Mittwoch, 7. Dezember 2011

Rezension zu "Dustlands: Die Entführung" von Moira Young



Verlag: FJB (Dezember 2011)
Originaltitel: Blood Red Road
Übersetzer: Alice Jakubeit
Reihe: Band 1/3, ab ca. 14-15 J.
Ausführung: Hardcover/SU, 450 S.
ISBN: 978-3841421425
16,99 € [D]

Genre: Endzeit-Fantasy


Inhalt
Durch die Wüste und über die Berge: In einer Welt nach unserer Zeit kämpft eine junge Frau um die Befreiung ihres Zwillingsbruders – und für die Freiheit eines ganzen Landes.
Der erste Band eines epischen Fantasy-Abenteuers, eine Geschichte, die das Herz schneller schlagen lässt.

Die 18-jährige Saba lebt sehr abgeschieden mit ihrem Vater, ihrem Zwillingsbruder Lugh und ihrer kleinen Schwester Emmi in einer extrem kargen Einöde am Silverlake – bis eines Tages vier bewaffnete Reiter auftauchen, um den Bruder zu entführen. Saba schwört, Lugh zu finden und zu befreien. Dazu muss sie ihr Zuhause verlassen, eine Wüste durchqueren und viele Gefahren überstehen. Sie wird gefangen genommen und verwundet. Auf ihrem abenteuerlichen Weg lernt sie die Welt jenseits des Silverlake kennen: Ein wüstes Land, in dem es keine Zivilisation mehr gibt, keine Bücher mehr, keine normalen Verkehrsmittel. Es wird von einem verrückten König und seinen Soldaten beherrscht, die die Bevölkerung mit einer Droge in Schach halten. In Hopetown muss Saba in der Arena kämpfen, aber sie trifft dort auch auf einen Mann, der sie liebt, und eine Truppe von Rebellinnen, die sie unterstützen. Doch kann sie ihnen wirklich trauen? (Bild- und Textquelle: FJB)

Über die Autorin
Moira Young, geboren und aufgewachsen in British Columbia, im Westen Kanadas, hatte als Schauspielerin  und Opernsängerin viele Engagements in Kanada und Europa, bevor sie sich dem Schreiben widmete. Heute lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Bath, England. "Dustlands: Die Entführung" ist ihr erster Roman.

Rezension

Der erste Satz: Lugh ist zuerst geboren.

Die Inhaltsbeschreibung reicht als grobe Handlungsübersicht vollkommen aus. Jedes weitere Wort wäre zu viel. Das Buch beginnt mit drei kurzen Textpassagen, die dem Leser die besondere Beziehung zwischen Hauptprotagonistin Saba und ihrem Zwillingsbruder Lugh näher bringen sollen. Diese drei kurzen Seiten sind der Schlüssel. Der Schlüssel zu Sabas Gefühlen und der Grund, warum sie die folgenden Strapazen auf sich nimmt, um ihren entführten Bruder zu finden. Wunderbar! So sollte eine spannende Geschichte beginnen. Schon hier am Anfang geht einem der Text unter die Haut. Man möchte sofort mehr.

Doch dann ... Die einzelnen Kapitel sind nochmals in sehr kurze Abschnitte unterteilt, so dass man das Gefühl hat, kurze Kapitel zu lesen. Man fängt also an. Liest den ersten, den zweiten und vielleicht auch den dritten Abschnitt. Runzelt die Stirn. Liest weiter. Warum liest sich das denn so komisch? Warum sind die meisten Verben der Endung "e" beraubt (schmeck statt schmecke, stöhn statt stöhne, fluch statt fluche...)? Und das fast konsequent durch den ganzen Text. Und wo sind überhaupt die Dialoge? Man fängt an vorzublättern und runzelt noch mehr die Stirn. Auf den ganzen 450 Seiten findet man keine einzige wörtliche Rede mit Anführungszeichen! Es gibt Dialoge, diese sind aber in den Erzählstil von Ich-Erzählerin Saba miteingebunden. Das heißt, das Mädel erzählt die Dialoge mit anderen Personen. Erzählung und Dialoge sind gemischt und optisch erstmal nicht voneinander zu unterscheiden:

Ich will helfen, sagt sie.
Dann halt die Leiter fest, sag ich.
Nein! Ich will richtig helfen! Du lässt mich immer nur die Leiter festhalten!
Tja, sag ich, vielleicht bist du ja zu nichts anderem zu gebrauchen. Hast du da schon mal dran gedacht?
Sie verschränkt die Arme vor der mageren kleinen Brust und guckt mich böse an. Du bist gemein, sagt sie.
Hast du schon mal gesagt, sag ich. - S. 18

Uff! Jetzt kommt die Frage auf, ob man sich daran gewöhnen mag. Erzählte Dialoge und Verben, die umgangssprachlich und nicht sehr helle klingen, mit viel "ich sage", "sie sagt", "er sagt"? - Soviel sei gesagt, es bleibt schwierig. Nach 50-100 Seiten könnte man immer noch Mühe damit haben. Die Erklärung der Autorin selbst findet sich im hinteren Klappentext: Die Erzählerin sei ein einfaches Mädchen, dass wenig spricht und nicht lesen und schreiben kann. Sie erzählt ihre Geschichte direkt und einfach. Die Autorin hofft, dass die Geschichte so die raue Stimmung wiedergibt und zu den Figuren passt.
Hätte man das gleich am Anfang gewusst, hätte man sich eventuell mit dem Einstieg leichter getan. Irgendwann wird es besser - viel besser. Die kurzen und prägnanten Sätze sind so ausdrucksstark, dass sie die Sprache mit der Zeit aufwiegen und tief in unser Gefühl eindringen. Es dauert, aber man wird belohnt!

Saba ist eine eindrucksvolle Persönlichkeit. Sie ist mutig und stark und eine echte Kratzbürste. Manche Szenen, vor allem in der zweiten Buchhälfte, als sie Jack kennenlernt, sind so lustig, dass man bis über beide Ohren grinsen muss. Saba macht im Laufe der Geschichte eine sichtbare Wandlung durch. Das wird vor allem in der Beziehung zu den Personen deutlich, die mit ihr zusammen ihren Bruder suchen. Besonders berührt Sabas Gesinnung gegenüber ihrer kleinen Schwester, anfangs und gegen Ende. Manche Passagen gehen wirklich ans Herz:

Mein Verstand flüstert. Mein Herz flüstert. Meine Knochen flüstern.
Lass sie zurück ... lass sie einfach zurück ... geh weg und lass sie zurück. Soll sie doch ... sterben? Tu's einfach ... sie ist unwichtig ... wichtig ist nur Lugh ... also geh zurück zum Steinhaufen ... überquer das Sandmeer ... da sind sie lang ... in ein paar Stunden könntest du da sein, wenn du schnell gehst ...
Ich wünscht, sie würd heulen. Dann könnt ich sie anbrüllen. Dann könnt ich sie hassen.  - S. 58/59

Rückblickend ist die Geschichte perfekt! Sie ist spannend, sie ist gefühlvoll, sehr ausdrucksstark und sogar humorvoll. Alle Protagonisten sind so gut dargestellt, dass man sich komplett in jeden von ihnen hineinversetzten kann. Sympathie, Antipathie oder auch Hassgefühle, stellen sich bei den diversen Charakteren fast augenblicklich ein. Sehr positiv ist, dass sie Handlung relativ schnell voranschreitet, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Dadurch gibt es keine Leselängen und "Dustlands: Die Entführung" profitiert von der idealen Ausgewogenheit zwischen Spannung, Action und Gefühl. Sogar Romantikfans dürften auf ihre Kosten kommen. Die Beziehung zwischen Saba und Jack baut sich langsam und vor allem lustig auf, ist komplett frei von Kitsch und gefällt auf ganzer Linie.

Das Ende ist spannend, wirkt aber, im Gegensatz zu vielen anderen Geschichten, nicht gehetzt, sondern sehr gut durchdacht. Einen direkten Cliffhanger gibt es nicht. Die Handlung an sich ist abgeschlossen, könnte am Schluss aber mit "und sie reiten neuen Abenteuern entgegen" umschrieben werden. Die Reihe wird 2014 fortgesetzt.

Persönliches Fazit
"Dustlands: Die Entführung" hat bei mir wirklich viel Staub aufgewirbelt. Anfangs, wegen der angestaubten Sprache eher negativ, nach Gewöhnung und gedanklichem Staubwedeln war ich von der Geschichte nur noch fasziniert. Handlung, Plot und Charaktere (allen voran Saba und Jack) haben mich voll überzeugt, und es ist das erste Mal, dass ich bei der Bewertung komplett von einer gedachten Tendenz abweiche. "Ich kann so kein komplettes Buch lesen" und "Das gibt mindestens 2 Sterne Sprachabzug" lasse ich vollständig hinten runterfallen. Ich will mehr ... von diesem staubigen Land und vergebe volle 5 entstaubte Sterne!

Handlung: 5 / 5
Charaktere: 4,5 / 5
Lesespaß: 4,5 / 5
Preis/Leistung: 4,5 / 5

© Damaris Metzger, damarisliest.de


 

Reiheninfo Dustlands-Trilogie:

Band 1 - "Die Entführung"
Band 2 - "Der Herzstein"
Band 3 - "Der Blutmond"