Mittwoch, 20. September 2017

"Stadt der tanzenden Schatten" von Daniel José Older



Das Thema
Endlich Sommer. Sierra freut sich auf entspannte Tage mit ihren Freunden und auf ihr erstes großes Kunstprojekt: ein Drachen-Wandbild. Doch als bei einer Party ein Toter auf sie zustolpert, ihr Großvater plötzlich wirres Zeug redet und eins der Porträts an Brooklyns Häuserwänden Tränen weint, ist klar, dass diese Ferien alles andere als entspannt werden. Durch den Sprayer Robbie erfährt Sierra auch warum: Sie gehört zur geheimen Zunft der "Shadowshaper", d.h. sie kann mit den Geistern ihrer Ahnen Bilder zum Leben erwecken. Aber jemand hat es auf Leute wie sie abgesehen!

© Klappentext-, Cover- und Zitatrecht: Carlsen Verlag


Dann starrte sie wieder das Wandbild an. Es war keine Einbildung. In Papa Acevedos gemaltem Augenwinkel glitzerte eine Träne. Die Träne bewegte sich nicht - natürlich nicht, sie war gemalt. Aber trotzdem: Gestern und vorgestern war die Träne noch nicht da gewesen. - S. 7


Das Leseerlebnis
Wandbilder, die mithilfe von Geistern zum Leben erwachen? Ein absolut cooles Thema und für mich in dieser Ausführung völlig neu. Damit war klar, dass ich "Stadt der tanzenden Schatten" lesen möchte. Und ja, der erste Eindruck war super, denn das Buch liest sich mit New-York-Brooklyn-Flair, dem natürlichem Charme von Charakteren, die Spanisch sprechen und zudem noch unheimlich und mysteriös. Mir persönlich gefiel der spätere Verlauf, vor allem der Fantasy-Part, dann immer weniger. Es ist ein Buch, das man ausprobieren muss. Es könnte sein, dass es überrascht.

Sierra hat sich ein aufwändiges Sommerprojekt vorgenommen. Auf einen Turm malt sie ein riesiges Wandbild, einen Drachen. Plötzlich fällt ihr auf, dass das danebenliegende Wandbild anders aussieht als noch die Tage davor. Die Farben verblassen, der Gesichtsausdruck des Mannes ist nicht mehr derselbe, und in seinem Augenwinkel glitzert eine Träne, die vorher ganz sicher noch nicht da war. Was geht hier vor? Als ihr Großvater dann noch völlig unverständliche Dinge von sich gibt und Sierra auf einer Party von einer Art Zombie verfolgt wird, braucht sie dringend Hilfe. Sie möchte die Sache aufklären.
Mit diesen Ereignissen startet das Buch atmosphärisch, irgendwie kultig und so mysteriös, dass ich an den Seiten klebte. Eine Ungereimtheit jagte die nächste, und ich wollte wissen, was da los ist. In der Geschichte fallen ständig spanische Sätze und Ausdrücke. Ich fand das toll! Das bringt ein besonderes Lesegefühl mit sich, das die Charaktere, ihren Lebensraum und ihre Denkweise hervorheben soll. Leser, die überhaupt kein Spanisch sprechen/verstehen kommen ebenfalls zurecht, viele Wörter werden aber nicht erklärt oder stehen für sich. Vielleicht wäre ein kleines Spanisch-Glossar im Buch sinnvoll gewesen. Mehr Spaß macht es sicherlich, wenn man die Sprache in Ansätzen versteht.

Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte ein bisschen auf der Stelle tritt, obwohl allerhand passiert. Sierras Partner und Mentor, der Junge Robbie, bleibt blass und wirkte auf mich austauschbar. Dass sich zwischen den beiden Gefühle entwickeln, hätte auch nicht unbedingt sein müssen. Außerdem hat sich gerade der phantastische Part, die Magie im Buch, in eine Richtung entwickelt, die nicht meinen Lesegeschmack traf. Ich merkte, dass die Geschichte bei mir an Bedeutung und Attraktivität verlor. Zwar war ich nicht richtig enttäuscht, aber ernüchtert. Für die konstruierte Handlung, den Sinn und eine abgeschlossene Geschichte ist das Buch fast zu kurz. Die eigentliche Idee - Wandbilder, die sich bewegen und verändern - gerät mit der Zeit ins Hintertreffen. Schlussendlich dann auch die Auflösung, die in einer großen Endschlacht fast untergeht.
Damit war die Story für mich eine Geister-Monster-und-Rätsel-Mischung, die sich spannend und innovativ anfühlte, mich aber nicht komplett erreicht hat. Die Geschichte ist, obwohl im englischen Original eine Trilogie, abgeschlossen.

Das Fazit
"Stadt der tanzenden Schatten" hat eine Thema, das mich sofort abholte, das ich als reizvoll und originell empfand. Denn von einer Gruppe Schattenbildner, die Graffitis zum Leben erwecken können, liest man nicht alle Tage. Die Atmosphäre ist anfangs charmant und unheimlich zugleich, die Story mysteriös, richtig kultig. Leider traf die magische Fantasykomponente meinen Geschmack nur bedingt, und die Handlung wirkte wie in einen Rahmen gepresst, fast etwas überzogen. Sie verlor immer mehr an Attraktivität und wurde in der zweiten Buchhälfte, trotz Actionfeuerwerk, recht blass. Muss man probieren. Wer leicht abgefahrene Geschichte mag, dem könnte "Stadt der tanzenden Schatten" gefallen.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


Carlsen Verlag (Mai 2017) - Band 1/3 - Hardcover mit Schutzumschlag, 304 Seiten - 16,99 € [D]
Originaltitel: Shadowshaper - Übersetzt von Sophie Zeitz - ab 14 Jahren

Kommentare:

  1. Guten Morgen liebe Damaris,

    du hast recht die Idee von lebendig werdenden Graffitis klingt unheimlich spannend, doch nach der ersten Rezension, die ich schon gelesen habe, lasse ich vorerst auch weiterhin die Finger davon. Ich kann nämlich überhaupt kein Spanisch, allerdings hab ich ja ein Smartphone oder vielleicht das Buch als Ebook? Bestimmt gibt es auch ein spanisches installiertes Wörterbuch. Na mal schauen, denn so sehr es mich auch abdchreckt, so sehr zieht es mich auch an. Eventuell entschieden Carlsen sich in Band 2 und 3 für ein Glossar. Soetwas können sie doch entscheiden ofer? Wirst du es weiterverfolgen?
    Liebe Grüße Cindy

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    1. @Cindy - Das war es auch! Im ersten Buchdrittel war ich sehr geflasht und auch, weil ich etwas Spanisch verstehe, war das Lesefeeling toll. Während dem Lesen würde ich allerdings nichts nachschlagen, das bremst total und man kommt auch so gut zurecht. "Stadt der tanzenden Schatten" kann man als Einzelband lesen und ich weiß nicht, ob Carlsen die anderen Teile noch übersetzten wird. Ich denke, ich würde es bei diesem ersten Band belassen ;-)

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  2. Hi Damaris,

    du sprichst mir aus der Seele! Die Idee dahinter, Sierras Familie und Abstammung und Sierra selbst fand ich super. Aber mit der Zeit wirkte alles ein wenig ziellos und die vielen Charaktere blieben leider sehr blass. Und Robbie fand ich ganz schrecklich, weil er sich oft seltsam und unlogisch benommen hat.

    Auf der einen Seite ist das Buch originell, auf der anderen hat es sich am Ende aber leider nicht getraut, das komplett durch zu ziehen, weswegen auch ich mit einem eher gemischten Gefühl aus der Story hinausgegangen bin.

    Auf den zweiten Band hat es mich auf jeden Fall nicht neugierig gemacht...

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    1. @Effi - Ganz genau so! Die Hintergründe der Story fand ich super und auch mit dem Spanisch kam ich gut klar. Ich mag so etwas, weil es authentisch rüberkommt. Prinzipiell mochte ich auch die Clique, sehr cool fand ich das lesbische Pärchen, die anderen blieben aber wirklich sehr blass. Uns stimmt, Robbie verschwindet oft und hat dann völlig unzureichende Erkläungen (außerdem empfand ich die Tanzszene im Club zu kitschig). Es ist eine originelle Geschichte, die zu viel will - und diese magische Fantasykomponente war einfach nicht meines. Ich bin froh, dass man das Buch abgeschlossen lesen kann. Wahrscheinlich würde ich auch keinen weiteren Band mehr lesen ...

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