Freitag, 17. Februar 2012

Rezension zu "Kyria & Reb: Bis ans Ende der Welt" von Andrea Schacht



Verlag: Egmont INK (Februar 2012)
Originaltitel: -
Übersetzer: -
Reihe: 1/2, ab ca. 12-15 Jahren
Ausführung: Hardcover/SU, 381 S.
ISBN: 978-3863960162
17,99 € [D]

Genre: Dystopie


Inhalt/Verlagsinfo
Das Vereinigte Europa im Jahr 2125 ist eine Welt der kompletten Überwachung. Alles geschieht nur zum Besten der Bürger, sagt Kyrias Mutter, eine hochrangige Politikerin des perfekt gesteuerten Systems "New Europe". Doch die 17-jährige Kyria möchte endlich erfahren, wie es ist, sich frei zu fühlen. Als sie in Reb, einem jungen Rebellen aus dem Untergrund, einen Verbündeten findet, fliehen die beiden auf abenteuerliche Weise aus New Europe und gelangen in ein fernes Reservat. Dort haben sich die Menschen ein bäuerliches Leben wie in längst vergangenen Zeiten bewahrt. Aber schon bald sind die Verfolger Kyria und Reb auf der Spur. Und das ist nicht die einzige Gefahr, denn alle, die sich der Macht von New Europe entziehen, werden von künstlich ausgelösten Seuchen bedroht. Auch Kyria gerät in den Verdacht, die friedliebenden Menschen des Reservats mit einer Masernepidemie vernichten zu wollen. Zum Glück hat sie Freunde an ihrer Seite – und einen jungen Rebellen, der ihr Herz berührt … (Text- und Bildquelle: Egmont INK)

Über die Autorin
Andrea Schacht war lange Jahre als Wirtschaftsingenieurin und Unternehmensberaterin tätig, hat dann jedoch ihren seit Jugendtagen gehegten Traum verwirklicht, Schriftstellerin zu werden. Ihre historischen Romane um die scharfzüngige Kölner Begine Almut Bossart gewannen auf Anhieb die Herzen von Lesern und Buchhändlern. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Katzen in der Nähe von Bonn. "Kyria & Reb: Bis ans Ende der Welt" ist ihre erste Jugenddystopie.

Rezension

Der erste Satz: Über den großen Wandbildschirm liefen im Halbdunkel schreiende Menschen.

Mit Sorge beobachtet Kyria die gewalttätigen Ereignisse in den Medien. Sie macht sich viele Gedanken um ihr behütetes Leben und hinterfragt Dinge kritisch. Die 18-jährige lebt in La Capitale, der Hauptstadt von New Europe, kurz NuYu. Im ehemalige Frankfurt am Main leben, neben den angesehenen Bürgern der Ober- und Mittelschicht, auch so genannte Subculturas. Diese Menschen haben keine überwachte Identität und gruppieren sich im Untergrund. Allerdings kommt es zwischen den Bürgern von NuYu und den Subcults immer häufiger zu Ausschreitungen.
Kyria gehört zur Oberschicht, ihre Mutter ist eine angesehene Politikerin. Kyria wird schon seit Kindesalter besonders streng überwacht, da sie einen Gendefekt hat und die Ärzte glauben, dass die Krankheit jederzeit ausbrechen kann. Als Kyria wegen ein paar Hornissenstichen einmal wieder ins Heilungszentrum gebracht wird, lernt sie dort den jungen Rebellen Reb kennen. Nach einem Zwischenfall im Heilungszentrum flieht Kyria mit Reb in die Subcults. Von dort möchte sie zu ihrer Freundin aufbrechen, die außerhalb von NuYu in einem eigenständigen Reservat lebt. Die Flucht ist für Kyria ein Wagnis und anfangs hinterfragt sie oft ihre Entscheidung, wäre da nicht Reb, der sie begleitet und ihr Halt gibt, auch wenn sie ihn kaum kennt.

... warum saß ich eigentlich hier in dieser Welt aus Trümmern und Dreck? Zwischen unzivilisierten Männern, denen es nichts ausmachte, Gewalt anzuwenden? Was hatte mich nur auf die irrwitzige Idee gebracht, das Heilungshaus - nein, meine ganze vertraute Welt - zu verlassen? - S.78

Eine deutsche Dystopie ist immer spannend, vor allem, weil es davon im Jugendbuchgenre noch nicht allzu viele gibt. Dazu ist der Schauplatz der Geschichte auch noch die Welt, wie wir sie kennen und keine ausgelöschte oder wüst veränderte Welt. Es gibt zwei gegensätzliche Länderschemen in Frau Schachts Geschichte. Einmal das Neue Europa, NuYu, bestehend aus Ländern, die sich nach einer großen Pandemie zusammengeschlossen haben, und den Reservaten. Das sind die an NuYu angrenzenden Länder, die weiterhin eigenständig leben wollen und dem Fortschritt, sowie der Überwachung NuYus aus dem Weg gehen. Das Leben in den Reservaten könnte man ähnlich, nur etwas rückständig, der heutigen Zeit beschreiben. NuYu wirkt sauberer, geordneter und futuristischer.

Auffällig anders sind die verwendeten Namen und die besondere Sprache im Roman. Schon der Begriff NuYu ist ungewöhnlich und gewagt. Und auch einige Namens- und Personenbezeichnungen wirken etwas komisch, wie eine Mischung aus Deutsch, Englisch und den romanischen Sprachen, wie Spanisch und Italienisch. Nach einer Einlesephase ist es aber gerade diese Mischung, die den Roman authentisch erscheinen lässt, da NuYu ein Zusammenschluss der verschiedenen Länder ist und dort eine Einheitssprache aus diesen Ländern verwendet wird.
Wahrhaftig ungewöhnlich ist auch die Sprache. Einige Sätze sind sehr kurz und erscheinen nicht vollständig. Am deutlichsten wird diese Eigenheit bei der Kommunikation zwischen Kyria und Reb. Diese wirkt oft ruppig und abgehackt. Sobald man die zwei Hauptcharaktere aber etwas näher kennt passt gerade diese Art der Kommunikation wie die Faust aufs Auge. Wirklich besonders!

Die "Elitezicke" Kyria und der "Rebellenlümmel" Reb sind beide keine Charmebolzen. Das lassen sie einander bei immerwährenden Streitereien auch andauernd spüren. Einige ihrer Sprüche werden im Verlauf der Geschichte zu Running Gags, richtigen Insiderwitzen. Man liest oft schmunzelnd oder muss laut lachen.
Ich-Erzählerin Kyria wirkt zwar behütet und verwöhnt, ist aber gleichzeitig auch sehr mutig. Vor allem ist sie nicht auf den Mund gefallen und sehr schlagfertig. Sie hat ein großes, mitfühlendes Herz, das macht sie sehr sympathisch.
Dagegen ist Reb ein typischer Einzelgänger. Ruhig und etwas verschlossen, aber auch sehr hilfsbereit und verschmitzt frech. Reb wirkt unterschwellig verletzlich. Diese Eindrücke bestätigen sich während der Geschichte, wenn man erfährt, dass gerade Reb in seiner Kindheit sehr verletzt wurde. Es ist erstaunlich, dass Frau Schacht mit Reb einen authentischen Charakter geschaffen hat, der mit wenigen Worten zu überzeugen weiß. Er macht einen Großteil der Geschichte aus, und wenn er dieser mal für einige Zeit fernbleibt, fehlt etwas und die Handlung wirkt langwieriger.
Schon vom Titel des Buches her schließt man auf eine Liebesgeschichte. Das ist auch folgerichtig. Diese hält sich aber weit im Hintergrund. Man spürt, dass zwischen den Hauptprotagonisten eine besondere Anziehung besteht, mehr entwickelt sich aber bis zum Schluss nicht. Romantikfans müssen wissen, dass "Kyria & Reb: Bis ans Ende der Welt" hier wirklich ein Einführungsband ist, der Beginn einer sich entwickelnden Beziehung.

Neben den authentischen Charakteren ist vor allem der vorhandene Witz ein großer Pluspunkt im Roman. Einerseits sind die Sticheleien zwischen Kyria und Reb einfach lustig, andererseits gibt es in der Geschichte einige passende Ausdrucksweisen, die sehr amüsant sind. Da wird ein Fluch von Computer-Nerds schon mal zu "Heiliger Steve Jobs" (wie passend) oder Eigenheiten der Charaktere werden als Decknamen für die Flucht benutzt (ich lache beim Schreiben!).
Die Geschichte selbst wirkt komplex und gut durchdacht. Sie ist unterteilt in Kyrias und Rebs Flucht und einem Aufenthalt bei Kyrias Freundin im entfernten Reservat. Einige Aktionen gelingen etwas einfach, ohne besondere Zwischenfälle. Das ist aber nicht schlimm, man muss ja auch nicht immer aller verkomplizieren. So bleibt der Geschichte, trotz Komplexibiliät, eine gewisse Einfachheit erhalten. Im Hinblick auf die Entwicklung der Geschichte ist das auch notwendig.

Gegen Ende zieht die Handlung an Spannung und Dramatik nochmals an, ist aber auch leider (zu) schnell vorbei. Und doch hat die Geschichte auf den letzten Seiten einige Besonderheiten, die die Wertung um einen ganzen Punkt anheben. Frau Schacht, hier waren Sie mutig und haben der Romantik im Buch einen Inhalt verliehen, den man in Jugendbüchern nicht direkt erwartet. Nach dem durchweg zarten Romantikanteil der vorangegangenen Handlung sehr süß, sehr prickelnd und sehr... hm, natürlich! Unerwartet, aber wunderbar! Danach mag man sich von Kyria und Reb kaum verabschieden. Das Buch endet nicht direkt mit einem Cliffhanger, kündigt aber einen neuen Abschnitt im Folgeband an. Einige Schlussfolgerungen, gewissen Personen betreffend, sind noch nicht zu Ende gebracht und bieten viel Substanz für Folgebände. Man möchte sofort weiterlesen.

Persönliches Fazit
Bei "Kyria & Reb: Bis ans Ende der Welt" brauchte ich eine kleine Einlesezeit, was Sprache und Namensgebung betrifft. Hat man sich daran gewöhnt, passen gerade diese Punkte perfekt. Ich hätte es nicht anders wollen! Kyria mochte ich sehr, und was Reb betrifft bin ich noch immer überrascht, wie stark man an einem Buchcharakter hängt, der nicht viele Worte macht. Besonders gefiel mir die Einfachheit der Geschichte, in der man nicht von Schwierigkeiten erschlagen wird oder nicht ständig um die Ecke denken muss. Außerdem war das Buch höchst amüsant. Hier hat die Autorin alles richtig gemacht. Wenn ich ans Ende denke schleicht sich immer noch ein wohlig süßes Lächeln auf mein Gesicht. Eine wunderbare deutsche Dystopie. Bitte schnell mehr davon! 5 unerwartete Sterne.
Handlung: 4,5 / 5
Charaktere: 4,5 / 5
Lesespaß: 5 / 5
Preis/Leistung: 4,5 / 5

© Damaris Metzger, damarisliest.de



Die Kyria & Reb-Dilogie:

Teil 1: "Bis ans Ende der Welt"