen sind groß. Hatte sie doch schon mit ihrer Splitterherz-Trilogie gezeigt, dass sie ihr Autorenhandwerk meisterlich versteht. Im Gegensatz zur Trilogie ist "Linna singt" ein Einzelband und zudem noch komplett ohne Fantasykomponente. Vielmehr könnte man das Buch als spannendes Psychodrama bezeichnen in dem die Musik eine vordergründige Rolle spielt. Keine leichte Kost, aber eine, die sich zu verköstigen lohnt!

Jeder von ihnen ist stärker als ich. Zusammen sind sie eine Armee. Es gibt keine schlimmeren Feinde als jene Menschen, die einst deine Freunde waren. Ich bin mutterseelenallein. - S. 168

Schreib- und plottechnisch präsentiert sich "Linna singt" in höchstem Niveau. Nichts anderes hat man erwartet. Linna erlebt die Geschichte in der Ich-Form, Gegenwart (Präsens). Der Stil ist gut verständlich, aber anspruchsvoll. Anspruchsvoll darum, weil sich zwischen Kommunikation immer wieder längere Rückblenden und Erinnerungen von Linna drängen. So kommt es mehrfach vor, dass ein Charakter eine Frage stellt/eine Feststellung macht und die Antwortkommunikation erst nach mehreren Abschnitten oder sogar nach 1-2 Seiten erfolgt. Zudem wird im Buch überwiegend erzählt, weniger kommuniziert. Das erfordert beim Lesen eine hohe Konzentration. Die Kommunikation zwischen den einzelnen Charakteren erscheint genau wie aus dem Leben gegriffen, hat aber eine große Ausdrucksstärke.

Die Hauptperson Linna ist eine Klasse für sich. Sehr einprägsam gehört sie zu den kantigeren Buchcharakteren. Linna ist überhaupt nicht einfach, sie ist sehr intensiv – in jeder Hinsicht. Ihr seelischer Schmerz ist verständlich und der Hund liegt nicht nur in der früheren Bandgeschichte begraben. Familiäre Probleme und Stadtgerüchte haben sie seit ihrer frühen Jugend geprägt. Darum muss Linna auch kein Sympathieträger sein, um perfekt in die Geschichte zu passen. Sie ist eindeutig Mittelpunkt der Handlung. Die Story wirkt wie "um sie herumgeschrieben".
Auch keiner der anderen Bandmitglieder macht mit besonders freundlichen Wesenszügen oder einer sonnigen Ausstrahlung auf sich aufmerksam. Jeder scheint etwas zu verbergen, teilweise agieren sie richtig fies. Einige Szenen entbehren nicht einer gewissen Komik, wenn zum Beispiel ein Bandmitglied (ehemals guter Freund) einen Rotweinfleck auf dem Hemd Linnas Haftpflichtversicherung melden möchte.

Umso länger die Band in der Hütte ist, umso mehr spitzt sich die Lage zu. Schießen beim Leser anfangs nur oft die Augenbrauen in die Höhe, wird man bei einigen späteren Aktionen tief durchatmen müssen. Einige Szenen sind sehr krass und benötigen Zeit um zu sacken. Ziel fast aller Übergriffe, psychischer und auch physischer Art, ist Linna. Und obwohl sie keine einfache Person ist, fällt es einem richtig schwer, das hinzunehmen. Hier versteht man Linna manchmal auch nicht wirklich. Was ihr alles angetan wird ist kaum in Worte zu fassen. Trotzdem schweigt sie meistens, gibt die schlimmsten Taten sogar vor den anderen als ihre eigenen aus. Dabei weiß sie genau, dass ihr einer der ehemaligen Freunde Böses will. Und das könnte tatsächlich jeder sein, es gibt Parts, da zweifelt man sogar an Linnas Zurechnungsfähigkeit. Das ist sehr geschickt durchdacht, und obwohl man gegen Ende auf die Auflösung hingeführt wird, sie darum nicht ganz überraschend kommt, ist sie für die Geschichte perfekt.

"Linna singt" ist speziell, genau wie das eigentliche Ende. Hier vor allem Linnas Entscheidung, die wohl nicht viele so getroffen hätten. Im letzten Kapitel/Epilog wechselt die Erzählform vom Präsens ins Präteritum. Als würde Linna auf ihre Entscheidung zurückschauen? Warum hier die Erzählform wechselt, ist gar nicht so wichtig. Aber es hat was!




Das persönliche Fazit
Ob Linna am Ende singt oder nicht – es wird hier nicht verraten. Den Musikbonus bekommt das Buch sowieso! "Linna singt" ist ein dichter und sehr gut geschriebener Roman. Er hat ein hohes Niveau, ist spannend-eindringlich, aber nicht einfach, genau wie die Hauptprotagonistin selbst. Zum Glück sagen mir kantige Charaktere sehr zu, trotzdem prasseln beim Lesen viele Emotionen auf einen ein. Mir wurde einiges abverlangt, die Story hat mich psychisch sehr vereinnahmt. Aber hier erwartete ich keinen fluffig-leichten Lesestoff, sondern eine tiefgründige Story mit Belitz-Charakter. Et voilà - so kam es auch! 4 Sterne!


Aufmachung: 5 / 5
Handlung: 4 / 5
Charaktere: 4,5 / 5
Lesespaß: 4 / 5
Preis/Leistung: 4 / 5


© Damaris Metzger, damarisliest.de