Montag, 25. September 2017

"Die Seele meiner Schwester" von Trisha Leaver



Das Thema
Die Zwillinge Ella und Maddy ähneln sich äußerlich wie ein Ei dem andern. Doch während die beliebte Maddy überall um Anerkennung kämpft, sucht sich Ella lieber ein stilles Plätzchen, wo sie in Ruhe zeichnen kann. Eines Tages kommt es durch einen Streit der beiden zu einem tragischen Autounfall, bei dem Maddy ihr Leben verliert. Ella erwacht im Krankenhaus und wird von allen für Maddy gehalten. Aus Angst, ihre Eltern zu enttäuschen, übernimmt sie kurzerhand die Identität ihrer Schwester - und stellt bald fest, dass deren Leben voller dunkler Geheimnisse steckt. Ella muss sich entscheiden: soll sie die Lüge zugeben oder ihre eigenen Träume opfern?

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: KOSMOS Verlag


Vielleicht war das eigentliche Problem gar nicht, dass sie mich nicht erkannten, sondern dass ich ich war und nicht meine Schwester. Wie sollte ich ihnen die Wahrheit sagen, diese schreckliche Wahrheit, dass das Mädchen, um das sie sich geschart hatten, das Gott leben lassen sollte, wie sie gefleht hatten - dass dieses Mädchen nicht mehr da war?
Das konnte ich ihnen nicht antun. Ich konnte es ihr nicht antun. Wenn sie wollten, dass Maddy lebte, dann würde ich dafür sorgen, dass sie es tat.
- S. 75


Das Leseerlebnis
Bücher über Schwestern lese ich besonders gerne. Wahrscheinlich, weil ich diese außerordentlich innige Beziehung zu einer Schwester selbst erlebe. Dass das bei Zwillingen oftmals noch verstärkt ist, ist bekannt. Dabei ist es mir bei einer Geschichte egal, ob die Schwesternbeziehung problematisch dargestellt wird, oder ob die Geschwister ein sehr vertrautes Miteinander haben. Die Darstellung muss stimmen. In "Die Seele meiner Schwester" sind Ella und Maddy Zwillinge, die sich äußerlich komplett gleichen, charakterlich aber völlig unterschiedlich sind. Was passiert nun, wenn eine Schwester das Leben der anderen übernimmt? Ist das überhaupt möglich, ohne dass es auffliegt?

Das Buch beginnt dramatisch. Und ja, ich war sofort fasziniert davon, wie sehr es mich berührte und wie deutlich mir die Autorin die Zwillinge vor Augen führte. Die introvertierte Ella wird von ihrer selbstbewussten Zwillingsschwester Maddy angerufen. Sie will von der Party ihres Freundes abgeholt werden. Ella spürt, dass etwas nicht stimmt, auch als sie Maddy dann auf der Party aufgabelt. Auf dem Nachhauseweg kommt es zum Streit zwischen den beiden ... und zu einem folgenschweren Unfall, bei dem Maddy stirbt. Weil sie von niemandem erkannt wird, entscheidet sich die stille Ella dafür, die Identität ihrer Schwester anzunehmen und deren Leben weiterzuführen.
Ob das ganze Szenario realistisch ist oder nicht, war mir zu diesem Zeitpunkt komplett egal. Denn es fühlte sich für mich realistisch an. Die ganze Situation war so eindringlich beschrieben, und ich konnte Ellas Beweggründe so gut nachvollziehen, dass ich ihr jeden Gedankengang abnahm. Zudem war es unglaublich spannend, wie Ella nun Maddys Alltag meistern wird.

Im Folgenden geht es darum, wie Ella als Maddy klarkommt. Meistens spielt sich das in der Schule ab. Hier lauert natürlich viel Konfliktpotenzial, vor allem seitens Maddys Freunden und einfach darum, weil die Schwestern so unterschiedlich waren. Ella spielt nun eine Rolle, die nicht ihrem Charakter entspricht. Außerdem hat sie starke Schuldgefühle, weil sie sich für den Tod ihrer Schwester verantwortlich fühlt.

Mit der Zeit entdeckt Ella, dass Maddys Leben nicht das war, was es vorgab zu sein. Maddy hatte Geheimnisse. Die möchte Ella nun aufdecken. Zu diesem Zeitpunkt ist die Geschichte aber schon bis ins letzte Buchdrittel vorangeschritten. Das Rätsel um Maddys Leben geht neben Ellas Bemühungen, ihre Schwester zu spielen, fast ein wenig unter. Für beides ist die Geschichte einfach zu kurz geraten und hätte nochmals um gut fünfzig Seiten erweitert werden können.
Das Ende gefiel mir darum so gut, weil es natürlich und sehr menschlich ist, und weil ich das bei der vorangegangenen Dramatik nicht so erwartet hätte. Alles andere wäre auch sehr illusorisch gewesen. Ich habe das Buch zufrieden zugeklappt.

Das Fazit
"Die Seele meiner Schwester" hat mich eingesaugt und so stark gefesselt, dass die Seiten dahinflogen. Die Thematik berührt und ist von der Autorin so gefühlvoll dargestellt, dass man ständig schwankt zwischen Betroffenheit und Faszination. Da macht es gar nichts, dass die Geschichte für die beiden Konflikte, die das Buch thematisiert, eigentlich zu kurz geraten ist. Auch die Frage, ob es realistisch, bzw. möglich wäre, das Leben einer Schwester auf diese Weise weiterzuführen, stellt sich nicht. Denn während des Lesens fühlt es sich realistisch an. Das macht das Buch zu einem lohnenden Leseerlebnis. 4 von 5 Sterne vergebe ich dafür.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


KOSMOS Verlag (Juni 2017) - Hardcover, 288 Seiten - 14,99 € [D]
Originaltitel: The Secrets We Keep - Übersetzt von Stefanie Frida Lemke - ab 14 Jahren

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