Donnerstag, 7. Dezember 2017

"Die Königinnen der Würstchen" von Clémentine Beauvais



Das Thema
Mireille, Astrid und Hakima sind auf Facebook von ihren Mitschülern zur Wurst des Jahres in Gold, Silber und Bronze gewählt worden - der Preis für die hässlichsten Mädchen.
Doch die drei beschließen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Zusammen planen sie einen Road-Trip per Fahrrad nach Paris. Ziel: die große Party im Élysée-Palast am Nationalfeiertag. Finanzierung: Unterwegsverkauf von Würstchen. Ein chaotische, lustige und herzzerreißende Reise beginnt. Und auf der Party hat jede der drei ein ganz eigenes Anliegen ...

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Carlsen Verlag


Es ist so weit, die Ergebnisse sind auf Facebook erschienen: Ich bin die Bronze-Wurst des Jahres.
Ich bin fassungslos. Nachdem ich zwei Jahre hintereinander zur Wurst des Jahres in Gold gewählt worden bin, hielt ich mich für unschlagbar, aber das war ein Irrtum. [...]
Es gab schon ziemlich viel 'Gefällt mir' (78).
Ich habe meines hinzugefügt (79).
Dann bin ich ins Esszimmer runtergegangen und habe meiner Mutter verkündet: "Dieses Jahr bin ich die Bronze-Wurst!"
"Aha. Und, soll ich dir jetzt etwa gratulieren?"
- S. 9/10


Das Leseerlebnis
Als ich das Thema des Buches las, war meine erste Reaktion Empörung. Drei Mädchen werden von ihren Mitschülern zur "Wurst des Jahres" gewählt. Weil sie hässlich sind! Das hörte sich für mich einfach nur gemein an und ist unumstritten Mobbing par excellence. Doch Autorin Clémentine Beauvais verpackt dieses ernste Thema ein einen spritzigen und herrlich amüsanten Roman. Ihr gelingt es, dass man sich mit der Geschichte wohl fühlt, viel lacht und schmunzelt, dabei das eigentliche Anliegen des Buches jedoch immer im Blick behält. Denn es ist der Mensch, der zählt, und keinesfalls das Aussehen.

Die 16-jährige Mireille nimmt die Wahl zur "Wurst des Jahres" notgedrungen mit Humor. Schließlich wurde sie bisher immer zur Siegerin gewählt, da ist der diesjährige dritte Platz fast schon enttäuschend. Aber nur fast, denn unter der Oberfläche merkt man Mireille an, dass sie verletzt ist. Um sich zu schützen, hat sie sich Selbstironie antrainiert, einen Pragmatismus, an dem sie das Mobbing und die Kränkungen abprallen lässt. Und so kommt es unweigerlich dazu, dass Mireille sich mit den weiteren Preisträgerinnen Astrid und Hakima solidarisiert. Die Aktion, mit dem Fahrrad nach Paris zu fahren, beschließen die drei Mädchen spontan (und auch ein bisschen unüberlegt). Jede hat ein persönliches Interesse daran, bis zur Party des Nationalfeiertags zu kommen. Die Idee zum Würstchenverkauf während der Radtour wird zwar aus der Not geboren, nimmt ihre Wahl als "Würste des Jahres" jedoch gleichzeitig auf die Schippe. Das rückt die Mädchen ins Interesse der Medien.

"Die Königinnen der Würsten" hat einen durchweg lustigen Inhalt. Mireille erzählt die Geschichte mit so viel Witz, manchmal richtig kurios und überdreht, dass es mich zuerst angenehm überraschte, dann immer mehr begeisterte. Mireille ist liebenswürdig, aber auch ehrlich und direkt. Sie selbst muss während der Geschichte lernen, dass ihre Dominanz auch verletzen kann. Mir war klar, dass sie sich hinter dieser (Selbst)-Belustigung versteckt und damit ihre Unsicherheit kompensiert. Wie nebenbei ist es der Autorin gelungen, ein Buch, das das ernste Thema Mobbing und Benachteiligung thematisiert, zu einem enormen Lesespaß zu machen. Hier entsteht ein schönen Kontrast, der aber nie vergessen lässt, um was es geht und welche Bedeutung diese diskriminierende Zurschaustellung, die Wahl zur "Wurst des Jahres", für die Mädchen hat.
Zu guter Letzt ist das Buch noch sehr differenziert und scheut keinen Inhalt, der in den meisten Geschichten gar nicht oder nur pauschalisiert dargestellt wird. Am Ende haben vielleicht nicht nur die drei Mädchen eine andere Sicht auf ihr Leben.

Das Fazit
"Die Königinnen der Würstchen" sind drei bemerkenswerte Mädchen, die mit ihrer wurstlastigen Radtour mein Leserherz im Sturm erobert haben. Das Buch thematisiert unbeschönigt den Missstand des Mobbings und der Diskriminierung, ist dabei aber so lustig, so kurios und so liebenswürdig, dass ich mich nicht nur ein Mal fragte, ob diese Form für ein derart ernstzunehmendes Thema angebracht ist. Oh ja, und wie sie das ist! Denn Witz und Ironie bilden einen schönen Kontrast zur Ernsthaftigkeit, sind dennoch gefühlvoll und tiefsinnig, ohne das Kernthema aus den Augen zu verlieren. Das Buch ist durchweg wunderbar ... und spaßig noch dazu. Ein Lesemuss! 5 von 5 Sterne vergebe ich dafür.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


Carlsen Verlag (August 2017) - Hardcover mit Schutzumschlag, 288 Seiten - 16,99 € [D]
Originaltitel: Les pétites reines - Übersetzt von Annette von der Weppen - ab 14 Jahren

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