Donnerstag, 31. Mai 2012

Rezension zu "In der Wälder tiefer Nacht" von Kersten Hamilton



Verlag: cbj (Mai 2012)
Originaltitel: The Goblin Wars: Tyger Tyger
Übersetzer: Elsbeth Ranke
Reihe: Band 1, ab ca. 12-15 J.
Ausführung: Taschenbuch, 384 S.
ISBN: 978-3570401217
7,99 € [D]

Genre: Urban-Fantasy


Inhalt/Verlagsinfo
Das Leben der 16-jährigen Teagan wird auf den Kopf gestellt, als eines Tages die Fürsorge mit dem geheimnisvollen, gut aussehenden Finn vor der Haustür steht – ihrem 17-jährigen Cousin, den sie nie zuvor gesehen hat. Auf einmal sieht Teagan unheimliche, katzenartige Wesen und all die Geschichten ihrer Mutter scheinen Wirklichkeit zu werden. Als Teagans Vater von Goblins entführt wird, muss Teagan herausfinden, was es mit Finn auf sich hat. Und so entdeckt sie nicht nur eine Welt voller bedrohlicher magischer Gestalten, sondern auch das Geheimnis ihrer wahren Herkunft. Und sie muss entscheiden, auf wessen Seite sie steht … (Text- und Bildquelle: cbj Verlag)

Über die Autorin
Kersten Hamilton ist Autorin mehrerer Bilderbücher und Kinderbücher. Bevor sie mit dem Schreiben begann, arbeitete sie als Holzfällerin, als Farmhelferin, als Cowboy, als Steuereintreiberin und als archäologische Sachverständige. Wenn sie nicht gerade an einem Buch schreibt, ist sie den Dinosauriern in New Mexico auf den Spuren. "In der Wälder tiefer Nacht" ist ihr erster Jugendroman. Mehr über die Autorin unter www.kerstenhamilton.com.

Rezension

Der erste Satz: Bitte.

Teagan hat für ihr Leben einen Plan. Sie möchte ein Stipendium an einer der besten tierärztlichen Fakultäten. Darum jobbt sie in ihrer Freizeit auch im Zoo um sich bestmöglich auf ihr Studium vorzubereiten. Sie hat eine tolle, etwas sonderbare Familie und eine sehr verrückte, aber liebenswerte beste Freundin. Als Teagans Eltern den entfernten Cousin Finn bei sich aufnehmen, ändert sich ihr Leben Komplett. Finn ist der Nachfahre einer irischen Sage. Böse Goblins existieren wirklich, und als Teagans Vater von eben diesen entführt wird, setzten Teagan und Finn alles daran, ihn wieder zurückzuholen.

"Ich bitte nicht um einen Weg ohne Mühsal und Leid. [...] Ich bitte vielmehr um einen Freund, der jeden Weg mit mir geht.
Ich bitte nicht um ein Leben ohne Schmerz. Ich bitte vielmehr um Tapferkeit, selbst wenn die Hoffnung nichts ist als ein schwacher Schein. [...]" S. 44

"In der Wälder tiefer Nacht" ist ein Buch, das einen gleichermaßen verwirrt und sofort in seinen Bann zieht. Die Geschichte spielt zwar im heutigen Chicago, teilweise fällt es jedoch tatsächlich schwer, dem Geschehen die aktuelle Zeit zuzuordnen. Das Lesegefühl könnte man nach den ersten Kapiteln schon als märchenhaft beschreiben. Teagan hat irische Wurzeln. Erklärt wird das dem Leser aber nicht. Erst im Lauf der Geschichte werden Verwandschaftsverhältnisse und Abstammung aufgeklärt, bzw. fließen beiläufig in die Handlung mit ein. Stattdessen wird man schon von Anfang an mit Begriffen wie irische "Traveller"-Familie oder "Wurzler" konfrontiert und muss diese ohne direkte Erklärung hinnehmen. Man kann sich zwar eigene Schlussfolgerungen ableiten (Traveller = Umherreisende, Wurzler = Sesshafte), was auch in etwa stimmt. Die genauere Bedeutung erfährt man aber erst im Handlungsverlauf.

Ein personaler Erzähler schildert die Geschichte komplett aus Teagans Sicht. Die Kommunikation im Buch ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig. Sie unterstreicht aber den besonderen Charakter der Geschichte. Die im Klappentext angedeutete Liebesgeschichte zwischen Finn und Teagan ist so gut wie nicht existent. Es gibt eine Annäherung, aber nur mit Worten und Taten aus ehrlicher Liebe, keine kitschige Lovestory mit schwülstigen Liebesbeteuerungen. Romantik ist nur unterbewusst enthalten. Das ist hier sehr positiv! Den Leser erwartet vielmehr eine spannende und intelligente Abenteuergeschichte, die auf mehreren irischen Sagen aufgebaut ist.
Teagan hält bedingungslos zu ihrer Familie und setzt sich für sie ein. Sie ist ein Mädchen, das sich ihren zukünftigen Weg schon geebnet hat, durch die neue, sagenhafte Welt, mit der sie nun konfrontiert ist, aber auch an ihre Grenzen stößt. Dadurch ist sie sehr glaubhaft.
Finn kann man zu keiner Zeit richtig gut einschätzen. Er ist wild und distanziert, hat aber das Herz am richtigen Fleck. Er verfehlt seine Wirkung beim Leser nicht. Und dass, obwohl er wenig Worte macht. Finn lässt eher Taten sprechen.
Die dritte Hauptperson ist Teagans 5-jähriger Bruder Aiden. Er ist kindlich selbstlos und dabei ein so starker Knips, dass ohne seinen Charakter dem Buch etwas fehlen würde.

Erzählungen, die auf Märchen oder Sagen aufgebaut sind, liest man immer häufiger. Oft sind sie sogar recht einfach, da die grundlegende Handlung mehr oder weniger gut bekannt ist. Auch hier unterscheidet sich "In der Wälder tiefer Nacht". Die irische Sage, die in die Geschichte mit einfließt ist sehr komplex und gar nicht einfach zu verstehen. Man sollte schon einiges an Konzentration aufbieten um am Ball zu bleiben. Es gibt zwar einen Oberbösewicht und auch bekannte Personen, wie Königin Mab aus dem Feenreich, die Sage selbst ist aber sehr verschachtelt und wird ständig erweitert. Dafür ist die Handlung im Buch nicht schwer, teils sogar fast kindlich. Die Kombination aus beidem ergibt eine ganz zauberhafte Geschichte.

"In der Wälder tiefer Nacht" ist nicht oberflächlich, sondern sehr spannend und aufregend. Einige Szenen sind schaurig oder blutig und es gibt Leid im Buch, dass sehr zu Herzen geht. Ein ganz andersartiges und besonderes Buch.
Das Abenteuer dieser Geschichte ist abgeschlossen. Der Leser erwartet aber nach dem Ende sofort einen zweiten Band. Auf Englisch ist dieser bereits erschienen ("In the Forests of the Night" ist tatsächlich der zweite englische Teil, der gleich übersetzte deutsche Titel von "Tyger Tyger" ist hier Band 1). Wann und ob die Geschichte auf Deutsch fortgesetzt wird, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt.



The Goblin Wars (engl.) - Band 1 "Tyger Tyger", Band 2 "In the Forests of the Night"


Persönliches Fazit
"In der Wälder tiefer Nacht" ist so besonders wie sein Titel. Ich war anfangs leicht verwirrt und fühlte mich tatsächlich, als würde ich im dunklen Wald stehen. Gleichzeitig war ich aber sofort fasziniert. Das passiert mir bei Büchern selten. Da die recht einfache Handlung sehr gut mit der komplexen irischen Sagenwelt harmoniert, ist die Geschichte gut nachzuvollziehen. Es wird spannend, tragisch und liebevoll - ohne den Fokus auf eine Teenielovestory zu richten. Das hat mir besonders gut gefallen. Ich war mal wieder überrascht, was in einem einfachen, kleinen Taschenbuch stecken kann. 4 Sterne!
Handlung: 4 / 5
Charaktere: 3,5 / 5
Lesespaß: 4 / 5
Preis/Leistung: 4,5 / 5

© Damaris Metzger, damarisliest.de