Donnerstag, 29. Dezember 2011

Rezension zu "Ashes: Brennendes Herz" von Ilsa J. Bick



Verlag: INK (August 2011)
Originaltitel: Ashes
Übersetzer: Kollektiv Druck-Reif
Reihe: Band 1/4, ab ca. 14-17 J.
Ausführung: Hardcover/SU, 502 S.
ISBN: 978-3863960056
19,99 € [D]

Genre: Endzeitroman


Klappentext
Die siebzehnjährige Alex befindet sich auf einer Wanderung in den Bergen, als plötzlich die Natur um sie herum verrücktspielt und eine Druckwelle sie zu Boden wirft. Was war das? Alex hat keine Ahnung, aber sehr schnell wird klar, dass die Welt, die sie kannte, nicht mehr existiert. Die meisten Städte sind zerstört und die Überlebenden werden zur lauernden Gefahr. Das Einzige, worauf Alex noch zählen kann, ist ihre Liebe zu Tom. Gemeinsam versuchen die beiden, sich durchzuschlagen. Doch dann wird Tom verwundet, und Alex muss ihn schweren Herzens zurücklassen, um sein Leben zu retten. Als sie mit Hilfe zurückkehrt, ist er verschwunden. Eine packende Suche beginnt. Eine Suche nach Antworten, sich selbst und nach der einen ganz großen Liebe. Denn Alex weiß: Tom lebt, und sie wird ihn finden. (Text- und Bildquelle: Egmont INK)

Über die Autorin
Ilsa J. Bick ist Kinder- und Jugendpsychiaterin und ehemalige Air-Force-Majorin, widmet sich mittlerweile aber ganz ihrem Autorinnendasein. Am liebsten schreibt sie Jugendbücher und Kurzgeschichten, für die sie mehrfach ausgezeichnet wurde. "Ashes: Brennendes Herz" ist der Beginn einer Trilogie.

Rezension

Der erste Satz: "Wo bist du?", wollte Tante Hannah wissen, kaum das Alex auf die Sprechtaste gedrückt hatte.

Alex ist schwer krank. Vor zwei Jahren haben die Ärzte einen Gehirntumor bei ihr festgestellt. Trotz Chemotherapie und Bestrahlung hat sich das Monster, wie Alex den Tumor nennt, nicht zurückgezogen. Nun hat Alex genug. Sie weiß, dass ihr Leben früh enden wird. Sie möchte keine weitere Bestrahlung, keine Chemo-Therapie und die damit verbundene Übelkeit, keine Hausaufgaben im Bett. Sie trifft die Entscheidung, ihr Schicksal und das unausweichliche Ende so anzunehmen, wie es ist. Davor möchte sie aber noch mit sich selbst ins Reine kommen und ein paar schmerzliche Erinnerungen verarbeiten. Dazu macht sie alleine eine Wanderung in einem großen Naturschutzgebiet.
Doch sie kommt nicht weit, als um sie die Erde und Tierwelt verrückt spielt. Auch Alex wird blutend zu Boden geworfen. Ab jetzt ist nichts mehr, wie es vorher war. Alex findet sich in einer ganz neuen Lebenssituation wieder, die Welt, wie sie sie kannte, gibt es nicht mehr. Der Kampf ums tägliche Überleben ist jetzt unausweichlich.

Gab es da nicht diese Geschichten von Menschen, die gerade lange genug aus dem Koma erwachten, um sie zu verabschieden? Als ob das Gehirn am Ende noch einmal alle Kraft zusammennehmen und sie ein letztes Mal den ganzen Körper durchströmen lassen würde, ehe es schließlich losließ? - S. 60

Die meisten (Jugend)-Dystopien werfen den Leser von Anfang an in eine Anti-Welt hinein. Welche Vorfälle dazu geführt haben, erfährt man dann oft im Verlauf der Geschichte, in der das gegenwärtige Leben schon lange nicht mehr existiert. Die Menschen leben mit den neuen Umständen meist mehr schlecht als recht, werden zudem oft noch diktatorisch unterdrückt.
Hier unterscheidet sich "Ashes: Brennendes Herz", denn als Leser erlebt man den Fall der modernen Welt live mit. Alex kommt aus der heutigen Zeit. Nachdem die Erde um sie herum verrückt spielt, findet sie sich in einer neuen Situation wieder. Den Grund dafür kann man anfangs nur vermuten. Eine direkte Antwort erhält man in der Geschichte.
So fühlt man sich als Leser mitten im Geschehen, und da man nicht weiß, was wirklich passiert ist, muss man sich genauso orientieren, wie Alex selbst. Eine unglaublich spannendes und nervenaufreibendes Leseerlebnis!
Die Sprache, im personalen Erzählstil, ist einfach verständlich und tadellos. Sie hat an vielen Stellen Gänsehautpotenzial. Das wird noch durch die kurzen und eingänglichen Kapitel unterstützt. Überwiegend befindet sich am Kapitelende ein Cliffhangersatz, der das Weiterlesen fast schon zu einem Zwang werden lässt. Dadurch möchte man das Buch kaum aus der Hand legen.

Entgegen dem, was der Klappentext vermuten lässt, ist das Buch keine typische Liebesgeschichte und kommt komplett ohne Gefühlsduseleien und Kitsch aus. Am Ende möchte man behaupten, dass die Lovestory höchstens 10% der Geschichte einnimmt. Und das ist auch plausibel. Kaum hat man den männlichen Hauptprotagonisten Tom besser kennengelernt, nimmt die Geschichte eine komplett andere Wendung. Tom als Person bleibt so (noch) etwas im Dunklen und spielt (noch) eine untergeordnete Rolle.
Das Augenmerk der Geschichte liegt voll auf Alex. Ihre Gefühle, ihre Sorgen und ihr Überlebenskampf stehen im Vordergrund. Das gelingt der Autorin so wunderbar, dass Alex schon nach wenigen Seiten zur verdienten Heldin der Geschichte wird. Obwohl Frau Bick sehr sensibel mit Alex' Gefühlen umgeht, verliert sie sich nie in ihrer Angst, sondern wirkt in der Geschichte sehr stark. Dadurch kommt sie echt und greifbar beim Leser an.

Bei aller Sympathie für Alex und ausgeprägter Begeisterung, bei nicht wenigen Gänsehautszenen, muss man wissen, dass die Geschichte schonungslos brutal ist. Hier beschränkt sich die Autorin nicht auf die sowieso schon gefährliche Neue-Welt-Situation, sondern lässt viel und gerne Blut fließen. Dem Leser werden nicht nur blutige Unfallszenen, körperliche Gewalt und anschauliche Verletzungen "serviert" (ich bitte den Ausdruck zu entschuldigen!). Nein, der Gipfel sind sehr real wirkende Zombie-Kannibalismus-Szenen an Mensch und Tier. Hier könnte man die Kritik äußern, ob das für ein Jugendbuch nicht schon grenzwertig brutal ist. Fakt ist, es passt zur spannenden Geschichte, aber Leser müssen wissen, worauf sie sich einlassen. Sonst sind "böse Überraschungen" unausweichlich.

Aufmerksame Leser könnten kritisieren, dass die Hintergrundinformationen zur Katastrophe etwas ausführlicher sein könnten. Zuerst werden seitens Alex und Tom nur Vermutungen angestellt, was mit der Welt passiert ist. Später werden diese Vermutungen durch Erzählungen von Überlebenden gestützt und ergänzt. Mit diesen Aussagen, bzw. Zusammenreimungen muss man leben, nähere Informationen zum Unglück erhält man nicht.
Kleine Logiklöcher sollen angesichts des gigantischen Leseerlebnisses nicht bemängelt werden. So denkt Alex z.B. anfangs an die letzte Chemo-Behandlung von drei Wochen, bei der ihr alle Haare ausfielen (die mittlerweile aber schon wieder nachwachsen). Warum flicht sie sich ca. 10 Wochen nach der Chemotherapie ihre Haare zu einem langen Zopf? Das dürfte bei ungefähr 3 cm kurzen Haaren etwas schwierig werden. Sei's drum!

Der Schluss des Buches ist kein offensichtliches Ende, vielmehr eine Unterbrechung der laufenden Geschichte. Und dies an einer so spannenden Stelle, dass man dem ständigen Lesfluss unmittelbar entrissen wird. Man kann nicht anders, als sich den Nachfolgeband (engl. "Shadows", ET 2012) dick in die Merkliste zu schreiben.

Persönliches Fazit
Das Buch liest sich, wie aus einem Guss und ich schwankte ständig zwischen Faszination und gefühltem Entsetzen. Kleine Kritikpunkte werden nichtig, denn eine authentische Protagonistin, sowie eine greifbare Spannung brennen einem die Geschichte mitten ins Herz.
Wenn auch Asche den dystopischen Himmel bei "Ashes: Brennendes Herz" bedeckt, so ist Ilsa J. Bick doch ein glänzender Roman gelungen, der aus der Menge an YA-Dystopien eindeutig hervorsticht. Mein eigenes Herz ist entflammt und brennt weiter, bis ich den Nachfolgeband in den Händen halte. 5 glühende Sterne!


Aufmachung: 4 / 5
Handlung: 4,5 / 5
Charaktere: 4,5 / 5
Lesespaß: 5 / 5
Preis/Leistung: 4,5 / 5

© Damaris Metzger, damarisliest.de



Reiheninfo Ashes-Tetralogie

1. Ashes: Brennendes Herz