Montag, 19. September 2011

Rezension zu "Vor meinen Augen" von Alice Kuipers

Verlag: Fischer FJB (August 2011)
Ausführung: Hardcover, 220 Seiten
ISBN: 978-3841421210
14,95 € [D]

Genre: Jugendbuch


Klappentext
Alles, was Sophie will, ist zu vergessen. Den furchtbaren Tag vergessen, der ihr Leben verändert hat und der daran Schuld ist, dass sich alles anders anfühlt als bisher.
Das Haus kommt ihr zu groß vor, der Schultag zu lang, das Licht zu hell. Manchmal dreht sich alles und Sophies Hände werden schweißnass. Und was in aller Welt hat sie jemals mit Abigail verbunden? Ihre beste Freundin hat nur noch Partys und Jungs im Kopf und ist Sophie mit einem Mal furchtbar fremd. Verbunden fühlt sich Sophie dagegen mit der neuen Mitschülerin Rosa-Leigh. Sie schreibt Gedichte und genießt es, anders zu sein. Aber wie soll Sophie ihr näherkommen ohne über den schrecklichen Tag zu reden? Den Tag, der alles veränderte ...

Poetisch und mit großer Sensibilität hat Alice Kuipers, Autorin des Bestsellers Sehen wir uns morgen? , Sophies Geschichte umgesetzt. Fast wie in einem Krimi, erfährt der Leser durch Sophies Tagebuch nur Stück für Stück die furchtbare Wahrheit.

Über die Autorin
Alice Kuipers wurde 1979 in London geboren, studierte in Manchester und lebt heute in Saskatoon in Kanada. Sie hat Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und als Radioproduktionen veröffentlicht. Ihr erster Roman "Sehen wir uns morgen?" erschien in 29 Ländern, wurde mehrfach ausgezeichnet und zu einem internationalen Besteller.

Rezension

Der erste Satz: Ich blicke auf die Worte hinab, sie sind schwarz wie Tintenspinnen, und ich betrachte die Netze, die sie weben.

Emily wird nie wieder ein Teil von Sophies Leben sein. Sie ist weg - für immer. Emily möchte nicht darüber reden, was geschah. Nicht mit Mutter, nicht mit ihren Freundinnen und schon gar nicht mit ihrer Therapeutin. Also schweigt sie. Sie bemerkt sehr wohl, dass sich ihr Umfeld verändert. Ich Freundinnen wenden sich mehr und mehr von ihr ab und mit ihrer Mutter kommt sie gar nicht mehr zurecht. Sophie ist hin- und hergerissen, zwischen der Sorge, dass es mit ihrem verstockten Verhalten  zu tun hat, will aber auch nichts ändern. Ein kleiner Lichtblick ist für sie die neue Mitschülerin Rosa-Leigh, die ihr empfiehlt, Gefühle in Gedichten auszudrücken.

Ich holte tief Luft und rief mir meinen Neujahrsvorsatz in Erinnerung: Ich lasse alles, was passiert ist, hinter mir. Ich rede nicht mehr darüber, denke nicht mehr daran und lasse mich auch nicht von Erinnerungen überfallen wie von einem lauernden Tiger, nichts von all dem! S. 12

Alice Kuipers schreibt angenehm einfach. Der Sprachstil ist jugendlichen Leser angepasst, ohne durch übertriebene Umgangssprache aufzufallen. Die Geschichte wird in Form von Tagebucheinträgen aus der Sicht von Hauptprotagonistin Sophie erzählt. Teils in der Gegenwart, was Sophie gerade fühlt und teils in der Vergangenheit, wenn sie Erinnerungen oder vom Schulalltag erzählt. Schon nach den ersten Seiten wird einem klar, was das Hauptthema der Geschichte ist. Warum es so kam, erfährt der Leser nach und nach.

Das wäre soweit auch alles plausibel und interessant. Ein so schwieriges Thema, wie der Tod der eigenen Schwester, ist nicht einfach zu verpacken. Eine sympathische, authentische Protagonistin würde die Sache einfacher machen. Doch Sophie macht es dem Leser hier alles andere als leicht. Bei allem Verständnis, das man für ihre schlimme Situation aufzubringen versucht (und natürlich bemüht sich hier jeder Leser, um sich nicht selbst als ignorant zu fühlen), mag es einem doch nicht so recht gelingen bei Sophie einfühlsam zu sein. Wie auch? Eine depressive Buchstimmung war bei dieser Thematik zu erwarten, doch Sophie zieht einen förmlich in einen Strudel aus Negativitäten und beginnt mit fortschreitender Geschichte nur noch zu nerven. Traurigkeit wird so schnell zur anhaltenden Rebellion gegen jeden und alles. Niedergeschlagenheit artet in Naivität aus.

Am schlimmsten wird das durch die Beziehung von Sophie zu ihrer Mutter deutlich. Diese ist nämlich so geistig abwesend und kaum für ihre verbliebene Tochter ansprechbar, dass man sie anfangs nicht gerade mit Sympathiepunken überschütten möchte. Und da Sophie auch nicht aus ihrer Haut kann, spitzt sich die Situation zwischen den beiden immer mehr zu. Doch die Mutter hat genauso ein Recht zu leiden, wie ihrer Tocher! Mit der Zeit gibt sie sich wirklich Mühe, sie will wieder für ihre Tochter da sein - kurz, sie kriegt die Kurve, bevor alles aus dem Ruder läuft. Und Oberzicke Sophie ist nur bockig und unfreundlich, lässt ihre Mutter immer und immer wieder auflaufen! So schlimm, dass sich die Sympathien vollends der Mutter anstatt Sophie zuwenden. Mitleidiges Kopfschütteln inklusive!

Alle weiteren Charaktere sind gut beschrieben und vermitteln dem Leser, was sie sind und was in ihnen steckt. Würde Sophie auch nur ein wenig über den Tellerrand blicken, könnte sie vielen Konfliktsituationen schon im Anfangsstadium entgehen.
Eine weitere Tatsache ist, dass die Autorin in ihre Geschichte nicht nur den zu verkraftenden Tod eines Familienmitglieds gepackt hat. So spielen Dinge wie Bulimie, Fremdgehen, Alkoholismus, Zickenkrieg und Krankheit ebenfalls eine ständige Nebenrolle. Was zu viel ist, ist zu viel!

So plätschert die Geschichte um Sophies Alltag und der Trauer um ihre Schwester über manchen spitzen Stein. Für kleine Wasserfälle oder Stromschnellen reicht es aber nicht. Anspruchsvolle Leser werden sich bald langweilen.
Am Ende zeigt sich sogar für Sophie die Sonne am Horizont. Das gibt einem das Gefühl, die Geschichte wurde zu einem guten Ende gebracht. Inhaltlich ansprechend war besonders die Trauerbewältigung in Form von Gedichten.

Persönliches Fazit
Gilt es als herzlos bei diesem Buch nicht die volle Gefühlsbandbreite zu durchlaufen? Muss ich ein Buch, dass sich mit einer so schwierigen Thematik befasst nicht mit der vollen Punktzahl bewerten? Nein, muss ich nicht! Ein guter Schreibstil, das traurige Grundthema und nicht zuletzt das wunderschöne Cover retten keine Geschichte, wenn die Protagonistin nicht das entsprechende Gefühl vermittelt. Ein depressiv vor sich hinplätscherndes Bächlein ist eben kein tiefgründiger See. "Vor meinen Augen" wir die Meinungen spalten. Für mich reicht es nur für 2 Sterne.
Handlung: 2 / 5
Charaktere: 3 / 5
Lesespaß: 2 / 5
Preis/Leistung: 2 / 5