Mittwoch, 5. September 2012

Review zu "Die 5 Leben der Daisy West" von Cat Patrick



Boje/Bastei Lübbe (August 2012),
Hardcover, 304 Seiten,
14,99 € [D]


Daisy ist fünfzehn – und schon mehr als ein Mal gestorben. Sie lebt waghalsig, denn sie weiß, dass es Revive gibt, ein Medikament, das ins Leben zurückhilft, wenn alle anderen Mittel versagt haben. Da diese Medizin hochgeheim ist, muss Daisy nach jedem Tod eine neue Identität annehmen und an einen anderen Ort ziehen. Bisher hat sie daher meist isoliert und ohne enge Freunde gelebt. Aber dann findet sie an ihrer neuen Schule nicht nur völlig unverhofft eine beste Freundin, sondern verliebt sich auch noch Hals über Kopf. Zum ersten Mal lässt Daisy sich wirklich auf das Leben ein.
Da entdeckt Daisy, dass sie Teil eines großen Experiments ist. God, der zwielichtige Leiter des Revive-Programms, hat viele Menschen auf skrupellose Weise rekrutiert und behandelt sie wie Versuchskaninchen. Daisy begehrt auf. Und setzt damit ernsthaft und unwiederbringlich ihr Leben aufs Spiel ...
(Text- und Bildquelle: Bastei Lübbe)


Meine Meinung
Na, diese Inhaltsangabe klingt mal spannend! Zuerst dachte ich hier an einen dystopischen Science-Fiction Roman, doch das täuscht. "Die 5 Leben der Daisy West" ist ein Jugendthriller, der mit einem Sci-Fi Element daherkommt, das es natürlich so nicht gibt; das Wiederbelebungsmedikament Revive. Dieses holt Kinder und Jugendliche die sterben wieder ins Leben zurück. Eine verlockende und gleichzeitig sehr gruselige Vorstellung. Daisy ist Teil eines Forschungsprogramms, in dem das Medikament an ihr und ein paar anderen Jugendlichen getestet wird. Alles ist streng geheim und Daisy führt somit ein sehr isoliertes Leben mit Agenten, die sich als ihre Eltern ausgeben.

Die Geschichte legt auch sehr atmosphärisch los, nämlich mit Daisys 4. Tod. Ihre Gedanken und Gefühle in diesen letzten Minuten haben eine krasse Wirkung auf den Leser. Es ist beklemmend, aber auch sehr packend. Ich hatte sofort angebissen.
Es gelingt auch, Daisy mittels Revive wieder ins Leben zurückzuholen, aber das Forscherteam legt ihr eindeutig klar, dass es knapp war und sie nicht garantieren können, ob Revive noch ein 5. Mal wirkt. In den folgenden Kapiteln wird Daisys Situation gut beschrieben. Man bekommt Hinweise, wie sie Teil des Revive-Programms wurde, wie ihr Leben seitdem aussieht und dass sie außer ihren Alibi-Eltern keine richtigen Bezugspersonen hat. Daisy muss nach der letzten Wiederbelebung also wieder umziehen. Sie kommt an eine neue Highschool und trifft dort auf einen Jungen (denn eine Lovestory in Jugendromanen ist wahrscheinlich, trotz viel vorhandenem Thrillerpotenzial, ein absolutes Muss). Dieses Aufeinandertreffen gestaltet sich dann so:

Und erst in dem Moment fällt mir auf, was mir vorher total entgangen war, nämlich dass er unglaublich megascharf ist.
Lässig streicht er sich mit dem Daumen eine Strähne aus dem Gesicht. Hinter den Ohren stehen seine Haare auf diese absolut unwiderstehliche Art und Weise wild hervor, dass man nicht weiß, ob er zum Friseur müsste oder gerade dort war. Er hat dunkle Brauen - so wie sexy Bösewichte in Filmen - und mandelförmige braune Augen [...] und lächelt mich mit einem Lächeln an, das fast ... vertraut wirkt. Als er sich schließlich dem Lehrer zuwendet, fühle ich mich, wie gerade von Wolke Sieben gestürzt. S. 39

Oh nein! Nein! Und noch mal nein! Nicht diese Schiene, bitte nicht! Ich gebe es zu, Geschichten, in denen die Begegnung zwischen Hauptprotagonistin und dem männlichen Prachtexemplar wie im Zitat ablaufen, haben es bei mir sehr, sehr schwer. Hinüber ist der tolle Einstieg, und ich bin sofort genervt. Es ist doch immer dasselbe: Megascharfer Typ mit Modelattributen, gewisser Coolness und den allgegenwärtigen Strubbelhaaren. Wenn dies wirklich das ist, was Mädchen heute lesen wollen, was die Geschichte interessant machen soll, dann fällt mir dazu nichts mehr ein. Langsam wird es langweilig!
Damit nicht genug, die Schwärmerei von Ich-Erzählerin Daisy nimmt danach auch nicht ab. Natürlich ist der heiße Matt der Bruder von Daisys neuer Freundin. Sie laufen sich also ständig über den Weg. Im Folgenden wird jede Gestik, jeder Blick sogar das "lässige im Türrahmen lehnen" von Daisy analysiert und beschwärmt. Sogar wie das "Lewis-Model" eine Uhr an seinem, ach so hübschen, Handgelenk trägt, wird thematisiert. Also echt!

Daisy und Matt werden ein Paar, eine große Sympathie für die Beziehung konnte ich aber die ganze Zeit über nicht aufbringen. Sie war mir mehr oder wenig egal.
Überraschender Weise bringt die Autorin eine emotionale Wendung in die Geschichte, die einem dann wirklich auch zu Herzen geht. Hier hatte ich erst etwas Anderes erwartet, war dann tatsächlich auch richtig überrascht und gerührt. Cat Patricks Schreibstil ist hier sehr ergreifend.
Leider entpuppt sich ab hier das Verhalten von Model-Matt zu einer Farce. So verständlich seine Situation auch ist, diesen Hin und Her-Egotrip muss ich nicht verstehen. Und Daisys Verhalten und ihre unlogischen Entscheidungen noch viel weniger.

Wenn dann der große Bösewicht ins Spiel kommt, schwingt das kurzeitige Hoch wieder in ein ausgeprägtes Tief um. Die Namensgebung des Bösewichts (und die des Mittäters) empfand ich als überzogen lächerlich. Daisys sonnenklare Verschwörungstheorie, in Bezug auf das ganze Review-Projekt, klafft voller schwarzer Logiklöcher, wird dann aber so zu Ende gebracht, dass die Theorie richtig ist. Was der Zweck des Ganzen war, warum sich der Bösewicht so darstellt, wie er ist - ich weiß es nicht! Wahrscheinlich wollte er einfach Gott spielen *zwinker*.
Das abgeschlossene Friede-Freue-Eierkuchen-Ende reißt es dann auch nicht mehr heraus. Es ist dann alles gut - mit Abstrichen, traurigen Erinnerungen und hoffnungsvollem Blick in die Zukunft. Na, dann ...

Fazit
"Die 5 Leben der Daisy West" haben sich schnell schmökern lassen. Zufrieden war ich nicht. Die Lovestory nervt, die Charaktere handeln oft wenig vorausschauend, die Thrillerhandlung ist unlogisch aufgebaut, und auch die abschließenden Hintergrundinformationen zum Bösewicht sind viel zu mager. Gute Ansätze brachte der emotionale Teil und auch die Hauptthematik des Revive-Medikaments ist kreativ und spannend. Leider verloren sich die positiven Ansätze im Laufe der Handlung mehr und mehr. Eine Lesedrama war es zwar nicht, in Erinnerung bleibt mit das Buch aber auch nicht. Schade.

© Damaris Metzger, damarisliest.de