Montag, 7. August 2017

"Lizzy Carbon und der Klub der Verlierer" von Mario Fesler



Das Thema
Das Leben macht es der dreizehnjährigen Lizzy nicht leicht: ein Körper, der tut, was er will, Eltern, die nichts kapieren, und Klassenkameraden, die abfällig auf sie und ihre beste Freundin Kristine herabgucken. Da macht das anstehende Schulfest die Laune nicht besser - denn da darf sie garantiert eh wieder nur die Gläser spülen. Als sie diesen Gedanken im falschen Moment laut ausspricht, hat sie plötzlich ihre eigene Projektgruppe mit allen Außenseitern der Unterstufe am Hacken. Doch schon bald stellt sie fest: Wenn so ein "Klub der Verlierer" erst mal in Fahrt kommt, ist die Niederlage nicht so vorprogrammiert, wie alle denken ...

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Magellan Verlag


Ich stand im Badezimmer und war mal wieder in den Kampf gegen meine Haare verstrickt. Möglicher Hauptgewinn: eine Frisur. - S. 9


Das Leseerlebnis
"Lizzy Carbon und der Klub der Verlierer" wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 nominiert. Autor Mario Fesler ist somit ein Anwärter auf den Sonderpreis 'Neue Talente' - und meine Neugier war geweckt. Mit dem Inhalt hat das zwar nichts zu tun, aber das Buch ist optisch so besonders und aufwändig gestaltet, dass ich es nicht nur ständig betrachten, sondern auch fortlaufend anfassen muss. Inhaltlich erwartete ich eine Geschichte mit viel Humor und Pfiff ... und bekam genau das. Jedoch mit deutlich mehr Ernsthaftigkeit und Tiefsinn als erwartet.

Lizzy (eigentlich Elisabeth oder Elli, aber das klingt entweder nach einer Hundert- oder nach einer Fünfjährigen) ist dreizehn Jahre alt und hat begonnen Tagebuch zu schreiben. Etwas widerwillig zwar, aber aus Respekt vor ihrer coolen Tante, von der sie das Tagebuch geschenkt bekam. Vielleicht hilft es Lizzy ja wirklich durch den Alltag, denn sie ist eine Außenseitern und wird von ihrem Bruder und Mitschülern geärgert und gemieden, im schlimmsten Fall sogar gemobbt. Dass Lizzy eine beste Freundin hat, hilft das auch nicht viel, denn Kristine geht es ähnlich. Bis Lizzy sich während einer Schulveranstaltung verplappert und plötzlich etwas ins Rollen bringt, das sie sich selbst nie zugetraut hätte.

Die Geschichte ist sehr pfiffig und humorvoll geschrieben. Aber nicht auf eine quietschige oder überdrehte Art, sondern durchaus mit Anspruch und Tiefgang - anfangs zwischen den Zeilen, später offensichtlicher. Einige Ausdrücke oder manche Unterhaltung fand ich sogar etwas offensiv, aber authentisch. Das passte, selbst mit der humorvollen Auslegung gut zum Außenseiter-Thema des Buches. Leider, muss man da ja schon fast sagen. Denn ich habe mich tatsächlich erschrocken, auf welche Art Lizzy gemobbt wird. Das reicht von übler Nachrede bis hin zum Online-Mobbing. Und Lizzy erträgt das, ohne etwas zu sagen und (anfangs) ohne konkrete Hilfe seitens der Familie oder der Schule. Dabei ist sie ein Charakter, der nicht auf den Mund gefallen ist, sich in diesem Fall aber zurückzieht.
Nicht sehr gut, und das ist natürlich subjektiv, gefiel mir die thematische Auseinandersetzung mit einer religiösen Glaubensgemeinschaft, den Zeugen Jehovas (und nein, ich bin keine Anhängerin dieser Gemeinschaft), von denen gefühlt kein Negativmerkmal oder Klischee ausgelassen wurde. Auch hier humorvoll, jedoch empfand ich es als ein Lustigmachen und in dieser Häufigkeit beim Thema Mobbing und Außenseitertum unangebracht.

Was Lizzy dann mit ihrer Außenseiter-Gruppe für das Schulprojekt verwirklicht, inklusive vieler Rückschläge und mit großen Steinen auf dem Weg, hat mich erstaunt und begeistert. Damit öffnen die Kinder nicht nur einigen Mitschülern, Lehrern und Eltern die Augen, auch ich war überwältigt und wurde sehr nachdenklich. Die Geschichte endet wiederum realistisch, nicht mit einer großen Wende oder einem generellen Umdenken oder dass plötzlich alles besser und gut ist, sondern mit einem motivierenden Erfolg für Lizzy und ihre Freunde. Und, seitens Lizzy, mit einem Aktionismus, wie man ihn auch in der Wirklichkeit erwarten könnte.

Das Fazit
"Lizzy Carbon und der Klub der Verlierer" ist ein sehr amüsantes und cleveres Buch, das bei aller Heiterkeit mit einem ernsthaften und wichtigen Thema daherkommt. Hier schließen sich Ironie und Sensibilität nicht gegenseitig aus! Ich empfand es als mutig und gelungen, die Geschichte auf diese brisant realistische Weise darzustellen, selbst mit einem persönlichen Kritikpunkt. Außerdem liest es sich einfach herrlich und dabei sehr lebensnah. 4 von 5 Sterne gibt es von mir.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


Magellan Verlag (Juli 2016) - Band 1 - Hardcover, 240 Seiten - 14,95 € [D]
- ab 12 Jahren

Kommentare:

  1. Huhu Damaris,

    ich freue mich sehr, dass dich das Buch auch so gut unterhalten konnte. Und über deinen Kritikpunkt habe ich mir bisher gar nicht so die Gedanken gemacht. Aber ich verstehe was du meinst und finde es auch nicht unbedingt passend.

    Liebe Grüße
    Sandra

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    1. @Sandra - Lizzy Carbon war wirklich ein tolles Lesen und mir gefiel auch das Thema in Verbindung mit Humor/Ironie. Ich halte die Lehre oder Überzeugungen der Zeugen Jehovas für falsch, jedoch war mir die Thematisierung der ganzen Auffälligkeiten hier zu viel, generell der häufige Bezug auf Glauben. Ich hatte manchmal das Gefühl, der Autor verarbeitet hier seine persönliche Glaubensdiskrepanz und habe mich damit nicht sehr wohl gefühlt. Ich kann mich natürlich auch täuschen. Und das war ja ein kleiner Buchteil, im Gesamten fand ich super :-)

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  2. Hi Damaris!

    Pfiffig trifft es bei dem Buch genau auf den Punkt! Zu deiner Anmerkung bezüglich des Mobbings: Mich hat zu Beginn etwas irritiert, dass Lizzy sich gar nicht wirklich betroffen zeigte von der Art und Weise, wie sie behandelt wird(denn ich empfand das auch als ziemlich heftig). Sie stand einfach drüber. Ich habe mir dann gedacht, dass es vielleicht einfach ihre Art ist, dass sie darüber steht, wie andere über sie denken. Sie ist ziemlich taff :)

    Liebe Grüße
    Laura

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    1. @Laura - Ja, das hat mich auch etwas gewundert, dieses "wenig betroffen sein" von Lizzy. Immerhin gab es eine eigenen Anti-Gruppe bei Facebook über sie. Schlimm! Ich glaube auch, dass diese Abkapselung ihre Art war, damit umzugehen und dieses Dinge nicht näher an sich ranzulassen. Trotzdem hat sie das Angebot ihrer Tante, Tagebuch zu schreiben, angenommen, konnte sich hier Dinge von der Seele schreiben. Lizzys Geschichte ist wirklich besonders.

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  3. Hallo Damaris,

    ich mochte die Geschichte und besonders Lizzy mit ihrer Art und den "Problemen" sehr gerne. Gerade ihr Sarkasmus hat mir richtig gut gefallen und ich bin gespannt, wie dir der 2. Band gefallen wird.

    Liebe Grüße,
    Uwe

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    1. @Uwe - Ich war bei Lizzy auch sehr überrascht, wie sie mit dem Mobbing an sich umging. Oberflächlich hätte man sogar meinen können, es macht ihr nichts aus. Dem war natürlich nicht so. Toll, wie gut es dem Autor gelungen ist, in die Seele seiner Protagonistin schauen zu können. Freu mich auf Band 2 :-)

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