Montag, 25. März 2019

"Niemalswelt" von Marisha Pessl



Das Thema
Seit Jims ungeklärtem Tod hat Bee keinen ihrer Freunde mehr gesprochen. Als sich die fünf ein Jahr später in einem noblen Wochenendhaus an der Küste wiedertreffen, entgehen sie nachts nur knapp einem Autounfall. Unter Schock und vom Regen durchnässt kehren sie ins Haus zurück. Doch dann klopft ein geheimnisvoller Unbekannter an die Tür und eröffnet ihnen das Unfassbare: Der Unfall ist wirklich passiert und es gibt nur einen Überlebenden. Die Freunde sind in einer Zeitschleife zwischen Tod und Leben gefangen, in der sie dieselben elf Stunden immer wieder durchlaufen - bis sie sich geeinigt haben, wer von ihnen überlebt.

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Carlsen Verlag


"Ich bin kein Nachbar."
Wieder musterte er uns, diesmal abwartend.
"Es wäre wirklich am besten, wenn ich hereinkäme, um es euch zu erklären."
"Sagen sie uns hier, was Sie wollen", erwiderte Cannon.
Der Mann nickte. Er wirkte nicht überrascht. [...]
Er hatte keinen Schirm bei sich und es stand kein fremdes Auto in der Einfahrt. Wie war er dann hierhergekommen, ohne auch nur einen Tropfen abzukriegen? Die Frage hing beunruhigend in der Luft wie ein diffuser Gasgeruch.
"Ihr seid alle tot", sagte er.
- S. 41/42


Das Leseerlebnis
Marisha Pessls Romane sind hochwertig und werden von vielen Leser*innen sehr geschätzt. Mit "Niemalswelt" wagt die Autorin etwas Neues, denn das Buch ist ihr erster Roman für Jugendliche und junge Erwachsene. Für mich ein ganz klassischer All-Age-Titel, dessen Beschreibung mich sofort in den Bann zog. Ist das Buch ein Mystery-Thriller, ein Zeitreiseroman oder eine düstere Gesellschaftskritik? Diese Frage stellte ich mir zu Beginn, konnte aber nicht richtig festmachen, mit was ich zu rechnen hatte. Vielleicht steckt ein bisschen etwas von allem in der Geschichte. Losgelassen hat sie mich zu keiner Sekunde. Für mich ist es eine der besten Geschichte in diesem Genre. So gut, dass man sie am liebsten sofort nochmal lesen möchte.

Beatrice hatte bei ihren Freunden schon immer einen Sonderstatus: Schwester Bee - gut, nett und mit blütenreiner Weste. Auch wenn Bees Freunde zumeist aus immens reichem Elternhaus kamen, waren sie doch beste Freunde und eine eingeschworene Clique. Bis zu Jims Tod, der immer irgendwie mysteriös und ungeklärt blieb. Seit diesem Zeitpunkt hatte Bee mit keinem ihrer Freunde mehr gesprochen. Ein Jahr später wagt sie es und sucht die vier anlässlich einer Feier in einer Villa an der Küste auf. Vielleicht hofft Bee auf einen Neuanfang. Gleich zu Beginn entgehen die wiedervereinten Freunde nur knapp einem Autounfall.
Und dann ist das Grundthema schnell erklärt: Ein Mann taucht auf, der sich als Wächter vorstellt und den Freunden erklärt, dass der Unfall tatsächlich passiert ist, sie eigentlich alle tot wären. Stattdessen sind sie nun in einer Art Zeitschleife gefangen, der Niemalswelt, bis sie sich per Abstimmung entscheiden, wer von ihnen überleben wird.

Samstag, 23. März 2019

"Wörter mit L" von Tamara Bach



Das Thema
Auf einmal sind alle verliebt. Paulines beste Freundin Natascha und die blöde Leonie auch. Angeblich sogar Paulines Mutter. Aber das kann Pauline sich nun wirklich nicht vorstellen. Trotzdem benehmen sich plötzlich alle so komisch und streiten sich um nichts und wieder nichts, fast als würden sie nicht mehr dieselbe Sprache sprechen. Aber zum Glück sind da Lukas und sein dreibeiniger Hund. Vielleicht wissen die noch, wie man einfach nur einen Schneemann baut.

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Carlsen Verlag


Ich glaub, ich bin wütend. [...]
Auf Leonie.
Auf Natascha.
Auf alles.
Weil auf einmal alles anders ist.
Ich komm mich vor, als wäre ich zwei Wochen krank gewesen und komm jetzt in die Schule und versteh gar nichts mehr, weil jeder Lehrer mit einem neuen Thema angefangen hat. Weil alle dabei waren, nur ich nicht.
Als könnten alle plötzlich eine neue Sprache und ich versteh nur Lalula.
- S. 75/76


Das Leseerlebnis
Tamara Bachs Bücher für Jugendliche habe ich (fast) alle gelesen. Ich würde sagen, dass es allesamt Bücher sind, zu denen Leser*innen einen Zugang finden müssen, vor allem Erwachsene wie ich. Weil sie einen Nerv treffen, weil sie ehrlich sind. Die Geschichten sind echt, manchmal etwas spröde, aber gefühlvoll und punktgenau. Die Autorin hat die besondere Gabe, die Gefühle und Gedanken von Kindern und Jugendlichen so darzustellen wie sie tatsächlich sind. Dafür benötigt es keine Action und keine künstlich erzeugte Spannung. Es sind Geschichten über das Leben, über Entwicklungsschritte und das Erwachsenwerden. "Wörter mit L" ist ein Buch für Kinder, bzw. jüngere Jugendliche. Es hat mich mit seiner Glaubwürdigkeit wieder einmal beeindruckt.

Pauline ist elf Jahre alt. Sie wohnt die Hälfte der Woche bei ihrem Papa und dessen Frau und die andere Hälfte bei ihrer Mama, findet das auch völlig okay so. Eine wichtige Konstante in Paulines Leben ist ihre beste Freundin Natascha. Zusammen können die Mädchen lachen, Dinge unternehmen oder auch einfach nur rumhängen. Sie verstehen sich ohne Worte. Doch dann unterhält sich Natascha plötzlich überraschend oft mit Leonie und schreibt einen Brief an einen Jungen, den sie mehr als toll findet. Und Paulines Mama hat plötzlich viel weniger Zeit, weil sie, wie Papa sagt, wieder verliebt ist. Warum verändern sich plötzlich alle? Und warum scheinen plötzlich alle eine komplett andere Sprache zu sprechen als Pauline selbst? Zum Glück ist da noch Paulines Halbbruder Jonathan, ein Hund mit drei Beinen, Musik und ihre Schreibmaschine.

Dienstag, 19. März 2019

"Der Atem einer anderen Welt" von Seanan McGuire



Das Thema
Kinder und Jugendliche sind zu allen Zeiten in Kaninchenlöcher gefallen, durch alte Kleiderschränke ins Zauberland vorgestoßen oder auf einer Dampflok in magische Welten gereist. Aber ... was geschieht eigentlich mit denen, die zurückkommen?
Mit Nancy, die die Hallen der Toten besucht hat und den Rest ihres Lebens am liebsten still wie eine Statue verbringen würde. Und mit Christopher, den Jungen mit der Knochenflöte, der die Toten für sich tanzen lassen kann. Sumi, die das Chaos braucht wie die Luft zum Atmen, weil sie aus einer Unsinnswelt kommt. Oder Jack & Jill, die mit Vampiren und Wissenschaftlern unter einem blutig-roten Mond aufgewachsen sind.
Als sie sich in "Eleanor Wests Haus für Kinder auf Abwegen" treffen, ahnen sie nicht, dass ihnen ihr größtes Abenteuer noch bevorsteht ...


© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: FISCHER Tor


"Ich werde mich nicht hinstellen und behaupten, die Tür ist für immer geschlossen, denn da kann man nie sicher sein. Aber eins steht fest: Ihre Chancen, überhaupt durch eine Tür zu gehen, standen nie gut, und jetzt stehen sie noch schlechter. Der Blitz schlägt nie zweimal an derselben Stelle ein, heißt es. Nun, die Wahrscheinlichkeit, dass Sie zweimal vom Blitz getroffen werden, ist weit höher als die, dass Sie eine zweite Tür finden". - S. 56


Das Leseerlebnis
Soviel kann ich jetzt schon sagen; mein erstes Buch von Autorin Seanan McGuire hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Dabei war mir nicht ganz klar, um was es in "Der Atem einer anderen Welt" genau geht. Stichworte wie 'Alice im Wunderland', 'Magische Welten' oder 'Zaubertüren' mussten genügen. Doch das reichte, und das Buch hatte sich meine Aufmerksamkeit gesichert. Es ist schwer auszudrücken, was ich beim Lesen empfand, denn so stark hat mich schon lange kein Roman mehr in seinen Bann gezogen. Meine Gefühle schwankten zwischen Begeisterung, Bestürzung und auch Grusel. Ein wirklich geniales Leseerlebnis.

Der recht umfangreiche Roman besteht aus drei Novellen, die jeweils etwa ein Drittel des Buches ausmachen. "Der Atem einer anderen Welt" enthält also keine fortlaufende Geschichte, sondern drei, jede für sich allein stehende (Kurz)-Geschichten. Und doch hängen sie auch zusammen, bzw. besitzen Überschneidungen.
Die erste Geschichte Der Atem einer anderen Welt handelt von Nancy, die durch eine Tür in eine magische Welt gelangt ist, nun zurückkehrte und sich in unserer Welt kaum mehr zurecht findet. Die Hallen der Toten sind ihr Zuhause, und sie möchte unbedingt dorthin zurück. Für Kinder wie Nancy, die eine Tür zurück suchen, gibt es eine Art Internat, geführt von Eleanor West. Sie hilft diesen Kindern, die von ihrer Familie meist abgelehnt werden. Als Nancy in der Schule von Eleanor West ankommt, hat sich keine Ahnung, wie groß das Abenteuer sein wird, das sie dort erwartet.

Freitag, 15. März 2019

"Hinter Glas" von Julya Rabinowich



Das Thema
Wie ein Spiegel ist Alice bisheriges Leben in tausend Scherben zerbrochen. Sie hat die Enge und Stille, die Tyrannei des Großvaters nicht mehr ausgehalten. Und flieht zu Niko, ihrer großen Liebe. Von ihm erhofft sie sich Geborgenheit und Halt. Mit ihm verbringt sie einen Sommer voller Freiheit. Doch dann verändert sich alles: Niko ist zunehmend unbeherrscht. Im Moment der größten Verzweiflung gelingt es Alice, sich aus dem Strudel zu befreien.

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Carl Hanser Verlag


Wenn ich ihn nicht kritisierte, ihm nicht widersprach und mich still verhielt, dann war er eigentlich immer noch so süß wie am Anfang. Ich lächelte und schwieg. Es würde sich irgendwie fügen. Es würde schon gehen. Manchmal wusch er sich nicht und roch nicht gut, aber ich schob auch das weg. Wenn man schiffbrüchig ist und im Meer von wilden Wellen umhergeschleudert wird, dann denkt man nicht darüber nach, dass die Planke, an die man sich klammert, müffelt. - S. 153/154


Das Leseerlebnis
Es ist bekannt, dass sich Gewalt, egal welcher Art, von innerhalb einer Familie, oftmals auch auf eine Beziehung außerhalb des familiären Umfelds ausbreitet. Ein Strudel, der mitreißt, der den Betroffenen das Gefühl gibt, immer schuld zu sein, da die Täter die Rolle des Opfers umkehren. Sich daraus zu befreien ist schwierig, und doch hat es Alice, die Hauptprotagonistin aus "Hinter Glas" geschafft. Man kann schon vor dem Lesen davon ausgehen, denn das Buch wird als Geschichte einer Emanzipation beschrieben. Ich war gefesselt, auch ohne den Inhalt zu kennen, wollte hinter das Glas schauen, das Alice umgibt (oder umgab). Am Ende musste ich erst mal tief durchatmen, denn das Buch hat mich völlig vereinnahmt. Es ist so gut, dass man es am Ende gleich wieder von vorne beginnen mag.

Julya Rabinowich beginnt ihre Geschichte mit dem eigentlichen Schluss, einer Ist-Situation, in der sich Alice nun befindet. Sie hat auf einem Flohmarkt einen Spiegel gekauft und trifft dort unverhofft auf ihren Exfreund Niko. Vor Schreck rutscht ihr der Spiegel aus der Tasche und zerbricht in viele Scherben. Dies wird zur Metapher für Alice' bisheriges Leben. Jedes der folgenden Kapitel, in denen Alice Vergangenes erzählt, steht für einen Spiegelscherbe. Bis der Spiegel, und damit auch Alice, am Ende wieder komplett ist.